Warum nicht jeder Kaffeefilter eine Filtertüte ist

Wieder einmal war ich zu Gast bei den Herren von „Zweiaufeins„, wenn auch corona-bedingt nur am Telefon und nicht im radioeins-Studio. Thema der Sendung war „Filter“ und ich sollte ihnen nun brühwarm ein wenig über die Filtertüte berichten:

Tatsächlich ist der Begriff „Filtertüte“ als eingetragenes Warenzeichen gesetzlich geschützt – und zwar von der Firma Melitta, deren Gründungsfamilie Bentz sich vor über hundert Jahren die Erfindung der Filtertüte patentieren ließ. Vor der Erfindung der Filtertüte wurde das Kaffeepulver entweder komplett in das aufgebrühte Wasser gegeben und dann durch ein Sieb geschüttet oder man verwendete einen Kaffeebeutel, ähnlich wie ein Teebeutel, der mehrmals verwendet wurde, aber als Nachteil mit sich brachte, dass der Kaffee bitter schmeckte.

Eine weitere Methode der Kaffeezubereitung war die Verwendung eines herkömmlichen Siebes, in das ein Leinentuch oder ein ausgeschnittenes Löschpapier eingesetzt wurde. Auftritt Melitta Bentz, die um die Jahrhundertwende schwer davon genervt war, dass ständig Kaffeesatzkrümel zwischen ihren Zähnen kleben blieben. Melitta, damals 34, schlug mit Hammer und Nagel Löcher in einen Messingtopf, legte ein Löschblatt aus dem Schulheft ihres Sohnes auf den Boden und hat so den Kaffeefilter erfunden. Diese Weise, mittels einer Art Löschpapier und einem blechernen Trichter Kaffee zuzubereiten, wird bereits in der 1784 erschienenen „Oeconomischen Encyclopädie“ von Johann Georg Krünitz unter dem äußerst ausführlichen Eintrag „Kaffe“ als bekannt vorausgesetzt – und als beste Art der Kaffeebereitung gepriesen. Aber offenbar hatte sich zuvor noch niemand die Mühe gemacht, diese Idee zu Geld zu machen. 1908 war sie nun nach einigen Weiterentwicklungen so weit, einen Filtertopf zusammen mit passenden, kreisrunden Filtrierpapier-Scheiben anzubieten. Die zylindrischen Gefäße bestanden zunächst aus Aluminium und trugen die Prägung „Original Melitta“.

Nachdem  ihr das kaiserliche Patentamt einen Gebrauchsmusterschutz für ihren Filter erteilte, meldeten Melitta und Hugo Bentz mit 73 Pfennigen Startkapital beim Dresdner Gewerbeamt ein „kaufmännisches Agentur- und Kommissionsgeschäft“ an. Zunächst produzierte Familie Bentz ihre Filtertüten in der heimischen Wohnung, im Jahr 1915 zog die Firma in eine ehemalige Schlosserei um.

Doch auch diese wurde schnell zu klein und so zog die Firma 1929, nachdem zudem beide Söhne in das Unternehmen eingestiegen waren, nach Minden, da in Dresden keine angemessenen Räumlichkeiten zur Verfügung standen. Bis heute wird „Melitta“ von einem Familienmitglied (mit)geleitet. Die Filtertüte, so wie wir sie heute kennen, wurde dann 1937 zusammen mit dem dazugehörigen, mit Ablaufrillen versehenen Aufsatz patentiert.

Es ist übrigens vollkommen egal, ob man weiße oder braune Filtertüten verwendet: Die braun eingefärbten Filtertüten sollen lediglich den Eindruck erwecken, dass sie aus ressourcen-schonenden Rohstoffen gefertigt wären. Aber alle anständigen Kaffeefilterpapiere sind sowieso kompostierbar und müssen, wenn überhaupt, chlorfrei und natürlich gebleicht sein.

Filterpapier ist per Definition ein „holzfreies, ungeleimtes, aus Hadern hergestelltes Saugpapier, das durch besondere Reinheit gekennzeichnet ist und dessen Scheidefähigkeit und Filtriergeschwindigkeit definiert sind.“ Hadern sind eigentlich Papiere aus Stoffresten, allerdings werden in der Herstellung von Filterpapier eher Faserstoffe aus Nutzpflanzen verwenden. Hochwertig sind diese Papiere in jedem Fall, denn sie müssen je nach Papierstruktur und Faserzusammensetzung sehr genau bestimmen können, welche Stoffe voneinander geschieden werden sollen und mit welcher Schnelligkeit das passiert. So gelangen am Ende einer normalen Filterbenutzung etwa 22 Prozent der Inhaltsstoffe, die aus einer Bohne gelöst wurden, im Kaffee, inkl. 20% der Kaffee-Öle.

Zurück zu Melitta. Die Werke wuchsen nach dem Krieg weiter in verschiedene Geschäftsfelder. Zunächst stieg man in das Porzellangeschäft ein: Mit den Kaffee-, Tee- und Tafelservice aus Porzellan und Steingut von Melitta wurde der Begriff des „schön gedeckten Tischs“ in der Wirtschaftswunderzeit maßgeblich geprägt. Später kamen dann Produkte wie Süßigkeiten und vor allen Dingen Kaffee dazu: So produzierte Melitta als erster Hersteller filterfein gemahlenen und vakuumverpackten Kaffee.

Heute gehören zur Melitta-Holding auch Produkte wie Reinigungsmittel für den Haushalt, Staubsauger- und Müllbeutel (Marke Swirl) und Frischhalte-Produkte. Bekannte Marken sind z.B. „Swirl“ und „Toppits“.

In diesen Text eingestreut habe ich euch einige der Werbespots mit dem „Melitta-Mann“ Egon Wellenbrink. Von 1989 bis 1999 stand dieser in über 130 verschiedenen Werbespots vor der Kamera. Regisseur in den ersten drei Jahren war übrigens der bekannte Schweizer Komiker Emil Steinberger.

Melitta hat im Rahmen der Corona-Epidemie weltweit Millionen von Mund-Nase-Schutzmasken hergestellt und die erste Million Masken an Gesundheitseinrichtungen verschenkt.

 

 

 

Ich geh‘ mal in den Garten und pflück‘ mir frischen Fisch!

Klingt absurd, oder? Aber es gibt eben auch „veganen Fisch“ und darüber sprach ich vor einiger Zeit mit Daniel von „Zwei auf eins“ im radioeins-Interview:

Nun sind vegane Produkte keine Neuheit mehr und auch vegane Fischprodukte oder Meeresfrüchte gibt es als Nischenprodukte schon seit geraumer Zeit. Aber Frosta hat sich des Themas angenommen und ist nun – wenn auch vorsichtig – in die Offensive gegangen mit „Fisch vom Feld„.

Die Überfischung der Meere, wachsendes Umweltbewusstsein und der Umstieg der Verbraucher auf nicht-tierische Produkte beschäftigen die Fischbranche, wobei der generelle Trend zu veganen Produkten nach wie vor ungebrochen ist: So verzeichnet die Firma Quorn, die seit 1985 vegetarische Lebensmittel herstellt, gerade die besten Verkaufszahlen in ihrer Geschichte und die Rügenwalder Mühle wird in 2020 voraussichtlich fast 40% ihres Umsatzes mit Fleischalternativ-Produkten erwirtschaften.

Für Frosta geht es dabei nicht nur um ein gutes Image, sondern tatsächlich auch um ein ökonomisches Problem: Fisch und Gemüse werden im Einkauf immer teurer: Der Preis für Alaska-Seelachs stieg in 2019 allein um fast 50%. Aber diese Preiserhöhung lässt sich nicht einfach an den Kunden weiterreichen und im Handel durchsetzen, so dass die Margen in den Keller fielen.

„Fisch vom Feld“ soll also nun der Rettungsschlag aus diesem Dilemma werden:

Weiße Bohnen, Blumenkohl und andere weiße Gemüsearten bilden die Grundlage, denn der Gemüse-Fisch muss ja weiß aussehen, was bei vielen anderen proteinhaltigen Lebensmitteln einfach nicht der Fall ist. So färben Algen oder grüne Bohnen den Fisch eben – grün. Nicht so appetitlich….

Auch auf Soja wurde aus Umweltgründen verzichtet. Doch der alternative Fisch sollte nicht nur wie Fisch aussehen, er musste auch so schmecken und das gleiche Mundgefühl erzeugen. Da kommt nun ein kleiner Trick zugute, denn viele der Fischprodukte werden ja paniert verzehrt – und da sitzt das knusprige Gefühl und viel von dem Geschmack. Und, Hand auf’s Herz, so ein Fischstäbchen schmeckt nun wirklich selten nach Fisch…. Panade, Soße, Beilage und schon ist die Illusion perfekt!

Und so ist „Fisch vom Feld“ frei von deklarations­pflichtigen Zusatz­stoffen, Geschmacks­verstärkern, Aromen, Farb- und Konservierungs­stoffen.

Wem jetzt das Wasser im Munde zusammenläuft und wer sofort zum nächsten Supermarkt des Vertrauens sprinten möchte, den muss ich leider enttäuschen: Die Produkte werden zunächst in Großküchen, Kantinen und der Systemgastronomie getestet.

Wer jedoch in Berlin wohnt, der könnte sich die Wartezeit ein wenig verkürzen, in dem er vegane Sushi probiert, zum Beispiel im Secret Garden in Friedrichshain!

Ich persönlich muss bei diesem Thema ja die ganze Zeit an etwas völlig anderes denken, nämlich an „Findet den Fisch!“ (Guck doch mal im Rüssel nach!). Aber ich gehöre ja auch zur Generation W (?!). Für alle anderen:

 

 

 

 

Das bisschen Werbung macht sich doch von selbst, sagt mein Chef…

Der schlimmste Satz lautet in allen Unternehmen gleich: „Das haben wir schon immer so gemacht!“. Dicht gefolgt von: „Das bisschen Marketing macht bei uns der Chef mit“. Warum das zu kurz gedacht ist, habe ich im radioeins-Interview mit den Herren von „Zweiaufeins“ erörtert:

Wie im Interview erzählt, gibt es immer die Möglichkeit, Botschaften in die Köpfe der Konsumenten reinzuhämmern – wenn man das entsprechende Budget dafür zu Verfügung hat. Wenn nicht, dann heißt es: „Auffallen um jeden Preis!“. Aber ob ich beim nächsten Mal, wenn ich „Gas, Wasser, Scheiße“ denke, mich automatisch an Werner Harm erinnern werde….ich bezweifle es.

Neudeutsch gesprochen ist es in diesem Beispiel jedoch schon einmal gelungen, „Content“ zu schaffen, denn natürlich habe ich das Bild auf allen meinen sozialen Kanälen geteilt und Herrn Harm damit mehr Kontakte beschert, als er vielleicht auf klassische Weise erreicht hätte.

Im Marketing verschieben sich die Schwerpunkte: Es geht heute nicht mehr darum, mit langweiligen Werbebotschaften den Menschen auf die Nerven zu gehen, sondern stattdessen diese lieber quasi magisch anzuziehen, in dem man ihnen an möglichst vielen Kontaktpunkten spannende Inhalte anbietet. Inbound-Marketing wird das genannt und soll die neue Allzweckwaffe gegen Werbemüdigkeit sein (meine Skepsis schimmert hier etwas durch…).

Aber im Grunde mache ich hier nicht anderes: Mit dem radioeins-Interview habe ich unterhaltsamen Content geschaffen, den ich hier im Blog noch einmal aufbereite. Und natürlich poste ich dieses Blogbeitrag bei Facebook, Twitter, LinkedIn, Xing und Instagram und multipliziere so den Content – wie seid ihr zu diesem Post gekommen?

Und wenn jetzt irgendwann mal jemand einen Workshop, Vortrag oder einen Dozenten zum Thema „Inbound-Marketing“ sucht – bei Google beispielsweise -, dann findet er/sie diesen Blogbeitrag und nimmt mit mir Kontakt auf und bucht mich.

Doch das ist natürlich noch nicht alles, den zum Inbound Marketing gehören auch Themen wie Suchmaschinen-Optimierung und -Werbung, Whitepaper, Podcasting, PR, Webinare und vieles mehr dazu.

Wer sich für dieses Thema interessiert – kann natürlich Kontakt mit mir aufnehmen – oder aber einen Blick auf das Angebot der XU-Group werfen, denn für diese habe ich gerade zwei Learning Journeys zu den Themen „Inbound Marketing“ und „Paid Media“ entwickelt und kuratiert mit einem Umfang von jeweils 160 Stunden.

Es ist also komplex – und weit mehr als nur „ein bisschen Werbung“. Natürlich sollte der Chef wissen, was in seinem Marketing passiert, aber alles alleine machen….?!

P.S.

Auch den Titel dieses Posts habe ich einem Song-Klassiker entlehnt, den die „alten Säcke“ unter uns noch kennen – für alle anderen hier noch das Original:

Heute schon gequencht?

„Mensch, schmeckt das stark!“ – so gehen gute Slogans! Ihr ahnt schon, dass etwas „stark“ schmeckte, ist lange, lange her und hat etwas mit Kindheit in den 70ern zu tun. Auch die Herren Finger und Oswald sind nicht mehr die Jüngsten und so luden sie mich zum Gespräch (corona-bedingt nicht ins radioeins-Studio), denn diesmal ging es um „Pulver“ – und hier um ganz besondere „Zaubermittel“…

Wer in den späten siebziger und achtziger Jahren seine Kindheit im Westen verbracht hat, der kann eigentlich an „Quench“ nicht vorbei gekommen sein, denn viele Sommer lang war es das angesagte Erfrischungsgetränk. Beutel aufreissen, das Pulver in eine Karaffe Wasser geschüttet, umgerührt, am besten noch Eiswürfel rein und schon war der Durstlöscher fertig! Den Geschmack von Quench haben wahrscheinlich noch viele von uns auf der Zunge….

Das große Rühren war damals durchaus normal, denn es gab noch viele andere Getränke wie Cefrisch, Lipton Ice Tea und und und. Für die Muttis und Vatis war es zum einen leichter, 20 Beutel aus dem Supermarkt mitzubringen als eine Kiste Glasflaschen (PET gab es damals noch nicht) – und es war auch billiger. Und natürlich machte man sich damals weder große Gedanken über den Zuckergehalt noch über die Künstlichkeit – Hauptsache, die Kinder waren nicht mehr durstig!

Für den großen Quench-Verbrauch gab es nicht nur die Beutel, sondern auch Quench in der Dose, mit praktischem Portionierer – ich habe heute noch den Geruch in der Nase, der einem entgegenströmte, wenn man die Dose öffnete. Und natürlich machte auch die Werbung unmissverständlich klar, dass die angesagten Muttis selbstverständlich Quench anrührten:

Mit dem Aufkommen von Gesundheitsbewußtsein, leichteren Flaschen und besserer Ernährung, aber auch mit dem Beginn des Mineralwasser-Booms in den 80ern verschwanden diese Produkte aus den Regalen, obwohl sie von vielen Konsumenten schmerzlich vermisst werden, wie man in vielen Foren nachlesen kann (Quench eignete sich auch perfekt als Guss für die „Quenchtorte“…). 2006 gab es den Versuch eines Remakes mit 22 verschiedenen Geschmacksrichtungen, der aber scheiterte.

Das Pulver-Prinzip hat sich in andere Bereiche verlagert, ob es Folgemilchprodukte, Diätpülverchen oder Sportshakes zum Anrühren sind. Doch in unserer Kindheit gab es ja nicht nur Pulver zum Trinken, sondern auch zum Fingerreinstecken… die Rede ist natürlich von Ahoj-Brause!

Der Kaufmann Theodor Beltle entdeckte beim Experimentieren mit Natron und Weinsäure, dass Wasser diese beiden Elemente zum Leben erweckt, denn die Zugabe von Flüssigkeit lässt Kohlensäure entstehen. Fasziniert von seiner eigenen praktischen Erkenntnis, kommt ihm die Produktidee: „Brauselimonaden-Pulver für alle Bevölkerungsschichten“. Denn tatsächlich war das Brausepulver zunächst als praktische und günstige Alternative zu den teuren Limonaden ein „Arme-Leute-Produkt“. In den Zwanzigerjahren war Limonade noch kein allgegenwärtiger und verpönter Dickmacher, sondern ein Luxusartikel, den sich nur Besserverdiener leisten konnten.

Zusammen mit seinem Schwager Robert Friedel gründet Theodor Beltle daraufhin in Stuttgart die Robert Friedel GmbH – kurz: Frigeo – und beginnt mit der Herstellung der Frigeo-Trinktabletten, zunächst in den Geschmacksrichtungen Zitrone und Orange.

In den 30ern werden die Trinktabletten dann durch die Pulverform als „Friedel-Brause“ abgelöst und zu Orange und Zitrone kommen die beiden neuen Geschmacksrichtungen Waldmeister und Himbeere hinzu. Das klassische Brause-Pulver Quartett im kultigen Tütchen ist geboren. Und auch der Matrose, der heute nicht mehr von dem Produkt zu trennen ist, lächelt von nun an von den Tütchen – und begrüßt seine Konsumenten mit „Ahoj“. Das Wort stammt in dieser Schreibweise aus dem Tschechischen und bedeutet so viel wie „hallo“ – klingt aber im deutschen Ohr auch nach „Ahoi“ und erinnert damit an den klassischen Seemannsgruß.

Doch Frigeo überdehnte die Marke, es gab auf einmal so exotische Sorten wie Pina Colada und Caipirinha und 2002 musste Insolvenz angemeldet werden. Für „Ahoj“ war das vielleicht das große Glück, denn Katjes übernahm und pumpte nicht nur Geld, sondern auch deren langjähriges Knowhow in die Marke hinein. Zunächst wurde das Portfolio bereinigt und alles flog raus bis auf die vier klassischen Grundgeschmäcker. Der Markenkern wurde also gestärkt und danach dann diversifiziert: 2007 wurden Ahoj-Bonbons mit Brausefüllung auf den Markt gebracht, zwei Jahre später Fruchtgummis mit Brausepulver – natürlich jeweils in den klassischen Geschmäckern Waldmeister, Zitrone, Orange und Himbeere. Bei McDonalds gab es 2009 dann McFlurry mit Ahoj-Brause und 2013 folgte der Müller-Joghurt, der mit Ahoj-Brausekügelchen garniert wurde.

2017 erfolgte der bislang größte Schritt für die Marke, als Katjes eine fertige Limonade in der Dose launchte. Eine Million Dosen wollten sie im ersten Jahr verkaufen, am Ende waren es drei Millionen.

 

Auch wenn heute die meisten Ahoj-Nutzer wohl nach wie vor eher den Finger in die Tüte stecken, um ihn dann genüßlich abzuschlecken, statt eine Trinkbrause daraus zu machen, erfreut sich Ahoj nach wie vor einer ungebrochenen Beliebtheit. Der Bekanntheitsgrad soll bei 97% liegen.

Vielleicht liegt das ja auch an dem erotischen Kribbeln, wenn das Pulver aus einem Bauchnabel geschleckt wird, so wie es Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“ tut. Harald Schmidt sah sich einst veranlasst, dies zum 50. Geburtstag des Buches nachzuspielen – und einen besseren Schluss kann ich mir für diesen Blogbeitrag gar nicht wünschen… 🙂

 

 

Simply the best. Better than all the rest.

Um es gleich einmal klar zu stellen: Es geht nicht um Tina Turner in diesem Blog-Beitrag. Und auch nicht um Autos. „Das Beste kommt am Anfang“ lautet das Thema, mit dem Daniel Finger und Sven Oswald in das neue Jahr starten – und so war auch ich wieder einmal zu Gast bei „Zweiaufeins“ im radioeins-Studio, um über Superlative in der Werbung zu sprechen:

Wir leben in einer wunderbaren bunten Warenwelt, in der wir stets nur das Beste kaufen können: Gilette – für das Beste im Mann, Kellogs – das Beste jeden Morgen und „nur das Beste aus der Frucht“ gibt uns Granini. Schon 1959 versprach uns Persil „das beste Persil, das es je gab“, und „das Beste, was deiner am Rhein harrt“, war damals schon Deinhard. Und wer kennt nicht die vielen vielen Radiosender, die uns mit den Hits aus den 70ern, 80ern, 90ern und dem Besten von heute bedudeln.

Mein persönlicher Liebling ist jedoch eine Kampagne der CMA aus dem Jahre 1971: „Beim Fleischer schneidet man am besten ab.“ Das waren noch Slogans….

Doch auch andere Superlative sind uns aus der Werbung vertraut: So sind die schönsten Pausen lila, uns lockt die zarteste Versuchung, seit es Schokolade gibt, und Barilla brachte uns die beliebteste Pasta-Kollektion der Italiener.

Aber sind all diese Superlative heute noch zeitgemäß – und interessieren sie uns Konsumenten überhaupt noch? Verankert ist diese Superlativ-Werbung in einem alten Marketing-Denken: Der Anbieter möchte die eigene Leistung besonders wirkungsvoll hervorheben, um den Kunden suggestiv zu beeinflussen. Das funktioniert mit Superlativen, aber auch mit Komparativen („besser als…“) oder der Verwendung von bestimmten Artikeln („VW. Das Auto“). Es kommt dabei jedoch nicht auf die konkrete Behauptung oder die konkrete bildliche Darstellung an, sondern vielmehr darauf, wie diese von dem Empfänger verstanden wird/werden soll.

Rechtlich betrachtet ist, zumindest solange nicht eine objektiv nachweisbare Irreführung im Sinn des § 5 UWG (irreführende Werbung) vorliegt, Superlativ-Werbung gesetzlich nicht verboten. Wie immer ist jedoch die Grenzziehung im Einzelfall eher schwierig.

Denn natürlich muss die Behauptung wahr und im Zweifelsfall nachweisbar und idealerweise auch dauerhaft sein, aber zum Wesen der Werbung gehört ja anerkannter Maßen die Übertreibung: Wenn also der Verbraucher dazu in der Lage ist, einen Slogan oder Werbespruch als reines Werturteil oder Übertreibung zu verstehen und nicht als objektiv nachprüfbare Aussage, dann wäre auch das wiederum zulässig. Und da kommen dann die Anwälte und Gerichte ins Spiel…

1973 kam die dänische Carlsberg-Brauerei auf die Idee, sich diesen ganzen juristischen Fragen mit einer gewitzten Kampagne zu entziehen, in dem sie einfach behaupteten, wahrscheinlich das beste Bier der Welt zu sein. Über 30 Jahre lang hielt diese Kampagne, bis man bei Carlsberg feststellte, dass sie weit zurückgefallen waren in den Rankings der Biertrinker. Sie waren wohl nicht mehr das wahrscheinlich beste Bier:

Man habe die Qualität des Produktes aus den Augen verloren und nur noch Masse produziert anstatt Klasse, man habe eines der biligesten Biere am Markt, aber bei weitem nicht mehr das beste. Also haben sie sich daran gemacht, ihr Bier wieder qualitativ zu verbessern:

Und so sind sie heute nicht mehr das „wahrscheinlich beste Bier“, denn Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Carlsberg versteht dies als Ehrlichkeitsoffensive: den Fehler erkennen, öffentlich eingestehen, sich (und das Produkt) verbessern – aber auch durch die augenzwinkernd-ironisch gebrochene Kampagne den Bezug zur Tradition herstellen.

Gerade bei den jungen, kritischen Konsumenten soll diese neue Ehrlichkeit gut ankommen. Na dann: Prost!

In der Tat, neben den rechtlichen Aspekten der Superlativ-Werbung stellt der sich verändernde Konsument und die explodierende Waren- und Werbeflut die größte Herausforderung dar: Wenn im letzten Jahrhundert ein Anbieter behauptete, der Beste zu sein, so konnte dies zur Abgrenzung bei einer Handvoll Wettbewerber und wenigen großen Medienkanälen gut und effektvoll kommuniziert werden. Doch heute schreien uns alle auf allen Kanälen an, dass sie die Größten, Besten, Tollsten sind, mit dem Resultat, dass wir als Konsumenten nicht mehr hinhören und -sehen und diesen Aussagen auch keinen Glauben mehr schenken, weil sie uns einfach nur noch nerven. Das Beste ist für mich, was mir den höchsten persönlichen Nutzen bietet und nicht die besten Leistungswerte hat, die mich gar nicht interessieren. Und letztendlich ist uns jede Person und jedes Unternehmen unsympathisch, dass sich ständig auf die Brust trommelt und uns erklärt, wie großartig sie sind. Schwächen machen menschlich und sympathisch, Angeber durchschauen wir sofort.

Fazit: Wenn wir niemandem mehr trauen, der in Superlativen von sich spricht, dann ist es vielleicht endlich mal an der Zeit, dass sich die Marketeers was besseres einfallen lassen.

„Ein Boss will doch jeder gerne sein“

Ja, auch ich würde das gerne werden, aber an meinen beiden Oberbossen von „2auf1„, Daniel Finger und Sven Oswald, komme ich natürlich noch lange nicht ran. Ich bleibe eben ein kleiner Stift – und das ist just auch das Thema (also eigentlich Filz, aber das passt mir jetzt nicht so gut in den Kontext…), über das wir uns neulich bei radioeins unterhalten haben:

Der Filzstift, ein Stift, bei dem eine Flüssigkeit die Stiftspitze tränkt, wurde in den 50ern in den USA zunächst auf den Markt gebracht, in den 60ern dann aber von den Japanern als Faserschreiber weiterentwickelt. Heute wird übrigens kein Filz mehr verwendet, sondern Spitzen aus Kunststoff mit vordefinierten Kapillaren.

1960 wurde in Hamburg die Firma „edding“ gegründet, die sich zunächst auf den Import von japanischen Filzschreibern beschränkte. Doch bald kam die Idee auf, dass es doch günstiger und vor allen Dingen profitabler wäre, einen eigenen Stift zu produzieren – und so erblickte der „edding No. 1“ das Licht der Welt. Zum Einsatz kam er nicht nur in den Büros, sondern auch in den Lagern und Werkstätten, denn die Tinte der edding-Stifte haftete auch an fettigen, feuchten und heißen Oberflächen. Produziert werden die Stifte erst seit 1993 in Deutschland, zuvor war edding ein reines Vertriebsunternehmen. Das Sortiment ist auf knapp 200 verschiedene Produkte angewachsen, darunter auch Lackstifte und Nagellack unter dem Namen L.A.Q.U.E..

Neben dem edding liegen aber noch die Stifte einer weiteren Marke auf (nicht nur) Deutschlands Schreibtischen: Schwan Stabilo. Ursprünglich war Schwan zunächst eine Bleistift-Fabrik, gegründet 1855 in Nürnberg, doch 1970 gelang dem damaligen Chef, Günter Schwanhäußer, ein großer Coup: Auf einer Geschäftsreise durch die USA beobachtete er in Chicago wie Studenten ein Stück Holz mit Schaumstoff umwickelten und es in eine braune Flüssigkeit dippten, um damit Textstellen markieren zu können. Inspiriert von dem Gedanken, dass das doch einfacher gehen müßte, entwickelte Schwanhäußer den Textmarker, der schon ein Jahr später auf den Markt kam.

Der „Stabilo Boss“ war zunächst sehr teuer – und richtete sich daher an die Zielgruppe der im Namen erwähnten Bosse. „Wir verkaufen keine gelben Linien, sondern Zeitersparnis“, soll Schwanhäußer geäußert haben und das war insbesondere für Menschen ideal, die wenig Zeit und viel Post hatten – Manager eben. Und so verschickte er als Marketingaktion seine Marker an 800 ausgewählte Manager und Minister, um sie von seinem Produkt zu überzeugen. Kurze Zeit später wurde das Produkt zum Verkaufsschlager, was Schwanhäußer nicht verwunderte, denn: „Ein Boss will doch jeder gern sein.“

Schwan Stabilo war jedoch stets sehr umtriebig und innovativ: 1925 wurde der „Dünnkernstift mit bruchfester Mine“ auf den Markt gebracht, der bis heute in vielen Federtaschen zu finden ist. Es wurden aber auch Dermatographen für medizinische Zwecke hergestellt und basierend auf den Erfolg der Dermatographen bei den Frauen der Ärzte, die sich damit gerne schminkten, weil er lang haftend und nicht verlaufend war, engagierte sich Schwan Stabilo dann im Bereich der Kosmetik und produzierte Augenbrauenstifte. Bis heute macht Schwan Stabilo als Weltmarktführer für Kosmetikstifte gut die Hälfte seines Umsatzes mit kosmetischen Produkten, die sie für nahezu alle bekannten Kosmetikmarken herstellen.

Und sie haben noch weiter diversifiziert und sind zwischenzeitlich in das Outdoor-Geschäft eingestiegen: Wer zum Beispiel einen Deuter-Rucksack sein eigen nennt, trägt ein Stück Schwan Stabilo auf seinem Rücken.

Manchmal ist es halt nur ein kurzer Weg vom Filzstift zum Rucksack….

 

 

If a had a hammer, I’d hammer on my cybertruck

Trotz aller Podcasterei bin ich natürlich ab und zu noch zu Gast bei den Herren von „2auf1“ bei radioeins. Diesmal lautete ihr Thema „Hammer“ und wir unterhielten uns über die PR-Katastrophe, die Elon Musk jüngst bei der Präsentation seines Cybertrucks passierte:

Es war eine eindrucksvolle Präsentation, die der wenig präsi-begabte Elon Musk kürzlich ablieferte: Ein Auto wie direkt dem „Balde Runner“ entsprungen und quasi unkaputtbar. Als Beweis dafür hämmerte ein Mitarbeiter auf die Tür, die dies auch unbeschadet überstand. Doch als danach die Unverwüstlichkeit des Panzerglases durch den Wurf einer Eisenkugel vorgeführt werden sollte, kam es zur Katastrophe: die Scheibe riss. Auch der zweite, vorsichtigere Wurf führte zu einer Beschädigung, wie sich gut im folgenden Bild erkennen lässt:

Um mehr als sechs Prozent schoß der Aktienkurs an der New Yorker Börse daraufhin in die Tiefe, das Vertrauen war verloren, die PR-Katastrophe nahm ihren Lauf.

Nun ist das kein Einzelfall, PR-Krisen gibt es zuhauf: Ob H&M einen dunkelhäutigen Jungen mit einem Pulli zeigt, den der Spruch „Coolest monkey in the jungle“ ziert, ob United Airlines einen Passagier mit Gewalt aus dem Flugzeug entfernen lässt, weil die Maschine überbucht ist, und ihm dabei die Nase gebrochen wird – und der CEO sich dann für die Unannehmlichkeiten dieser „Umsetzung“ bei seinem Kabinenpersonal entschuldigt oder ob Dolce & Gabbana ein chinesisches Model mit Stäbchen Pizza essen lassen:

Alle diese Aktionen führten zu Shitstorms, Umsatzrückgängen und heftigen Protesten; das Image bekam eine Delle, die Reputation wurde beschädigt.

Wie sollte ein Unternehmen nun darauf reagieren, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist? In Wirklichkeit geht es aus der PR-Sicht natürlich nicht um die Krise an sich, nicht um Fakten, sondern darum, wie sie in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird, welche Meinung man sich bildet.

Dazu könnte man beispielsweise die ganze Angelegenheit herunterspielen, Gegenmaßnahmen ankündigen oder aber einfach leugnen, dass der Vorfall wirklich so passiert ist oder böse Gegner für diese Verleumdung verantwortlich machen – möglichst aggressiv (es soll ja gewisse Politiker geben, die sich dieser Taktik gerne bedienen). Man kann aber auch die Verantwortung übernehmen, sich vollmundig entschuldigen, Besserung geloben – und die verantwortlichen Mitarbeiter feuern als Zeichen des Neuanfangs. Das bislang sehr beliebte Präsentieren eines Sündenbocks funktioniert in letzter Zeit jedoch immer schlechter: Es wird heute erwartet, dass der oberste Verantwortliche sich stellt und sein Gesicht zeigt, also der CEO, der Big Boss. Und das sollte er professionell und gut geschult tun, ansonsten gießt er nur noch mehr Öl ins Feuer:

Die Gefahr jedoch ist, dass trotz ehrlicher (*räusper*) Entschuldigung ein Geschmäckle bleibt und das Image auf lange Sicht beschädigt ist. Dies hängt nicht nur von der Ernsthaftigkeit und der Glaubwürdigkeit der Entschuldigung ab, sondern zunehmend von der Schnelligkeit. Lässt sie zu lange auf sich warten, dann ahnt der Konsument, dass hier die PR-Abteilung im Hintergrund gewerkelt hat, und nimmt diese nicht mehr als authentisch wahr.

Elon Musk hingegen fand schnell eine Erklärung für sein Desaster: Der Fehler lag in der Reihenfolge, denn durch den Hammerschlag auf die Tür sei das Glas in seiner Struktur beschädigt worden und daraufhin beim Kugelwurf gerissen. Hätte man es andersrum gemacht, also erst die Kugel, dann der Hammer, dann wäre alles perfekt gewesen – und überhaupt: Die Scheiben haben doch gehalten!

Und bei über 150.000 Vorbestellungen für den Cybertruck relativiert sich das mit dem Kursrutsch dann auch wieder ganz schnell….

Alles hat ein Ende, nur der Ladenschluss hat zwei…drei….viele!

Jetzt ist aber Schluss mit lustig – denn die Herren von „Zweiaufeins“ entschwinden pünktlich zum Ferienbeginn in die wohlverdiente Sommerpause. Heute ist nun die letzte Sendung vor den Ferien, „Schluss“ ist das Thema und ich bin ins radioeins-Studio geladen, um ein wenig über den „Ladenschluss“ zu parlieren:

Im Deutschland des 19. Jahrhundert waren die Geschäfte in der Regel an sieben Tagen in der Woche geöffnet – und das von 5 – 23 Uhr. Die Geschäfte wurden oftmals von der Familie geführt, Ladenraum und Wohnraum waren kombiniert, häufig zudem zusammen mit der Produktion (die gute alte Backstube). Ende des 19. Jahrhunderts eröffneten die ersten Warenhäuser in Deutschland, Wohnen, Produzieren und Verkaufen war nicht mehr unter einem Dach und in Familienhand, sondern nun gab es eine wachsende Zahl von angestellten Verkäufern – und die galt es zu schützen. So wurde bereits 1891 zunächst geregelt, dass sonntags nur noch 5 Stunden verkauft werden darf. Das erste „Ladenschlussgesetz“ trat im Jahre 1900 in Kraft: Geschäfte durften werktags nur noch von 5 bis 21 Uhr öffnen, die Sonntagsruhe wurde gewahrt und für die jüdischen Geschäftsinhaber auf den Samstag erweitert.

Nach und nach verkürzten sich die Ladenöffnungszeiten weiter, mal auf freiwilliger Absprache mit den Städten und Gemeinden, mal gesetzlich geregelt: So einigte man sich erst auf einen Ladenschluss werktags um 20 Uhr, dann wurden die Öffnungszeiten auf 7 bis 19 Uhr festgelegt und die Nationalsozialisten setzten dann 18.30h als Ladenschluss fest.

Ausnahmen gab es jedoch schon immer: Für Lebensmittelgeschäfte, Kioske, Bäckereien Tankstellen, Bahnhofsgeschäfte, Apotheken und Gaststätten konnten Sonderregelungen vereinbart werden. Seit 1957 galt: Geschäfte dürfen montags bis freitags von 7 bis 18.30 Uhr und samstags bis 14 Uhr geöffnet sein. Schon damals gab es den „langen Samstag“; am ersten Sonnabend in einem Monat durften die Geschäfte bis 18.00h offen bleiben.

1989 wurde dann der„lange Donnerstag“ eingeführt, Läden durften an diesem Tag bis 20.30h verkaufen. Lange wurde um diesen „Dienstleistungsabend“ politisch gestritten, der so genannt wurde, weil auch Behörden und Dienstleister wie Banken länger arbeiten sollten. Die Verbraucher nahmen aber diesen langen Donnerstag dankbar an.

Nach und nach wurden die Öffnungszeiten weiter liberalisiert, der „lange Donnerstag“ entfiel, da an jedem Tag bis 20.00h geöffnet sein durfte, dann kam der Samstag noch hinzu und nun dürfen Geschäfte werktags von 6 bis 20 Uhr ihre Waren anbieten und verkaufen. Sonn- und feiertags bleiben die Läden geschlossen. Natürlich gibt es auch weiterhin Sonderregelungen für Bäckereien, Geschäfte in Bahnhöfen, Flughäfen und in bestimmten Urlaubsregionen wie Kurorte. Die Ladenöffnungszeiten sind zudem nun Ländersache, d.h. jedes Bundesland kann selbst entscheiden, welche Ausnahmen es zulässt, z.B. Sonderöffnungszeiten zu Messen, Märkten, Großveranstaltungen, usw. Ging es früher noch um den Schutz der Arbeitnehmer (der zwischenzeitlich gesetzlich gesondert geregelt ist), so gerät heute immer stärker der Aspekt des Anwohnerschutzes,  insbesondere vor der Lärmbelästigung bei Anlieferung oder durch die Kunden in den Mittelpunkt der Betrachtung.

Ebenso wurden europaweit die Ladungsöffnungszeiten dereguliert, so gibt es in Tschechien kein Ladenschlussgesetz, in England gibt es werktags keine Beschränkungen, dafür aber sonntags besondere Regeln: Märkte mit mehr als 280 Quadratmetern Verkaufsfläche dürfen lediglich für sechs Stunden öffnen, und um 18 Uhr muss Schluss sein. Kleinere Läden dürfen auch sonntags rund um die Uhr verkaufen.In Österreich wird der Ladenschluss etwas strenger gehandhabt.

„Öffnungszeiten 24/7“ (24 Stunden, 7 Tage die Woche) sind weltweit zur Normalität geworden: Ob in China, Brasilien oder den USA, überall können zumindest kleine Anbieter ihre Waren rund um die Uhr anbieten. Oftmals sind diese Läden wieder Familienbetriebe, geführt von Immigranten und Zuwanderern, die sich damit etablieren und einen Lebensunterhalt schaffen, in dem sie es den wachsenden und lang arbeitenden Mittelschichten ermöglichen, zu jeder Tages- und Nachtzeit konsumieren zu können.

Und wir hier in Berlin? Wir haben unsere Spätis! Doch auch diese sind unter Druck geraten, was die Öffnungszeiten angeht, wie ihr in diesem makketing-Beitrag nachlesen und -hören könnt.

 

 

 

You can take it or leave it – Dis-rup-tion

…but you better believe it! Wieder einmal ein kleines pop-kulturelles Quiz zu Beginn – wer erkennt den Song?

Disruption – ein viel benutztes Wort, wenn es darum geht, wie kleine Firmen großen Firmen das Leben schwer machen. Grund genug, ein wenig zu dem Thema mit den Herren von „Zwei auf eins“ zu plauschen. Leider konnte ich heute wieder nicht ins Studio fahren, denn ich musste meine Geburtstagsfeier vorbereiten:

Dass neue Unternehmen und Gründungen die alteingesessenen Platzhirsche herausfordern und unter Druck setzen, ist natürlich kein neues Phänomen, sondern eines, das unabdingbarer Bestandteil des Innovationsprozesses ist. Denn Disruption beschreibt einen Prozess, bei dem ein Herausforderer, oftmals mit geringen Ressourcen ausgestattet, ein etabliertes Geschäft angreift. Große, am Markt bereits erfolgreich agierende Unternehmen konzentrieren sich zumeist auf die Verbesserungen
ihrer Produkte und Dienstleistungen für ihre gewinnträchtigsten Kundensegmente und vernachlässigen dabei eben andere Kundengruppen. Da setzen nun die disruptiven Unternehmen an, indem sie einfachere Produkte oftmals zu einem geringeren Preis
anbieten. Und da sich die etablierten Firmen vorrangig mit der besseren Profitabilität in
den lukrativen Segmenten beschäftigen, beachten sie die neuen Herausforderer oft nicht. Die disruptiven Unternehmen liefern jedoch genau das, was der Großteil der Kunden möchte, diese nutzen immer häufiger die neuen Angebote und schon passiert: Disruption.

Bei der disruptiven Innovation wird also ein Produkt, das bisher kompliziert und teuer war, einfacher und günstiger gemacht, so dass es sich mehr und neue Kundengruppen leisten können. Das E-Auto ist also nicht disruptiv, sondern einfach eine – teure – Produktentwicklung, bei der durchaus auch das neue Produkt das alte ablösen kann. In China hingegen ist bereits jedes zehnte Auto ein Elektroauto, das jeweils nur 3.000
Dollar kostet. Das sind zwar nur kleinere einfache Autos, die sich aber viele leisten können.

Natürlich gibt es auch disruptive Unternehmen, die neue Märkte schaffen, die bisher nicht existiert haben – und genau das haben wir in den letzten 20 Jahren im Zuge der Digitalisierung gesehen. Ob Spotify, Amazon oder Apple, sie alle bewegen sich in Märkten, die es derart zuvor nicht gab, da die technischen Voraussetzungen vorher nicht vorhanden waren – aber auch das ist etwas normales, wenn es zu technischen Revolutionen kommt. Die technische Neuerung, in dem Fall das Internet mit seinen Möglichkeiten, bringt eine völlig veränderte Kostenstruktur mit sich – und eine andere Organisationsstruktur, die die bestehenden Geschäftsmodelle grundlegend erschüttern. .

Wieso tun sich die Versicherungsunternehmen beispielsweise so schwer, Versicherungen über Apps zu verkaufen? Weil sie damit ihr eigenes Organisationsmodell der Agenturen mit ihren Vertretern angreifen und sich somit kannibalisieren würden. Auch Banken leben davon, dass der Kunde zu ihnen kommt und ihre Berater – auf Provisionsbasis – ihm ein bißchen mehr verkaufen als benötigt. Dafür hat man jahrelang Strukturen aufgebaut, Mitarbeiter geschult usw. Disruptive Start-Ups, die diese Dienstleistungen nun via App anbieten, benötigen diese Strukturen nicht und müssen auch nicht auf die bestehenden Rücksicht nehmen. Vorteil David, Nachteil Goliath.

Wir haben hier also eine Disruption von Geschäftsmodellen und jede große Veränderung hat hier bisher zum Ausscheiden der größten Player einer Branche geführt.

Wie soll man nun mit dieser entstehenden Konkurrenz umgehen? Es gibt vier Ansätze dafür:

Kopieren: Kann das etablierte Unternehmen die Idee der Herausforderer vielleicht aufgrund der besseren Organisation und der bestehenden MitarbeiterInnen schneller umsetzen? Ein Marktzugang wäre ja vorhanden und müsste nicht teuer erarbeitet werden.

Kaufen: Können die Start-Ups mit ihren Produkten und Dienstleistungen gekauft und in die eigene Unternehmensstruktur integriert werden? Neben den Kosten ist hier jedoch gerade die Implementierung oftmals ein großes Problem.

Kollaborieren: Kann man mit den Herausforderern vielleicht zusammenarbeiten und diese vertraglich an sich binden? Zum Beispiel: Marktzugang gegen exklusive Nutzung?

Killen: Wie kann man dem Herausforderer den Marktzugang erschweren? Zum Beispiel über Klagen, das Durchsetzen von Schutzrechten bis hin zur Verleumdung.

Wir werden noch viele erfolgreiche Disruptoren sehen – und viele sterbende Giganten. Denn die Zeiten, in denen die Großen die Kleinen fressen, sind schon lange vorbei, heute fressen die Schnellen die Langsamen. Und wenn etablierte Unternehmen sich nicht den modernen, schlanken Strukturen anpassen können, dann werden andere schneller sein.

 

 

Pappplakate klebt der Kaplan

Es war ein merkwürdiges Bild in diesem Frühjahr: Die Litfaßsäulen in Berlin trugen keine Werbung mehr, sondern war vollständig einfarbig eingehüllt. Eine Kunstaktion? Mitnichten, sondern nur die Vorbereitung der Demontage. Läutet dies nun das Ende der Plakat-Werbung ein? Verschwinden Papierplakate gänzlich? Diese Frage stellten mir die Herren von „Zweiaufeins“ diesmal am Telefon, da ich es aus Zeitgründen nicht ins radioeins-Studio schaffte:

2.500 Litfaßsäulen müssen von der Wall AG bis Ende Juni abgebaut und entsorgt werden, knapp 50 bleiben stehen – aus Denkmalschutzgründen. Der Anlass für die Entfernung: Der Senat hat die Aussenwerbung neu ausgeschrieben und den Zuschlag bekam die Stuttgarter Ilg, die nun wiederum knapp 1.500 neue, moderne Säulen aufstellen wird, etwas dicker und teilweise mit Beleuchtung, so dass man die Werbung auch nachts betrachten kann. Alle Standorte wollte die Ilg nicht haben, denn in Aussenbezirken beispielsweise werden keine ausreichenden Kontaktzahlen erzielt, zu wenige Menschen laufen, radeln oder fahren dort an den Plakaten vorbei. Belebte Innenstadt-Regionen sind daher deutlich beliebter, schon jetzt standen gut 1.000 Säulen allein in Charlottenburg, Mitte, Friederichshain und Kreuzberg.

Für das Land Berlin ist das jedoch immer noch ein gutes Geschäft: 350 Millionen Euro soll es in den kommenden 15 Jahren für seine Flächen kassieren.

„Erfunden“ hat die Litfaßsäule der Berliner Druckereibesitzer Ernst Litfaß, der 1854 die erste staatliche Genehmigung für die Aufstellung seiner Säulen bekam. Auflage: In 30 der Säulen sollten öffentliche Pissors eingebaut werden – jedoch wurde dies nie umgesetzt.

Das Sterben der Säulen ist ein schleichender Prozess, der schon in den 70er Jahren einsetzte, damals hatte allein Westberlin weit über 2.000 Säulen im Stadtgebiet. Sie dienten vornehmlich der Information: Ob das Programm der Berliner Kinos, der Urania und der Bühnen, als das fand man plakatiert auf der Säule „next door“. Doch unsere Mediengewohnheiten haben sich verändert: Kino- und Bühnenprogramm fand man nun ebenso wie Werbung für Konzerte in der „zitty“ oder im „tip“, so dass damals schon die ersten unrentablen Säulen verschwanden – und die anderen immer häufiger großflächig für Werbung eingesetzt wurden.

Doch die Aussenwerbung (abgekürzt o-o-h, nicht wegen der schönen Motive, sondern für „out-of-home“) wird zunehmend digitaler. Bunt, leuchtend, beweglich, flexibel und kurzfristig einsetzbar und zumindest dahingehend günstiger, dass keine Papierplakate mehr gedruckt werden müssen, sondern das Hochladen einer Datei auf den Server des Anbieters ausreicht. Doch Kritiker bemängeln, dass damit die Lichtverschmutzung zunähme und die Verkehrsteilnehmer abgelenkt werden. Ganz abgesehen davon, dass wir in den Städten in einem Meer von Werbebotschaften ertrinken und den Blick für die eigentliche Schönheit verlieren. Städte wie Sao Paulo und Grenoble haben es bereits vorgemacht, wie man Aussenwerbung abschafft (wie im Blog-Beitrag „Der Werbehobel von Grenoble“ bereits berichtet)

So fordert die Initative „Berlin werbefrei“ eine deutliche Einschränkung der Aussenwerbung, auch im wirtschaftlichen Hinblick. Kleine Geschäfte und Betriebe können sich die großen o-o-h-Kampagnen finanziell oftmals nicht leisten, gleichzeitig versperren Plakatflächen den Blick auf ihre Geschäfte. Mit der Einschränkung der Werbeflächen sollen lokale Anbieter und Geschäfte wieder sichtbarer und gestärkt werden. Über 40.000 Unterschriften hat die Initiative in Berlin gesammelt und somit den ersten Schritt in Richtung Volksbegehren genommen. Und wer weiß, wenn in 15 Jahren der jetzige Vertrag ausläuft, vielleicht wird es dann keine neuen Säulen mehr geben…