Die Welt genäse, gäbe es mehr Erdbeerkäse

Ich bin mir nicht sicher, ob hier der Konjunktiv II von „genesen“ angemessen ist, aber es sieht einfach schön aus… 🙂

Ich war wieder einmal eingeladen in die radioeins-Studios, das Thema bei den Herren von „Zweiaufeins“ lautete: „Kreis“. Die Redaktion wie auch die Moderatoren fragten sich nämlich, warum in letzter Zeit die Social Media-Abteilungen der Firmen immer wilder „auskreisen“….

Auslöser für das Thema war folgender Post von der Firma „Kaufland“, den ich auch in unserer makketing-Facebookgruppe gepostet hatte und der sich hoher Beliebtheit erfreute:

In Zeiten von Instagram & Co hat grundsätzlich das Bild an Bedeutung gewonnen, doch Bilder alleine reichen nicht, es muss auch noch ein knackiger, witziger Spruch dabei sein. In Zeiten der allseits beliebten „Twitterperlen“ haben sich die User und Konsumenten an diese Form der schnellen, unterhaltsamen Informationsaufnahme gewöhnt – zumal die Chance, dass die Botschaft mit so einem Motiv viral verbreitet wird, recht hoch ist.

Das Erstaunliche an diesem Motiv ist jedoch eher der Bezug, denn „Frauentausch-Nadine“ und ihre Auslassungen zum Thema gesunde Ernährung sind immerhin schon 7 Jahre alt. Nur für den sehr sehr unwahrscheinlichen Fall, dass unter meiner geneigten Leserschaft sich jemand befinden sollte, der sie nicht kennt, dem sei hier ein Ausschnitt nachgereicht:

So wie man in meiner Generation früher nur „Setz dich, nimm dir nen Keks, mach’s dir bequem…“ und andere Brian-Sprüche von sich gab und sich sicher sein konnte, dass  alle in seiner Altersklasse es verstanden, so ist das heute eben der Erdbeerkäse – in digitalen Zeiten aber mit viel viel mehr „Eingeweihten“.

Nun kann ja der beste Social Media-Verantwortliche nicht jeden Tag nur wahnsinnig kreativ sein, so dass auch jeder, aber wirklich jeder alte Witz in der Zwischenzeit mehrmals recycelt wurde. Zum Beispiel dieser hier (aus aktuellem Anlass):

Hamwa gelacht. Das bringt mich aber zu einem zweiten Aspekt, denn neben Witzigsein muss heute blitzschnell reagiert werden – und die Reaktion darf nicht beleidigt oder besserwisserisch ausfallen, sondern idealerweise – ihr ahnt es schon: witzig. Auf den Aldi-Post bei Facebook meldete sich nämlich Kaufland:

Manchmal sind auch Verspekulationen nicht schlimm 😉 Tolle Weihnachtsleckereien findet ihr natürlich bei uns 🍭🍫🎅

Also Abteilung „besserwisserisch“. ALDI Süd hat aber schnell darauf reagiert:
ALDI SÜD Ok, tchuligom Herr Kontrollrolf. #werhatserfunden #machkeinauge

 

Und das ist wiederum komisch und so bekam auch dieser Post zurecht seine Anerkennung in vielfacher Teilung – und medialer Berichterstattung. (Für die Älteren: „Mach kein Auge“ bedeutet: „Sei nicht neidisch, Bruda“).

Ein anderes Unternehmen, dass blitzschnell urkomisch agiert, ist die Berliner BVG. Dort sitzen mittlerweile Leute in der Social Media Redaktion, die auch Gags für die „heute-Show“ oder „Neo Magazin Royale“ schreiben, und beim Bild einer vergessenen Gans in einer Strassenbahn dann auch schon mal wie folgt antworten:

Denn der dritte beachtliche Aspekt ist, dass heute Humor eingesetzt wird, um mit Kommentar-Trollen zurecht zu kommen. Den ewigen Pöblern und Madig-Machern kann man nämlich weder mit Information beikommen noch mit Ignorieren. Aber mit Witz bis hin zur Veräppelung:

Man muss sich nicht alles gefallen lassen, aber man muss cool dabei bleiben, nichts persönlich nehmen, nie aus Wut oder Euphorie schreiben, und immer, immer noch einmal lesen, was man tippt. (Quelle)

wird einer der Schreiber in der brandeins zitiert. Auch bei McDonalds hat man längst erkannt, dass man gegen all die Halbwahrheiten, die im Netz kursieren, eine ganze besondere Art der Aufklärungkampagne fahren muss. Pommes bei Mäkkes bestehen aus Sägespänen? Hier die Antwort:

Bei der BVG geht es ebenso dementsprechend – zumindest in der Kommunikation – mehr um die Wahrnehmung und weniger um das Produkt:

Auch dieser Spot erfreute sich nicht nur großer Beliebtheit, sondern führte dazu, dass die Berliner laut Marktforschung die BVG nun als zuverlässiger erachtet haben. Wunderbare Welt des Marketings!

Der jüngste Streich der BVG stellt den Menschen in den Mittelpunkt, denn es gilt zum einen, Nachwuchs zu gewinnen, und zum anderen, dafür zu sorgen, dass den Mitarbeitern auch im Alltag Respekt gezollt wird:

Tatsächlich sind laut Pressemitteilung der BVG ein Großteil der Darsteller echte Kollegen:

Mehr als die Hälfte der Darstellerinnen und Darsteller, der Sängerinnen und Sänger, der Tänzerinnen und Tänzer sorgt im Alltag dafür, dass unsere Stadt rund um die Uhr in Bewegung bleibt, ob auf dem Fahrersitz, in der Werkstatt oder an einer anderen Position in Deutschlands größten Nahverkehrsunternehmen.(Quelle)

Der Unterhaltungswert ist immer groß – vielleicht sollten einfach mehr Firmen ihre Kommunikationsabteilungen mal zum Auskreisen bringen….

 

 

makketing heißt jetzt „I bims vong der Werbung“

„Don’t believe the hype, it’s a sequel!“ möchte man ausrufen, wenn man sieht, was die Social Media Republik jüngst wieder erregt hat. Absolute Experten im Thema „Erregungskurve“ sind zwar eigentlich Daniel und Sven, aber dennoch luden sie mich ins radioeins-Studio, um mit ihnen über ein 70 Jahre altes Spiel zu sprechen:

Worum geht es? „Scrabble“, das gute alte Buchstabenspiel (das ich ja nicht mehr spielen mag, seit meine Schwägerin mir das Wort „Efeuschaden“ nicht anerkannte), feiert dieser Tage 70jähriges – und da kam man in der Marketingabteilung von Mattel auf eine tolle Verjüngungsidee:

Ab sofort sollte „Scrabble“ nun „Buchstaben YOLO“ heißen….! Oder, wie es die Marketingabteilung von Mattel weiter trieb:

WTFun? 70 Jahre und immer noch cool. Scrabble, das lustige Wortspiel, dreht den Swag auf und heißt ab sofort Buchstaben YOLO! MC Fitti und seine Freunde feiern auch schon.

In den sozialen Netzwerken schaukelte sich eine Empörungswelle sondergleichen hoch, wie immer, wenn mit liebgewordenen Relikten, die eine kollektive Erinnerung an die Vergangenheit beinhalten, respektlos umgegangen wird. Schnell vermutete man einen Scherz, doch Mattel zog die Entscheidung „gnadenlos“ durch. Selbst als die Redaktion von „jetzt.de“ nachforschte, gab die Pressesprecherin folgendes zur Auskunft:

„Heutzutage wird in der Gesellschaft teilweise ganz anders gesprochen als noch vor 70 Jahren und das liegt nicht zuletzt an den vielzähligen Jugendlichen mit ihren kreativen Wortkreationen. Als Herausgeber von Scrabble beobachten wir diese Entwicklungen natürlich mehr denn je und haben uns letztlich dazu entschlossen, zeitgemäß zu agieren und vielleicht den ein oder anderen der Generation Y von der Spielekonsole zurück zum Säckchen mit den Buchstaben zu holen.“ (Quelle)

Schockschwerenot, sie schienen es also ernst zu meinen…! Dass „Yolo“ (you only live once“) bereits 2012, also vor einer halben Ewigkeit, zum Jugendwort des Jahres gewählt wurde und es auch überhaupt keinen Sinn ergibt (Buchstaben YOLO?????), dass MC Fitti seine glanzvollen Tage mindestens ebensolange hinter sich hat und sich vor allen Dingen schon 2014 über den Begriff lustig gemacht hat, das alles hätte einen natürlich schon stutzig machen können…

Doch da es ja nichts Wichtigeres gibt zur Zeit, in der Weltpolitk beispielsweise, stiegen alle Medien darauf ein. Die Erregungswelle potenzierte sich – und gebar immerhin einige witzige Ideen für weitere Spielnamen:

Dann kam leider, leider acht Tage später die Aufklärung:

Es war alles nur ein Marketing-Gag. Menno, wir hatten gerade so viel Spaß gehabt. Aber war die Kampagne jetzt ein Erfolg? Magere 56.000 Clicks hat das Video von Mattel bei youtube, das ist unter viralen Gesichtspunkten so gut wie nichts. Immerhin besser, als das, was Mattel sonst so verbrochen hat für seinen Spiele-Klassiker:

Dieser Clip kam – zurecht – auf gerade einmal 9.800 Clicks….

Der Prank war gut gemacht, denn neben dem Video gab es auch eine hochoffizielle Presse-Erklärung seitens Mattel – und auch die Pressesprecherin zog den Scherz durch. Dennoch überrascht und verwundert es mich, wie unkritisch Medien Meldungen übernehmen, ohne diese zu hinterfragen. Hauptsache, man hat sie als erster on air oder in den Online-News oder gedruckt. Wenn sich hier der Eindruck verfestigt, dass Schnelligkeit vor Tiefe geht, dann wird der Zweifel an der Glaubwürdigkeit von Medien weiter wachsen.

Wie man aus alten Trends dennoch gute Viral-Werbung machen kann, zeigte uns jüngst Aldi Nord:

Das wurde dann auch mit 2,3 Millionen Clicks belohnt.

makketing auf die Ohren – re-heard 3

Moooordoooooor….! Noch befinden wir uns im Jahr 2011, doch auch damals haben uns schon jede Menge spannender Themen bei 2auf1 beschäftigt.

So unterhielten wir uns im September über Herrn Dyson und seine beutellosen Staubsauger:

Gefolgt im November von der tragischen Geschichte des Charles Goodyear und seiner bahnbrechenden Erfindung:

2012 begannen wir dann mit einem dreifachen „Hard! Rock! Hallelujah!“* und sprachen über die Geschichte der Hard Rock Cafes:

Viel Spaß beim Nachhören!

*Wer sich als Spätgeborener daran nicht mehr erinnern kann, dem sei hier das Werk noch einmal in seiner ganzen Pracht präsentiert:

 

 

 

 

 

 

 

Grünes Lego? Na Logo!

„Wandel“ lautet das heutige Thema der „Zweiaufeins„-Sendung und ich habe mich in Richtung Babelsberg zum radioeins-Studio aufgemacht, um über den Wandel in Sachen Nachhaltigkeit zu sprechen:

Unsere Ausgangsfrage lautet: Lego produziert jetzt nachhaltige Bauklötzchen – ist das wirklich ein Wandel oder doch nur Green Washing?

Bislang werden Lego-Steine aus sogenannten ABS („Acrylnitril-Butadien-Styrol“) – Kunststoffen hergestellt, die nur aus Erdöl produziert werden können. Die Lego-Büsche, -Blätter und -Bäume werden nun auf Basis von pflanzlichen Polyethylen aus Zuckerrohr fabriziert, ein Material, das einerseits besonders fest und stabil, zum anderen aber biegsamer sein wird. Dafür verwendet Lego nachhaltig erzeugtes Zuckerrohr von zertifizierten Produzenten. Durch diesen Materialumstieg können nach eigener Angabe die CO2-Emissionen für die Produktion zukünftig um 70 Prozent reduziert werden.

Ist das jetzt gut oder nur grüne Augenwischerei? Grundsätzlich gilt:

Jedes Unternehmen, das sich ernsthaft, glaubwürdig und nachweisbar darum bemüht, seine Produkte nachhaltiger herzustellen, beispielsweise durch die Verwendung klimaneutraler Rohstoffe, durch die Vermeidung von Müll während der Produktion und nach dem Gebrauch, aber auch durch soziale Verbesserung im Bereich der gesamten Wertschöpfungskette, leitet einen dringend notwendigen Wandel ein und verdient unsere Anerkennung.

Von Green Washing reden wir, wenn Unternehmen diese Maßnahmen umsetzen, um damit ihren Profit zu steigern, indem sie beispielsweise das Thema absatzfördernd einsetzen, also wenn erst mit jedem verkauften Kasten Bier ein Stück Natur gerettet wird. Über dieses Thema sprachen wir vor zwei Jahren schon einmal, hier kann es nachgelesen und  -gehört werden:

Green Washing bertreibt Lego meiner Meinung nach (noch) nicht: Außer einigen Pressemitteilungen, die natürlich auf öffentliche Aufmerksamkeit gestoßen sind, was aber auch völlig normal und konform ist, findet noch kein „Ausschlachten“ des Themas statt.

Seit 2015 investiert Lego in einen eigenen “ LEGO Sustainable Materials Centre“ über 100 Millionen € in die Forschung, Entwicklung und Umsetzung von neuen, nachhaltigen Rohstoffen. Dazu gehört auch die Maßnahme, bis 2030 Produktionsabfälle komplett vermeiden zu wollen. Und doch sollte leise, konstruktive Kritik angebracht sein:

Lego verwendet nach eigenen Angaben nachhaltig angebautes Zuckerrohr aus Brasilien, das den Richtlinien der Bioplastic Feedstock Alliance (BFA) entspricht, aber es stellt sich die Frage, ob für den erhöhten Zuckerrohr-Bedarf nicht andere Nutzflächen, z.B. für den Nahrungsanbau, verdrängt werden oder gar Waldflächen gerodet werden müssen. Gerade bei der Verwendung von essbaren Pflanzen als Rohmaterial konkurriert der Anbieter daher mit der Nahrungsmittelproduktion. Das gilt auch für die anderen Rohstoffvarianten, die Lego nach eigenen Angaben testet: Getreide, Mais und Zucker.

Auch sind die Bauteile nicht komplett biologisch abbaubar und damit nicht kompostierfähig. Es ist und bleibt ein Kunststoff und so besteht nach wie vor die Gefahr, dass  wenn dieser in die Umwelt gelangt, er zum Problem für viele Lebewesen werden könnte. Zwar können die neuen Bausteine theoretisch auch genauso recycelt werden wie die bisherigen, interessanter wäre es jedoch, wenn man Materialien aus Recycling zur Herstellung neuer Klötzchen gewinnen könnte.

Grundsätzlich problematisch ist zudem, dass es keine klare Definition von Biokunststoff oder Bioplastik gibt: Biobasierter Kunststoff ist nicht automatisch biologisch abbaubar, während erdölbasierter es sein kann. Zudem gibt es zahlreiche Plastikprodukte, die aus Mischungen von konventionellem mit Bioplastik bestehen.

Die neue Kollektion macht bislang gerade einmal 1 bis 2 Prozent der gesamten Lego-Bauteile aus und zwar nur die „botanischen Elemente“ wie Blätter, Büsche und Bäume. Allerdings will Lego bis 2030  seine gesamte Produktion umstellen und nur noch Bausteine aus nachhaltigen Materialien herstellen.

Bei rund 55 Milliarden jährlich produzierten Bausteine ist dies also erst ein Anfang,  aber ein wichtiger Schritt im Wandel hin zu nachhaltiger Produktion ist gemacht!

 

 

Man niest nicht in geliehene Bücher – dafür gibt es Tempo-Taschentücher!

…lautete ein Werbespruch der 50er Jahre für ein Produkt, das nahezu eine 100%ige Markenbekanntheit hat und dessen Name stellvertretend für eine ganze Gattung verwendet wird: das Tempo-Taschentuch. Im Zuge dieser vergrippten Zeiten ward ich just zu diesem Thema bei radioeins ins Zweiaufeins-Studio geladen:

Stofftaschentücher kannten schon die alten Römer, allerdings benutzten sie diese nicht, um sich die Nase zu putzen, sondern um sich den Schweiß abzuwischen. Und auch unsere Servietten sind eigentlich nichts anderes als Stofftaschentücher. Lange waren diese Taschentücher als Ziertücher vor allen Dingen dem Adel vorbehalten, auch wenn dieser sich ebenfalls damit nicht unbedingt schneuzte, sondern sie eher zu repräsentativen Zwecken trug.

Mit dem Aufkommen und der Mode des Schnupftabaks kamen Nase und Tuch zusammen und schnell verlor sich der Status des Luxusgegenstandes: Das Taschentuch wurde gebräuchlich und da im 18. Jahrhundert die Herstellung von Stoff immer günstiger wurde, verkam es zum Alltagsgegenstand.

1929 meldete Oskar Rosenfelder das Papiertaschentuch unter dem Namen „Tempo“ als Warenzeichen in Deutschland an, fünf Jahre nachdem die Firma Kimberly-Clark das Papiertaschentuch sich unter dem Namen „Kleenex“ in den Vereinigten Staaten schützen ließ. Zunächst einmal ist ein „Tempo“ nichts anderes als ein sehr dünnes Blatt Zellstoffpapier, das mit einer Schicht Glycerin überzogen wurde, damit es sich weicher anfühlt. Der Name „Tempo“ war ein Zeichen der Zeit, denn in den Zwanzigern wurde alles immer schneller – und auch das Papiertaschentuch versprach Zeitersparnis, denn das aufwändige Waschen der Stofftaschentücher in Waschzubern entfiel nun – das Wegwarfprodukt war geboren.

Natürlich galt das Papiertaschentuch als wesentlich hygienischer als das Stofftaschentuch, doch bestreiten Mediziner dies mittlerweile. Zwar sei jedes Taschentuch, das nur einmal verwendet werde, prinzipiell hygienischer als ein wiederholt verwendetes Tuch, aber einmal benutzte und dann gekochte Stofftücher schützen genauso vor Viren und Bakterien.

35 Millionen Päckchen wurden bereits 1933 jährlich produziert und verkauft, heute sind es über 20 Milliarden Taschentüchen, die in der so genannten „Z-Faltung“ angeboten werden, damit sie auch mit einer Hand schnell und einfach entfaltet werden können. Jeder Deutsche verbraucht im Durchschnitt mehr als 55 Päckchen Papiertaschentücher pro Jahr.

Unter dem Druck der Nazis emigrierte Oskar Rosenfelder – und bekam sein Werk  auch nach dem Kriegsende nicht mehr zurück. 1935 übernahm Gustav Schickedanz, Nationalsozialist und späterer Gründer des Kaufhauses Quelle, für wenig Geld die Fabriken und die Rechte an der Marke Tempo. Nach dem 2. Weltkrieg etablierte sich „Tempo“ in den Herzen und an den Nasen der deutschen Bevölkerung, schnell wurde die Milliarde-Marke geknackt.

Legendär sind nicht nur viele Spots, sondern auch die Werbesprüche von „Tempo“:

Auf Schnupfen-Nächten liegt ein Fluch!

Da hilft das Tempo-Taschentuch.

oder 

Die Liebe kann in Schnupfenfällen

am feuchten Taschentuch zerschellen,

er sollte drum zum Naseputzen

ein Tempo-Taschentuch benutzen!

1994 übernahm dann der US-Multi Procter & Gamble das Unternehmen, der es dann 2007 an die schwedische SCA verkaufte, einen der Hauptkonkurrenten von Tempo, sie stellen nämlich „Zewa“ und vor allen Dingen die „Softies“ her. Nach der Übernahme von „Tempo“ mussten sie diese für den deutschsprachigen Raum jedoch abtreten (an das italienische Unternehmen „Sofidel“, deren Marke „Regina“ manchem ein Begriff ist), außerhalb von Deutschland und Österreich hält die SCA jedoch noch eine Lizenz für den Vertrieb von „Softies“.

Das wahre Geheimnis der Tempo-Taschentücher enthüllt jedoch dieser Clip:

makketing auf die Ohren – wie alles anfing

Wie doch die Zeit vergeht… Vor 8 Jahren, im Januar 2010, war ich das erste Mal zu Gast bei radioeins in Potsdam-Babelsberg und lernte dort die 2auf1-Crew kennen: die Moderatoren Daniel und Sven sowie Dave, den Redakteur. Die Chemie stimmte und schon bald darauf war ich das erste Mal als Marketing-Experte on air. Fast 75 Interviews sind in diesem Zeitraum entstanden – und da ich mich selbst nicht mehr an alle erinnern konnte, werde ich nun in loser Reihenfolge, aber chronolgisch hier die Takes noch einmal posten.

Es begann alles mit sauber, rein und keimfrei….

…gefolgt von der (männlichen) Problemzone Gesicht:

Abschließend mein drittes Interview zum Thema „künstlicher Hype“:

Viel Spaß beim Nachhören!

 

 

Die Zuckerpuppe mit der Tütensuppe

„Tüte“ lautet das Sujet der heutigen Zwei auf eins-Sendung bei radioeins.So ein Thema kommt mir ja normalerweise gar nicht in die Tüte (haha), aber was es denn nun mit der Tütensuppe auf sich hat, das fand ich wiederum spannend genug, um doch nach Babelsberg zu fahren:

Wenn wir über Tütensuppe reden wollen, dann kommen wir an drei Namen nicht vorbei: Justus Liebig, Julius Maggi und die Gebrüder Knorr.

Der Chemiker Justus Liebig entwickelte 1852 ein „Fleischinfusum“, um Menschen mit schweren Magen und Darmerkrankungen vor dem Tod zu retten. Er fertigte daraus dann das bekannte „Liebigs Fleischextrakt“, das jedoch nur wenig und zunächst auch nur über Apotheken verkauft wurde. Erst als der deutsche Ingenieur Georg Christian Giebert 1862 von Liebig die Lizenz zur Großproduktion in Uruguay bekam, wurde der Fleischetrakt in großen Mengen produziert und weltweit verkauft.  Als Nahrungsmittel für die arme Bevölkerung war es zu teuer, es setzte sich aber als Würze für Suppen und andere Speisen durch, auch dank der Sammelbilder (die natürlich stets den Zeitgeist wiedergaben):

Letzendlich ist der Extrakt lediglich das Ergebnis vom Vorgang des Auskochens. Man reduziert die Fleisch- und Knochensuppe so lange, bis ein eigentlich ungenießbarer Bodensatz übrig bleibt, bestehend aus Eiweiß, Fett und Würze. Kocht man diesen wieder mit Wasser auf, entsteht eine Suppe. Liebig kochte den Fleischextrakt zusammen mit Gemüse, würzte ihn, vermischte ihn mit Fett und presste ihn in Form. Fertig war der Brühwürfel.

Die Gebrüder Knorr übernahmen von ihrem Vater eine Fabrik, die bereits auf die Produktion von Mehlen und Dörrobst spezialisiert war. 1889 übernahmen sie die Produktion der „Erbswurst“, die schon im deutsch-französischen Krieg an die Soldaten als eiserne Ration verteilt wurde. Diese bestand ursprünglich aus Erbsenmehl, Rinderfett, entfettetem Speck, Speisesalz, Zwiebeln und Gewürzen. Heute liest sich die Zutatenliste ein wenig anders: Erbsmehl, geräucherter Speck, Palmöl, Speisesalz, geräucherte Hefe, Rauch- und andere Aromen sowie vor allem Geschmacksverstärker: Mononatriumglutamat, Dinatriuminosinat, Dinatriumguanylat und Hefeextrakt.

Für Knorr warb selbst ein Kaiser, wenngleich als junger Mann….

Der Schweizer Julius Maggi wollte weniger die Soldaten ernähren, sondern war vielmehr um das Wohl der Arbeiterinnen und Arbeiter in den zahlreichen Fabriken besorgt. Diese ernährten sich meist schlecht, denn die knappe Zeit zum Kochen und minderwertige Produkte führten zu wenig nahrhaften Essen. Vitamine und Ballaststoffe fehlten, so dass die Folge Mangelkrankheiten und eine erhöhten Sterblichkeit war. Maggi erfand 1884 ein Mehl aus Hülsenfrüchten, den so genannten Leguminosen und kurze Zeit später gab es auf dieser Basis auch die ersten Fertigsuppen, 1886 dann auch als erste Trockensuppe. Aufreissen, anrühren, aufkochen – fertig war die Suppe!

Nun schienen diese Suppen doch ein wenig fad zu schmecken, denn schon kurze Zeit später erfand Julius Maggi auch die Maggi-Würze, die hauptsächlich aus Sojabohnen und Weizen bestand. Sie wurde zum Konkurrenten von dem Fleischextrakt, den Justus von Liebig schon 1840 zusammengerührt hatte und der inzwischen weltweit verkauft wurde.

Julius Maggi erkannte ebenso schon früh die Bedeutung von Werbung. Er gründete ein „Reclame- und Pressebureau“ und machte sowohl seinen Namen als auch das rot-gelbe Logo und insbesondere die Flasche zur unverwechselbaren Marke.

Ihre charakteristische Form mit dem dicken Bauch, dem langen Hals und dem kleinen Dosierkopf soll Julius Maggi selbst entworfen haben, diese soll an ein Ausrufezeichen erinnern. Mit wenig Aufwand lässt sich so ein Ausrufezeichen in der Küche setzen!

Der später dann berühmt gewordene Autor Frank Wedekind verdiente sich sein erstes Geld mit Reklame-Texten für „Maggi“, auch wenn diese heute für uns eher sperrig klingen:

“Die Poesie ist die Würze des Lebens, der Witz die Würze der Unterhaltung, wie Maggi`s Suppen- und Speisewürze diejenige eines jeden guten Mittagstisches.“

Musik in meinen Werbeohren ist dann eher dies:

«Das wissen selbst die Kinderlein: Mit Würze wird die Suppe fein. Drum holt das
Gretchen munter die Maggi-Flasch’ herunter.»

Mit Erfolg, denn heute steht Maggi-Würze nach wie vor in jeder sechsten Küche in Deutschland…

Julius Maggi erfand aber nicht nur die Tüten-Suppen und die Maggi-Würze, er setzte sich zudem sehr für seine Arbeiter ein und gründete zum Beispiel eine eigene Renten- und Krankenkasse. Er ließ Firmenkantinen, Wohnungen und Ferienheime bauen, in die er seine Arbeiter in den Urlaub schickte.

Im 1. Weltkrieg geriet „Maggi“ im wahrsten Sinne des Wortes zwischen die Fronten: In Frankreich war Julius Maggi ebenfalls mit seinen Brühwürfeln sehr erfolgreich, allein 1912 verkaufte er bis zu 6 Millionen Brühwürfel unter dem Namen „Bouillon Kub“ – monatlich!  Der Erfolg lag auch in der Verpackung in schönen Metalldosen und dem Aufhängen zahlreicher Plakate und Metallschilder mit Werbung. Doch zu Beginn des Krieges verbreitete sich das Gerücht, Maggi sei eine deutsche Firma, die also dem damaligen „Feind“ gehörte. Die Werbeschilder würden in Wirklichkeit dazu dienen, den deutschen Truppen die strategischen Stützpunkte zu verraten. Die Bürgermeister der Städte wurden aufgefordert, alle Maggi-Würfelwerbungen, die sich in Ihrer Gemeinde, in der Nähe der Bahngleise oder in der Nähe von wichtigen Bauwerken wie Brücken, Tunneln, Viadukten oder Abzweigungen befinden, zu vernichten. Alle Werbeplakate wurden entfernt und Maggi wurde der Spionage beschuldigt.

Trotz der vielen Geschmacksverstärker spricht aus Expertensicht nichts dagegen, solche Produkte zu nutzen, da sie in der Regel aus guten Zutaten schonend hergestellt werden, wie manche Ernährungsexperten meinen. Für frische Waren seien Tütensuppen und Würzmischungen auf Dauer jedoch kein Ersatz. Dennoch muten manche Tricks an wie direkt aus Frankensteins Labor: So wird Transglutaminase (ein Enzym, das Eiweißmoleküle miteinander vernetzt) dazu eingesetzt, dass Fleischreste zu kompletten Filetstücken veredelt werden und Würstchen mehr Biss bekommen. Rohstoffe können somit eingespart und Fleischreste wieder in ganze Stücke gewandelt werden. Wohl bekomm’s!