Dicke Dinger, heiße Würstchen und jede Menge Frischfleisch

„Kann man in diesem Sommer noch unbesorgt seine Würstchen grillen?“, fragen sich viele marketing-affine Grillmeister verunsichert. Ja doch, solange es nicht die Bruzzler von Wiesenhof sind, denn die haben sich wieder einmal eher mit Senf als mit Ruhm bekleckert. Alles zum Fall Wiesenhof und Atze Schröder aber auch zu Werbeskandalen grundsätzlich wollten die Herren von Zweiaufeins wissen und so luden sie mich – immer wieder sonntags – ins radioeins-Studio ein:

Worum geht es? Wiesenhof hat einen Spot für seine Würstchen produzieren lassen und da das deutsche Grillwesen in erster Linie anscheinend von Männern betrieben wird, wählte man Atze Schröder als Testimonial und ließ ihn in bewährter Manier eine Anzüglichkeit nach der nächsten absondern. Hahaha, schenkelklopf, da lacht der deutsche Stammtisch. Dumpf, dumpfer, dieser Spot:

*Aktualisiert*: Dieser Spot wurde bei youtube gelöscht, aber hier findet ihr noch die wesentlichen Aussagen:

Nun hätte das unter „schlechter Geschmack ganz unten“ abgelegt werden können, wäre nicht dieser Satz zu hören:

„Und, seid ihr bereit für die größte Wurst des Sommers? Hier ist das Ding. Danach müssen Gina und Lisa erst mal in die Traumatherapie.“

Diese Anspielung auf den laufenden Vergewaltigungsprozess von Gina-Lisa Lohfink, der zum medialen Ereignis geworden ist, brachte dem Spot, der bereits seit Ende März auf YouTube zu sehen war, schlagartig ins Gespräch. War er mit seinem Altherrenhumor bislang nur geschmacklos, so war er nach dem Bekanntwerden der Prozessdetails nur noch widerwärtig.

Immerhin eine Entschuldigung folgte:

Der Werbespot ist vor einem Jahr gedreht worden und hätte niemals veröffentlicht werden dürfen.

schreibt Atze Schröder auf seiner Facebook-Seite. Wurde er aber. Und selbst vor einem Jahr waren die Vergewaltigungsvorwürfe in den Medien (seit 2014 wird darüber berichtet) ein Thema und somit bekannt oder zumindest leicht recherchierbar. Der Spot war also auch schon vor einem Jahr unter aller Sau. Spätestens bei der Veröffentlichung auf YouTube im März hätte man aber wissen müssen, dass hier jeglicher Spaß aufhört und mit „man“ meine ich ganz konkret die Marketingverantwortlichen bei Wiesenhof, Atze Schröder, die Agentur, die diesen Spot konzipiert hat, das Team, das diesen Spot produziert hat, usw.

Doch bei Wiesenhof gilt anscheinend: Auch schlechte News sind News und bringen den Fokus auf das Produkt, denn Anzüglichkeiten in Sachen Wurst gehören zum Werbekonzept; der Wahnsinn hat Methode:

In Zeiten knapper Aufmerksamkeit seitens des begehrten Konsumenten muss der Anbieter sich eben etwas einfallen lassen – und was erregt die männliche Aufmerksamkeit als nackte Haut?

Ob Sex sells sei dahingestellt, aber mann guckt zumindest hin. Der Aufschrei empörter Frauen (sind sowieso alles Spaßbremsen) wird ebenso in Kauf genommen wie die mögliche Rüge vom Werberat:

Wenn der Werberat eine Werbemaßnahme beanstandet, wird das betroffene Unternehmen dazu aufgefordert,

  • entweder die Kampagne aus der Öffentlichkeit zu nehmen
  • oder die Werbung entsprechend der Beanstandung abzuändern.

Entspricht ein Unternehmen dieser Aufforderung nicht, rügt der Werberat und schaltet die Öffentlichkeit ein: Die Redaktionen der Massenmedien erhalten eine Mitteilung über die Rüge, die sich dann in der Berichterstattung und Kommentierung der Presse widerspiegelt.

erklärt der „Deutsche Werberat“ dazu auf seiner Website; mehr als ein „Dududu!“ ist die Rüge also nicht.

Dementsprechend wird der kalkulierte Skandal auch nach wie vor gerne eingesetzt. Folgende Kategorien ziehen dabei immer:

  1. Sex

Diese Motive sind übrigens allesamt vom Werberat gerügt worden….

Auch die CMA, die Centrale Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft, liebt die Zweideutigkeit: So warb sie mit der Abbildung eines jungen Mannes mit halb geöffneter Hose und dem Satz „Ich mag’s am liebsten mit jungem Gemüse“…. Doch auch die anderen Motive spielen mit der „Fleischeslust“:

2. Gewalt

Unvergessen die vielen Schockmotive der Benetton-Kampagne in den 90ern. Auch hier setzte man auf den kalkulierten Aufschrei, der angeblich die Gesellschaft zum Nachdenken bringen, letztendlich aber dem Pulloververkauf dienen sollte.

Und diese Kampagne führt uns dann nahtlos zu

3. Religion

Auch hier kann sich der Absender ziemlich sicher sein, dass die öffentliche Empörung schnell erfolgt…

Mehrere Unternehmen versuchten beispielsweise, das letzte Abendmahl auf ihre ganz eigene Weise darzustellen – und scheiterten in aller Regel damit:

Schon Ende der 60er schockte die Werbeikone Charles Wilp die Nation mit sinnlich dahinschmelzenden Nonnen, die vom Afri-Cola-Genuß ganz berauscht in höheren Sphären zu schweben schienen. Immerhin hatte er sich im Vorfeld dieser Kampagne sicherheitshalber das OK vom Kölner Kardinal Frings geholt, der wohl nur meinte: „Warum sollen unsere Nonnen keine geschminkten Lippen haben und Afri Cola trinken?“ (Quelle)

Das erinnert mich wiederum abschließend an das HiFi-Geschäft, das vor langen Jahren damit warb: „Wenn Sie Ihre Stereoanlage bei uns kaufen, sparen Sie genug Geld, um sich vor Freude sinnlos zu betrinken.“ Auch hier rügte der Werberat den Slogan als  Appell zum Alkoholmissbrauch…

 

 

Schlüpfrig in den 90ern

Zu Gast bei den Herren von Zweiaufeins im radioeins-Studio drehte sich diesmal alles um das Thema „klein“. Doch was ist im Marketing schon klein? Weder das Ego der Werber, noch die erforderlichen Etats und klein denken geht schon mal gar nicht.

Was bleibt noch übrig? Richtig, der Ritt in die Vergangenheit und da zu einem Herren namens Calvin Klein und seiner Unterwäsche:

Na, wer einnert sich noch an diesen schmucken Kerl? Mark Wahlberg, damals noch als Marky Mark bekannt. Werbung machte er für den schnieken Feinripp-Schlüppi von Calvin Klein, der es damit schaffte, ein Kleidungsstück, das eigentlich unsichtbar war, zur Status-Marke machte.

Klein machte bereits seit den 60ern Mode und schuf in den 70ern quasi den Prototyp der Designerjeans. Sein Team und er hatten jedoch stets auch ein Gespür für den nötigen Werbehype. So ließ er 1979 die damals 14jährige Brooke Shields mit unschuldiger Miene auf Plakaten und in Anzeigen sagen: „Nothing comes between me and my Calvins“ . Ein Skandal im damals noch sehr prüden Amerika, für den Klein, der seine Motive stets selbst wählte und umsetzte, jährlich 5 Millionen Dollar ausgab.

Klein holte damals schon das Label aus der Hose auf die Hose. Was lag da näher, als auch bei der Unterhose das Label markant auf dem Bund zu positionieren und dafür zu sorgen, dass dieser schön weit aus der Jeans herausschaut?

Und wieder hatte Klein ein gutes Gespür für den Zeitgeist: In den körpervernarrten 90ern, der Ära der Supermodels, präsentierte er den Six-Pack-Beau Wahlberg und das ultimative Magermodel Kate Moss und traf damit wie kein Zweiter die Körperkult-Ideale der westlichen Welt.

Die Unterwäsche gab es bereits seit 1982, doch war die Marke lange Zeit auf den amerikanischen Raum beschränkt, bevor sie in die große weite Welt hinausstürmte (und dann auch eine Menge Nachahmer fand….). Einzug in die popkulturelle Welt fand sie bereits 1985, als ein junger Mann in die Vergangenheit reiste und das Logo auf dem Bund als Namenswäschezeichen verstanden wurde….

Klein brachte den Sex in die Werbung und das ganz mit Absicht, denn er bekannte, Unterwäsche zu entwerfen, damit die Menschen Sex hätten. Die Rechnung ging auf:  5 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz machte Calvin Klein zu Spitzenzeiten, bis der heute 73jährige bis er das Unternehmen 2002 für 430 Millionen US-Dollar verkaufte.

Heutzutage mutet das alles ziemlich harmlos an, vor 25 Jahren jedoch war dies erst der Startpunkt für den späteren Porno-Chic in der Mode-Werbung, wie er beispielsweise von Terry Richardson für Sisley umgesetzt wurde.

Und: Es ist natürlich alles nur Werbung. Denn die Realität sieht – leider – meistens anders aus:

 

Sex? Oder lieber gleich was essen?

Es gibt ja Menschen, die behaupten, dass sie ein gutes Essen jederzeit dem Akt der Kopulation  vorziehen würden: Ist nicht so anstrengend, man schwitzt auch nicht dabei und der Genuß hält viieel länger an. Und in der Tat, so mancher Genießer gerät geradezu in orgiastische Verzückungen beim Verzehr leckerer Speisen. Höchste Zeit also, das mal marketingmäßig zu verwursten:

Das dazugehörige Spiel auf „Genußgesichter“ ist wirklich amüsant; ich lag erstaunlich oft daneben.

Doch ver steckt hinter diesem kleinen Spaß? Yam Tam Tam.. Yam Tam Tam? Ein neuer jugendlicher Kochkanal, der leider wie eine schlecht gemachte ARD-Vorabendserie daher kommt:

Ich dachte ja zuerst, die haben eine Serie aus den 80ern recycelt…oder zumindest das Personal… gruselig! Es bewahrheitet sich leider wieder einmal: Das Gegenteil von gut ist gut gemeint. Und noch enttäuschter war ich, als ich sah, wer nun wieder hinter Yam Tam Tam steckt, nämlich die Lebensmittel liebenden Kollegen von Edeka. Da stehen dann auf der Website Perlen wie:

Das Erfolgsrezept für einen unterhaltsamen Kochkanal: Man nehme eine Genießerin, einen Küchenchaoten und eine Naschkatze, werfe alles in einen Topf, Deckel drauf und die Kamera an – fertig ist yumtamtam!

Ok, ich bin ja nun schon betagt – und Essen ist der Sex das Alters (Rezepte/Beileidsbekundungen bitte per mail an mich). Genußgesichter sind ohne Frage eine tolle Idee, aber zappelige Klischee-WGler animieren nun wirklich nicht zum Kochen. Natürlich soll Kochen Spaß machen, aber unfreiwillige Komik könnte einen gegenteiligen Effekt bewirken. Dann doch lieber die Kiste mal ausmachen und in der neuen „deli“ blättern…

(Vielen Dank an Carsten, der mich auf die Genußgesichter aufmerksam gemacht hat! 😉 )

Gib Gummi, sonst Puzzle!

Werbung mit Sex kann ja jeder, Werbung für Sex ist schon etwas anspruchsvoller, insbesondere wenn es halbwegs geschmackvoll sein soll (schlag nach bei Porno).

Anti-Aids-Kampagnen erinnern uns gerne daran, dass das Kondom schützt, aber diese Spots hier zeigen nun die grauenvollen Folgen, wenn keine Gummis zur Hand sind – da wird der flotte Dreier dann schnell zur freudlosen Puzzlerunde….

Bevor das kleine Stelldichein also in frustrierenden Handarbeiten endet,  lieber rechtzeitig beim Einkauf an die kleinen Lümmeltüten denken!

Pornfelder – und dann klappt es auch mit der Nachbarin…

Jaja, Sex sells….. alter Hut. Kann man geschmackvoll machen, aber letztendlich zählt doch nur eins: Aufmerksamkeit mit Sabber-Effekt. Wenn der gute Wein daher als Schlüpferstürmer beim Date eingesetzt werden soll, dann ist es doch naheliegend, ihn auch Pornfelder zu nennen….

Doch genug der Schlüpfrigkeiten, denn natürlich soll der Wein zum Hingucken und -hören animieren und polarisieren, aber der Ansatz dahinter ist ein ganz anderer:

Falls die Reeperbahn nun nicht die ganze Abfüllung aufkauft, dann lässt sich der gute Tropfen zum Beispiel noch über „Geile Weine“ (sic!) bestellen… Prost!

Virales Marketing auf den Punkt gebracht

Botschaften ansteckend machen – das ist das hehre Ziel hinter dem viralen Marketing. Klingt immer ganz einfach, ist aber ganz schön schwer, denn damit ein viraler Spot sich wirklich verbreitet und Erfolg hat, müssen einige Zutaten stimmen, wie ich in einem der kommenden Posts aufzeigen werde.

Just bin ich aber gerade über den wunderbaren Spot der Webguerillas gestolpert, der – ohne viele Worte darum zu machen – das Prinzip auf den Punkt bringt (und Sex sells ja immer):

Spürt ihr auch so ein Jucken…? 🙂

Kontakte schaden halt nur dem, der sie hat, wie ich ja schon an anderer Stelle ausgeführt habe – es geht stets um die Qualität und nicht um die Quantität. Demnächst mehr!

Zombies sind weder hirn- noch herzlos!

Halloween steht vor der Tür und wenn wir über den Einsatz von Kult und Mythen in Marketing und Werbung sprechen, dann kommen wir natürlich an Zombies nicht vorbei.

Dank „The Walking Dead“ erleben sie nicht nur als Serie auf unseren Bildschirmen ein Revival (wenn man bei Untoten überhaupt von Revival sprechen kann…), sondern auch Baumärkte oder Lotterien besinnen sich auf die Marketing-Power der Halbverwesten.

Dabei werden sie immer als herzlose Monstren dargestellt, die ohne Sinn und Verstand ihren Blutdurst stillen wollen. Dass das nicht stimmt, zeigt sehr eindrucksvoll der folgende Spot:

 

Zombies können sich sehr wohl auf entscheidende Telefonnummer und Handgriffe besinnen, wenn es darum geht, Leben zu retten. Nun ja, nicht ganz uneigennützig, denn tot schmeckt halt nur halb so gut…

Es geht natürlich darum, Aufmerksamkeit dafür zu schaffen, dass schon mit wenigen Handgriffen im Falle eines Herzanfalles geholfen werden kann. Nur: Wenn das langweilig per Animation erklärt wird, dann guckt doch wieder keiner hin.

Also müssen Sex & Crime her, denn diese beiden sind aufmerksamkeitsstark. Crime hatten wir nun schon mit den Zombies, hier das andere:

 

Ob die Botschaft haften bleibt? Egal… nur: Lieber Gott, lass bitte bitte einen Zombie oder ein halbnacktes Model in der Nähe sein, wenn mich mal der Herzschlag trifft…!