Ganz ausgezeichnet!

„Lehren heißt, zeigen was man liebt“ und als makketing berate ich ja nicht nur leidenschaftlich gerne in Sachen Marketing, sondern blogge, spreche im Radio, schreibe Bücher, halte Vorträge – und unterrichte. Immer in der Hoffnung, dass der Funke der Leidenschaft von mir auch auf meine Kunden, Leser, Hörer und die Studierenden überspringt.

Dementsprechend freue ich mich sehr, dass ich von der renommierten „Europäischen Medien- und Business-Akademie“ (EMBA) mit dem EMBA Lead Award 2016 als „bester Lehrender“ ausgezeichnet wurde.

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Ein Award, mit dem nicht nur das Campus-Management die Wertschätzung meiner Arbeit ausdrückt, sondern der auch maßgeblich das Urteil der Studierenden widerspiegelt. So ist es mir anscheinend gelungen, jenseits der Benotung von Klausuren, Interesse an Marketing und den vielfältigen Verknüpfungen mit uns als Marketingopfer wie -täter zu wecken und – trotz aller Passion – vieles auch kritisch zu hinterfragen, denn wir müssen Wirtschaftssysteme nicht als gegeben hinnehmen.

Mich erfüllt diese Auszeichnung mit viel Stolz und ich war auch sehr überrascht, als ich ihn erhalten habe, wie man dem Bild vielleicht ansehen kann:

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Dicke Dinger, heiße Würstchen und jede Menge Frischfleisch

„Kann man in diesem Sommer noch unbesorgt seine Würstchen grillen?“, fragen sich viele marketing-affine Grillmeister verunsichert. Ja doch, solange es nicht die Bruzzler von Wiesenhof sind, denn die haben sich wieder einmal eher mit Senf als mit Ruhm bekleckert. Alles zum Fall Wiesenhof und Atze Schröder aber auch zu Werbeskandalen grundsätzlich wollten die Herren von Zweiaufeins wissen und so luden sie mich – immer wieder sonntags – ins radioeins-Studio ein:

Worum geht es? Wiesenhof hat einen Spot für seine Würstchen produzieren lassen und da das deutsche Grillwesen in erster Linie anscheinend von Männern betrieben wird, wählte man Atze Schröder als Testimonial und ließ ihn in bewährter Manier eine Anzüglichkeit nach der nächsten absondern. Hahaha, schenkelklopf, da lacht der deutsche Stammtisch. Dumpf, dumpfer, dieser Spot:

*Aktualisiert*: Dieser Spot wurde bei youtube gelöscht, aber hier findet ihr noch die wesentlichen Aussagen:

Nun hätte das unter „schlechter Geschmack ganz unten“ abgelegt werden können, wäre nicht dieser Satz zu hören:

„Und, seid ihr bereit für die größte Wurst des Sommers? Hier ist das Ding. Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie.“

Diese Anspielung auf den laufenden Vergewaltigungsprozess von Gina-Lisa Lohfink, der zum medialen Ereignis geworden ist, brachte dem Spot, der bereits seit Ende März auf YouTube zu sehen war, schlagartig ins Gespräch. War er mit seinem Altherrenhumor bislang nur geschmacklos, so war er nach dem Bekanntwerden der Prozessdetails nur noch widerwärtig.

Immerhin eine Entschuldigung folgte:

Der Werbespot ist vor einem Jahr gedreht worden und hätte niemals veröffentlicht werden dürfen.

schreibt Atze Schröder auf seiner Facebook-Seite. Wurde er aber. Und selbst vor einem Jahr waren die Vergewaltigungsvorwürfe in den Medien (seit 2014 wird darüber berichtet) ein Thema und somit bekannt oder zumindest leicht recherchierbar. Der Spot war also auch schon vor einem Jahr unter aller Sau. Spätestens bei der Veröffentlichung auf YouTube im März hätte man aber wissen müssen, dass hier jeglicher Spaß aufhört und mit „man“ meine ich ganz konkret die Marketingverantwortlichen bei Wiesenhof, Atze Schröder, die Agentur, die diesen Spot konzipiert hat, das Team, das diesen Spot produziert hat, usw.

Doch bei Wiesenhof gilt anscheinend: Auch schlechte News sind News und bringen den Fokus auf das Produkt, denn Anzüglichkeiten in Sachen Wurst gehören zum Werbekonzept; der Wahnsinn hat Methode:

In Zeiten knapper Aufmerksamkeit seitens des begehrten Konsumenten muss der Anbieter sich eben etwas einfallen lassen – und was erregt die männliche Aufmerksamkeit als nackte Haut?

Ob Sex sells sei dahingestellt, aber mann guckt zumindest hin. Der Aufschrei empörter Frauen (sind sowieso alles Spaßbremsen) wird ebenso in Kauf genommen wie die mögliche Rüge vom Werberat:

Wenn der Werberat eine Werbemaßnahme beanstandet, wird das betroffene Unternehmen dazu aufgefordert,

  • entweder die Kampagne aus der Öffentlichkeit zu nehmen
  • oder die Werbung entsprechend der Beanstandung abzuändern.

Entspricht ein Unternehmen dieser Aufforderung nicht, rügt der Werberat und schaltet die Öffentlichkeit ein: Die Redaktionen der Massenmedien erhalten eine Mitteilung über die Rüge, die sich dann in der Berichterstattung und Kommentierung der Presse widerspiegelt.

erklärt der „Deutsche Werberat“ dazu auf seiner Website; mehr als ein „Dududu!“ ist die Rüge also nicht.

Dementsprechend wird der kalkulierte Skandal auch nach wie vor gerne eingesetzt. Folgende Kategorien ziehen dabei immer:

  1. Sex

Diese Motive sind übrigens allesamt vom Werberat gerügt worden….

Auch die CMA, die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, liebt die Zweideutigkeit: So warb sie mit der Abbildung eines jungen Mannes mit halb geöffneter Hose und dem Satz „Ich mag’s am liebsten mit jungem Gemüse“…. Doch auch die anderen Motive spielen mit der „Fleischeslust“:

2. Gewalt

Unvergessen die vielen Schockmotive der Benetton-Kampagne in den 90ern. Auch hier setzte man auf den kalkulierten Aufschrei, der angeblich die Gesellschaft zum Nachdenken bringen, letztendlich aber dem Pulloververkauf dienen sollte.

Und diese Kampagne führt uns dann nahtlos zu

3. Religion

Auch hier kann sich der Absender ziemlich sicher sein, dass die öffentliche Empörung schnell erfolgt…

Mehrere Unternehmen versuchten beispielsweise, das letzte Abendmahl auf ihre ganz eigene Weise darzustellen – und scheiterten in aller Regel damit:

Schon Ende der 60er schockte die Werbeikone Charles Wilp die Nation mit sinnlich dahinschmelzenden Nonnen, die vom Afri-Cola-Genuß ganz berauscht in höheren Sphären zu schweben schienen. Immerhin hatte er sich im Vorfeld dieser Kampagne sicherheitshalber das OK vom Kölner Kardinal Frings geholt, der wohl nur meinte: „Warum sollen unsere Nonnen keine geschminkten Lippen haben und Afri Cola trinken?“ (Quelle)

Das erinnert mich wiederum abschließend an das HiFi-Geschäft, das vor langen Jahren damit warb: „Wenn Sie Ihre Stereoanlage bei uns kaufen, sparen Sie genug Geld, um sich vor Freude sinnlos zu betrinken.“ Auch hier rügte der Werberat den Slogan als  Appell zum Alkoholmissbrauch…

 

 

Von wegen: Red Bull verleiht gar keine Flügel!

Wir haben es doch alle schon geahnt: Red Bull verleiht gar nix – und schon gar nicht Flügel. Alles Lüge! Und lügen darf man nicht, das haben uns unsere Eltern beigebracht. Das muss sich auch ein US-Amerikaner gedacht haben, der Red Bull kurzerhand verklagte. Anlass genug, mich in das radioeins-Studio einzuladen, um über diesen Fall und andere Werbelügen zu sprechen. Das Zweiaufeins-Interview lässt sich wie immer hier nachzuhören:

Um eine langwierige und teure Massenklage zu vermeiden, hat sich Red Bull 2014 mit dem Kläger auf einen Vergleich in Höhe von 13 Millionen US-Dollar geeinigt. Diese wurden nun nicht an eine Person ausgezahlt, sondern jeder Konsument, der zwischen 2002 und 2014 eine Dose Red Bull gekauft hatte, konnte eine Entschädigung in Höhe von 10 Dollar in bar beantragen – oder alternativ Red Bull-Produkte im Wert von 15 Dollar erhalten.

Red Bull ist dabei nicht das erste Unternehmen, das es in Sachen „Werbelüge“ getroffen hat: 2012 musste Ferrero 4 Dollar pro Glas zurückerstatten (gesamt 3 Millionen Dollar), nachdem eine Mutter entsetzt festgestellt hatte, dass Nutella nicht wirklich so gesund ist, wie die Werbung behauptet, sondern eigentlich die gleichen Zutaten enthält wie ein Schokoriegel .

Wer davon angespornt jetzt auf die Suche nach vollmundigen Werbeversprechungen geht („Doping für die Haare“, „weißer als weiß gewaschen“), den muss ich leider enttäuschen: Die „erkennbare reklamehafte Übertreibung“ ist laut deutschem Wettbewerbsrecht zulässig und dem hiesigen Konsumenten kann durchaus zugetraut werden, Metaphern, Analogien und andere Stilmittel als leicht aussageverzerrend hinzunehmen. Zudem kennt das deutsche Recht keine Sammelklagen, die in den USA schnell zu diesen hohen Schadenssummen führen; es gibt bei uns keine Gruppen-, sondern nur die individuelle Betroffenheit, d.h. jeder Kläger muss seinen individuellen Schaden und die Kausalität darstellen können.

Ausgenommen sind davon jedoch alle Wirkungsversprechen, insbesondere bei Lebensmitteln. Seit 2005 überprüft die europäische Lebensmittelagentur EFSA im italienischen Parma nicht nur die Lebensmittelsicherheit, sondern auch die Werbeaussagen. Sollten diese („stärkt die Abwehrkräfte“) nicht nachweisbar sein, wird die Verwendung untersagt.

In den USA ist das also anders und so gibt es keine Klageidee, die ungewöhnlich genug wäre, um nicht den entsprechenden Anwalt zu finden, der sie vor Gericht bringt. Einige Jahre lang wurde der „True Stella Award“ für die dreistesten Versuche, Schadensersatz und Schmerzensgeld zu erstreiten, vergeben, benannt nach Stella Liebeck, die 1992 McDonalds verklagte, weil diese den Kaffee deutlich heißer brühten als die Wettbewerber und auf den Bechern davor nicht warnten. Neben dem Schmerzensgeld für Liebeck setzte die Jury 2,7 Millionen US-Dollar Strafzahlung fest, orientiert an der Summe, die McDonalds an zwei Tagen nur mit dem Verkauf von Kaffee einnimmt.

Für Red Bull waren die 13 Millionen eher eine Zahlung aus der Portokasse, denn abgesehen von der weltweiten Bericherstattung, die aufgrund der Aufmerksamkeit durchaus einen Werbewert hat, gibt das Brauseunternehmen ohnehin gut ein Drittel seines Umsatzes für Werbung aus, geschätzt sind das 1,4 Milliarden Euro im Jahr. Da muss man das mit dem Flügelverleih nicht so genau nehmen…

Also: Red Bull verleiht keine Flügel.Oder vielleicht doch?

Immer noch: Saufen für den Regenwald, den Artenschutz, den Weltfrieden

Na, wer kann sich daran noch erinnern?

Saufen für den Regenwald! Mit jedem Kasten Bier, den man kaufte, rettete man 2002 einen Quadratmeter bedrohter Natur. Toll! Und Anlaß genug für die Herren von „Zweiaufeins„, mich zum Thema „Kasten“ in das radioeins-Studio einzuladen, um über Sinn und Unsinn solcher Aktionen zu sprechen.

Zunächst einmal: Die Aktion war für Krombacher ein voller Erfolg:

„Wir sind gegen den Trend im Markt gewachsen“, sagt Weihrauch. „Und unsere Werte bei Authentizität, Sympathie und Glaubwürdigkeit sind deutlich gestiegen.“

zitert die „taz“ den Krombacher-Pressesprecher Franz-Josef Weihrauch. Und so setzt die Biermarke diese Aktion seit nun mehr 14 Jahren fort. Mittlerweile geht es nicht mehr um den weit entfernten Regenwald, sondern um den Artenschutz quasi vor unserer Haustür:

Krombacher hat tatsächlich Geld in Regenwaldprojekte gesteckt, was grundsätzlich löblich ist. Und doch sahen sie sich schnell einer wachsenden Zahl von Anfragen ausgesetzt, die genau wissen wollten, wie Krombacher den Umweltschutz über die Werbeaktion hinaus lebt. Wie sozial sie sich als Arbeitgeber verhalten, wo ihre Zutaten herkommen usw. usf. Und – ebenso löblich – es setzte ein Umdenken im Unternehmen ein, das 2011 in dem ersten Nachhaltigkeitsbericht gipfelte. Viele positive Effekte – ist das also eine gelungene „grüne“ Aktion?

Mitnichten, denn es handelt sich hier immer noch um eine Werbeaktion, bei der unter dem Vorwand, das grüne Gewissen zu beruhigen, vor allen Dingen eines erzielt werden soll: mehr Absatz. Und dieser Mißbrauch grüner Themen ist stets eine Form von Green Washing. Es steht jedem Unternehmen, jeder Unternehmerin und jedem Unternehmer frei, sich sozial, fair und grün zu engagieren und Teile der erwirtschafteten Gewinne über soziale und ökologische Projekte wieder an die Gesellschaft zurückzugeben – und natürlich kann dies auch gerne im Rahmen der Website und anderer PR-Aktivitäten kommuniziert werden (Tue Gutes und sprich darüber!), aber wenn dieses Engagement in den Vordergrund geschoben wird, um damit Dinge zu verkaufen und Wachstum zu generieren, dann handelt es sich hier nicht mehr um ein öko-soziales Engagement, sondern eben um ödeschnödeblöde Werbung.

Und das Schlimme ist, dass man sich als Unternehmen damit tatsächlich auch seinen guten Ruf ruinieren kann: Beispiel Porta. Auch dieses Möbelhaus engagiert sich vorbildlich und unterstützt viele Projekte, wie man online nachlesen kann, aber auch hier wird dann u.a. eine große Funkspot-Werbekampagne gefahren, um die Kunden zum Möbelkauf am 7. Mai zu bewegen, denn:

Wirtschaftliche Unternehmen sind keine moralischen Instanzen und dürfen sich auch nicht dazu aufspielen. Sie können mich informieren, sie können mir ihre Partner vorstellen, mich dazu animieren, diese zu unterstützen. Aber wenn sie ihre Wohltaten von meinem Kaufverhalten abhängig machen (und das auch noch ziemlich unverhohlen im Rahmen von Werbeaktionen), dann verspielen sie ihre Glaubwürdigkeit.

Auch H&M ist großartig darin, Green Washing zu betreiben, wie ich jüngst in einem Beitrag für meinen „Schwester-Blog“ greenmarketing aufgezeigt habe. Der Textilhändler lenkt mit einer großen, grünen Recycling-Kampagne vom eigentlichen Thema, den Produktionsbedingungen, ab.

Es handelt sich auch hier ziemlich unverhohlen um Abverkaufswerbung, der Kunde kommt beim Zurückbringen der Klamotten wieder in die Filiale zurück und kann mit den erhaltenen Gutschein gleich wieder neue Bekleidung kaufen. Das diese aber unter billigsten Bedingungen produziert wird, darüber schweigt sich H&M aus und seine Bemühungen, diese zu verbessern, sind eher marginal. Wie auch, plant doch das Unternehmen weiterhin jährlich 400 Filialen zu eröffnen, die alle mit billiger „fast fashion“ bestückt werden wollen.

Wenn Unternehmen damit weitermachen, uns unter grünen Aspekten ihre Produkte verkaufen zu wollen, dann wird Nachhaltigkeit nur noch zu einem beliebigen Zusatznutzen, dann hat es unser Wirtschaftssystem wieder einmal geschafft, sich einen Gegenansatz einzuverleiben und daraus Profit zu schlagen. Das dürfen wir als Konsumenten nicht zu lassen.

 

Ich mach dich fertig!

„Mach es zu deinem Projekt!“ ruft uns die Werbung einer großen Baumarkt-Kette entgegen, doch was hat es wirklich auf sich mit dem „Do it yourself“-Kult? Das wollten die Herren von Zweiaufeins wissen und luden mich dementsprechend ins radioeins-Studio zum Gespräch:

Ich bin nun handwrklich eher unbegabt, koche dafür aber sehr gerne. Grundsätzlich gibt es für alles Fertigprodukte, wieso machen wir überhaupt noch etwas mit unseren eigenen Händen? Weil wir selbst gebauten, gekochten, gemachten Produkten mehr Wertschätzung entgegenbringen und emotional stärker an sie gebunden sind – selbst, wenn wir sie nur zuende gemacht haben. Im Marketing heißt dieses Phänomen „IKEA-Effekt“, denn die Wertschätzung eines individuell zusammengebauten Möbelstückes aus Massenproduktion ist fast genauso hoch wie die für ein vom Handwerker gefertigtes Einzelstück.

Dies wurde in den Vereinigten Staaten schon in den 50er Jahren bei Kuchenbackmischungen festgestellt. Der Verkauf von Fertigbackmischungen blieb damals hinter den Erwartungen zurück, denn die Hausfrauen empfanden es als zu einfach und zu unbefriedigend, wenn sich der Kuchen quasi von selbst machte. Erst als die Werbung betonte, dass der Backmischung doch noch frische Eier, Milch und anderes hinzugefügt werden müsse, stellte sich der Erfolg ein, denn nun gab es den eigengestalteten Eingriff. Und das ist bis heute noch so:

Und wenn dann noch der Handwerker selbst zu den kleinen Helfern greift, dann kann man auch als Amateur nichts mehr falsch machen…

Dass DIY heute im Marketing einen so hohen Stellenwert hat, zeigt wieder einmal, dass der Kapitalismus als Wirtschaftssystem es bestens versteht, sich jede gegenkulturelle Strömung einzuverleiben: Ursprünglich hatte das „Do it yourself“-Konzept einen politischen Hintergrund, der sich in den 60ern und 70ern ganz klar gegen passiven Konsum, industrielle Massenproduktion und die wachsende Macht der Medien wandte. Improvisieren, selbst organisieren, selber machen waren Methoden der Abgrenzung. Und so strickten die Abgeordenten der AL (Alternative Liste) und der Grünen auch in den Landtagen und im Bundestag als ausdrückliches Zeichen des Anders-Seins (hier der heutige Europa-Abgeordnete der Grünen, Michael Cramer):

Nach zwei Generationen Konsumkultur richten sich auch heute wieder reichlich Angebote gegen Massenproduktion und zeigen den Weg zurück zum Selbermachen, denn viele dieser kulturellen Fertigkeiten wie Kochen, Nähen, Reparieren, Handwerken sind fast verloren gegangen in den vier Jahrzehnten, in denen einfach immer alles wieder neu gekauft wurde. Doch mittlerweile haben die Anbieter erkannt, dass man damit sehr gut Geld verdienen kann, und dementsprechend reagiert, in dem sie uns mit einer Vielzahl von Magazinen, Anleitungen, Zubehör, Maschinen und Fernsehsendungen (in deren Werbeblöcke uns dann die genannten Produkte angepriesen werden) tatkräftig unterstützen. Und spätestens, wenn wir unsere selbstgebastelten Machwerke dann bei Dawanda oder Etsy zu Verkauf anbieten, dann schließt sich der kapitalistische Kreislauf wieder….. Man könnte es zum Kotzen finden:

Kaufst du noch oder isst du schon?

Ingvar Kamprad wurde 90 und das ist Grund genug für die Herren von 2auf1 ihn und sein Lebenswerk in die Sendung zum Thema „Fleisch“ aufzunehmen. Und damit nicht genug, haben sie mich auch noch ins radioeins– Studio geladen, um über IKEA und Köttbullar zu sprechen:

Erste Hürde: die korrekte Aussprache. Köttbullar wird nämlich mitnichten Köttbullar ausgesprochen, sondern: „Schöttbüllar“. Hab ich extra bei Youtube nachgelesen:

Zweite Hürde: Was ist denn da eigentlich drin, in den lustigen Elchklopsen? So viele Elche kann es ja gar nicht geben, wie täglich in den 315 IKEA-Restaurants Köttbullar-Portionen verschlungen werden (man spricht von 150 Millionen pro Jahr weltweit). Vor drei Jahren war IKEA vom Pferdefleisch-Skandal betroffen, denn bis zu 10% Pferd fand sich in den Klopsen. Aber wer wird da schon kleinlich sein, Pferd und Elch sind ja auch irgendwie verwandt. Also entfernt. Also sehr entfernt.

Peer Schader vom „Krautreporter“ hat einmal genauer hingesehen:

„Köttbullar mit Kartoffelpüree, Preiselbeeren und Rahmsoße“: Die Ikea-Fleischbällchen werden von den Experten mehrheitlich okay bewertet. Sie bestehen aus Rind (56 Prozent) und Schwein (28 Prozent), Zwiebeln, Paniermehl, Eiern, Salz, Eiweiß, Pfefferextrakt (gleich mehr dazu) und Eiweiß. Im Püree steckt Molkenpulver für die Milchnote und Aroma; Farbstoff (Beta-Carotin, E160a) sorgt dafür, dass das Püree trotz unterschiedlicher Kartoffeln immer gleich aussieht. (Quelle)

Soviel zum Elch. Wieder eine Illusion weniger. „Pfefferextrakt“ meint übrigens „Pfefferaroma“, aber Aroma ist so ein Ih-bäh-Begriff, der gleich an künstliche Aromen erinnert. Letztendlich will man sich nur die Kosten für echten, teuren Pfeffer sparen. Schader kommt auch beim Kalorienvergleich auf ein interessantes Ergebnis:

Eine 15er-Portion Köttbullar mit Kartoffelpüree, Preiselbeeren und Rahmsoße kommt demnach auf 974 Kalorien (4.074 kJ). Zum Vergleich: Wer bei McDonald’s zwei Hamburger, eine kleine Pommes und eine Sechser-Portion Chicken McNuggets verdrückt, erreicht 1.005 Kalorien (4.205 kJ). Mit zwei Big Mac liegt man leicht darüber (1.018 Kalorien, 4.259 kJ).

Das ist die Hälfte des täglichen Kalorienumsatzes, der laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung für Frauen empfohlen wird – aber man darf ja nicht vergessen, dass nach dem Essen noch die schweren Teelichter und Servietten nach Hause geschleppt werden müssen, da braucht man viel Kraft!

Das Essen im sogenannten „IKEA-Restaurant“ bewegt sich also auf besserem Kantinen-Niveau. Jeder 5. Kunde isst bei IKEA, sieht in den niedrigen Restaurantpreisen bestätigt, dass IKEA immer und überall günstig ist und geht glücklich und zufrieden zur Kasse (glücklich, weil IKEA ziemlich viel Zucker verwendet). Das Geschäft mit dem Essen ist für IKEA nicht unwichtig, wie die „Wirtschaftswoche“ berichtet:

Der Gesamtumsatz im Geschäftsjahr 2014/2015 stieg in Deutschland um 7,7 Prozent auf 4,435 Milliarden Euro. Und die hauseigenen Restaurants dürften einiges dazu beigetragen haben, das Unternehmen auf Wachstumskurs zu halten. 204 Millionen Euro Umsatz hat Ikea Deutschland 2014/15 im Food-Bereich erzielt, 7,2 Prozent mehr als im Vorjahr.

Damit war das Geschäftsfeld sogar wichtiger als der Online-Handel, der 189,6 Millionen Euro Umsatz einspielte. (Quelle)

Der Möbelkauf wird als weniger nervig empfunden, wenn das Essen als Belohnung für die geschundenen Nerven winkt; eine Idee vom Gründer Kamprad selbst, der der Meinung war, dass niemand mit knurrendem Magen gerne einkaufen geht – und Köttbullar gibt es eben nach wie vor nur bei IKEA: ein Frequenzbringer und zusätzlicher Anziehungsmagnet im IKEA-Uiversum.

Dementsprechend gehört IKEA zu den 10 größten Systemgastronomieanbietern Deutschlands – vor Starbucks, Vapiano oder den Block-Häusern:

Fastfood-Kantine IKEA? Das zeigt sich sehr deutlich im Innenstadt-IKEA in Hamburg-Altona, das erste seiner Art in Deutschland. Sie hat zwar die meisten Besucher, ist aber bei weitem nicht die umsatzstärkste Filiale, was auch am verkleinerten Sortiment liegt. Das Restaurant ist hier „Stadteilkantine“, ein wichtiger Treffpunkt in der Fußgängerzone, so dass IKEA es schon bald nach der Eröffnung vergrößern musste. Diese sich verändernde Bedeutung unterschätzt IKEA nicht, im Gegeteil: Bis 2017 sollen sämtliche deutsche Restaurants umgebaut und modernisiert werden. Eine Viertelmillion Euro pro Filiale (immerhin 50 Häuser) investiert der Konzern.

Und – natürlich – gibt es jetzt seit April 2015 „vegetarische Köttbullar“: das Gemüsebällchen Grönsaksbullar (nachdem fast 26.000 Menschen weltweit eine Petition für vegane Kottböllar unterschrieben hatten). Veganer aufgepasst! Spuren von Milch oder Ei können nicht ausgeschlossen werden…

Und falls es noch jemand nicht wissen sollte: „IKEA“ ist ein sogenanntes Akronym und setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben des Vor- (Ingvar) und Nachnamens (Kamprad) seines Gründers, der elterlichen Farm, auf der er aufwuchs (Elmtaryd), und seines Heimatortes (Agunnaryd). Falls Herr Jauch mal fragt….

FOC me Baby one more time

Ohne Anzüglichkeiten bekommt man in dieser Zeit der knappen Aufmerksamkeit ja gar keine Beachtung mehr… Es geht also um FOC, um Factory Outlet Center, und zu diesem Thema war ich zu Gast bei Zwei auf eins im radioeins-Studio:

Seit wann es Factory Outlets, also den Fabrikverkauf, überhaupt gibt, lässt sich dabei nicht genau feststellen. Schon früh fingen Fabrikbesitzer damit an, unverkaufte Ware oder fehlerhafte Produkte sehr sehr günstig direkt ab Werk zu verkaufen, zunächst nur an die eigenen Mitarbeiter, später dann an alle Interessenten, Günstig war die Ware auch, da bem Kauf ab Werk die Marge wegfällt, die der Händler auf das Produkt aufschlägt. Der Einzelhandel mit seinem ganz eigenen Kostenblock (teure Innenstadtlagen, Personal, Ladenausstattung) wurde und wird also gezielt umgangen. Um es sich mit dem Fachhandel nicht ganz zu verderben, setzen die Hersteller daher auf Produkte „2. Wahl“, also Ware mit kleinen Fehlern oder nicht verkaufte Ware der vorrigen Saison. Da es jedoch die üblichen Saisonphasen nicht mehr gibt und heute bis zu 30 Kollektionen im Jahr herausgebracht werden, gilt in der Regel, dass die Produkte zunächst 3 Monate dem Verkauf durch den Fachhandel vorbehalten bleiben, bevor sie im Outlet-Center angeboten werden.

1974 wurde in Pennsylvania die erste Outlet-Mall errichtet, also der Zusammenschluss mehrerer Fabrikverkäufe an einem Ort. In der Folge entstanden über 325 weitere Outlet-Center in den Vereinigten Staaten. Ab Mitte der 80er Jahre entstanden die ersten FOC dann in Frankreich und Großbritannien, seit Mitte der 90er breiten sich diese auch in Deutschland aus. Heute gibt es bei uns 257 Outlet-Center.

Erstes Outlet-Center in Reading, PA

Mittlerweile gibt es über 13.000 Outlet-Stores allein in den USA und selbstredend werden dort die Produkte in aller Regel auch gar nicht mehr produziert, sondern kommen aus asiatischen Fabriken. Aber die Schnäppchenjäger-Mentalität der Konsumenten hat die Unternehmern schnell reagieren lassen: Es wird geschätzt, dass lediglich 10 – 15% der angebotenen Produkte noch 2.Wahl- oder Second-Season-Ware ist und der Rest extra für die Outlets produziert wird, oftmals auch in minderer Qualität, die den kleinen Preis dann rechtfertigt. Zudem kommt es häufiger vor, dass mit falschen Preisauszeichnungen ein höherer Preisabschlag signalisiert wird, als er tatsächlich stattgefunden hat.

Doch ganz egal, das Konzept funktioniert nach wie vor bestens, so zum Beispiel in Metzingen, einem der bekanntesten Outlet-Center in Deutschland.3,5 Millionen nationale und internationale Kaufwillige (rund 37% kommen aus dem Ausland, weitere 35% reisen bundesweit an) zieht der ursprünglich als Fabrikverkauf von BOSS gestartete FOC-Bereich an, um weitere 10.000 qm soll erweitert werden.

Der Bürgermeister freut sich, bringen doch die Center-Touristen reichlich Steuern ins Geldsäckl (allein in Metzingen fallen 75.000 Übernachtungen im Jahr durch Shopping-Gäste an), aber natürlich ziehen die Outlet-Center den Innenstädten die Kaufkraft ab – Verödung droht. Nicht nur unmittelbar am Outlet-Ort, sondern auch in den Nachbarstädten. So klagten 2014 die Städte Reutlingen und Tübingen gegen die geplante Erweiterung der Outlet-City.

Ganz anders hat es da Bad Münstereifel gemacht, denn hier wurde die gesamte Stadt zum Outlet-Center: Nach dem Ausbleiben der Kurgäste war es wirtschaftlich schlecht bestellt um die kleine Stadt. Privatinvestoren kauften 30 Häuser in der mittelalterlichen Innenstadt und bauten diese für 40 Millionen Euro um. Von den 14.000 qm Verkaufsfläche der Stadt gehören ihnen nun 10.000 qm, 12.500 qm sollen es werden. Nicht ganz ohne Vorteil ist es dabei, dass Bad Münstereifel als Kurstadt 40 verkaufsoffene Sonn- und Feiertage im Jahr hat – und so konnten 600 Vollzeitsarbeitsplätze geschaffen werden. Gleichzeitig aber gibt es nun in der Innenstadt keine Apotheke, keine Drogerie und keine Kindergeschäfte mehr.