Billie, Billie don’t you lose my number…

„Kunde droht mit Anruf“, ist ja immer noch ein gern gemachter Scherz in manchen Büros, gemacht oftmals von dem leicht feisten Kollegen mit den Diddl-Socken. Tatsächlich lässt sich an der Kunden-Hotline bestens ablesen, wie viel wir dem Unternehmen wirklich wert sind und wie ernst man uns nimmt.

Zwei aktuelle Beispiele aus dem Bereich Mobilfunk: Bei Anbieter 1 sprach ich immerhin mit Menschen, allerdings weiß ich bis heute nicht, wo die eigentlich saßen und ob sie meiner Sprache überhaupt mächtig waren, denn anscheinend lasen sie nur ab, was auf dem Monitor vor ihnen stand. Auf meine Rückfragen konnten sie nicht antworten, so dass das Gespräch leider erfolglos beendet wurde. Aber mir wurden wiederholt irgendwelche Gigabyte angeboten, die ich weder brauchte noch wollte.

Bei Anbieter Nummer 2 sprechen nur noch die Chatbots – und damit es nicht zu eintönig wird, gibt es eine weibliche und eine männliche Stimme. Aber auch die haben mir bei meinem Problem nicht helfen können. Ich rief dann übrigens direkt bei dem Shop an, wo ich tags zuvor das sündhaft teure Handy gekauft hatte, das nun Probleme bereitete, aber auch dort gelangte ich – egal zu welcher Zeit – nach 2x Klingeln direkt zum Anrufbeantworter.

Ich glaube, von diesen Geschichten hat jeder welche auf Lager. Wenn man ein Problem hat, dann soll man bloß nicht anrufen, denn im Zweifelsfall gibt es bereits bei YouTube ein Video dazu.

Wie un-end-lich dumm und kundenunfreundlich. Es geht nämlich auch ganz anders:

Taika cans with telephone number on it

Taika, finnisch für Magie, bringt Kaffee in Dosen auf den Markt. Das besondere sind hier die beigefügten Adaptogene, biologisch aktive Pflanzenstoffe, die dem Organismus helfen sollen, sich erhöhten körperlichen und emotionalen Stresssituationen anzupassen. Doch es geht mir gar nicht um das Produkt. Sondern um die nicht sehr unauffällig platzierte Telefonnummer auf den Dosen.

Kalle Freese, einer der Gründer, erklärte dies im Interview:

This is the perfect example of the “wow” experience I love to create for my customers. (…) With Taika, we’re building the version 3.0 of what I call “scalable hospitality:” leveraging technology to accentuate the product experience and enable our customers to connect with the brand in a fun and accessible way.

In the beginning, I put my personal number on the cans so people could text us feedback and order more. It worked so well that we decided to put the number front and center. We’ve had some hilarious philosophical discussions with people trying to figure out whether they’re talking to a bot or a human. It’s fun and weird—a pretty good substitute for not being able to go to your local coffee shop right now.

(Quelle)

Jetzt könnte man meinen, das sei ja nur ein kleiner Gag, aber an anderer Stelle berichteten die Gründer, dass diese direkte Erfahrung, die die Kunden mit der Marke machen, nicht nur die Bindung erhöht, sondern auch eine hervorragende Form der Marktforschung ist und sie viele Interessenten, die sich nur mal „just for fun“ gemeldet hatten, nach 15 – 20 Textnachrichten zum bestellenden Kunden verwandelten.“Ruf! Mich! An!“ funktioniert also auch, wenn man seine Kunden nicht anschreit und mit der Peitsche bedroht…

Man muss eben nur zuhören und seine Kunden als Impulsgeber verstehen – und schon bekommt der Begriff „Kundenwert“ eine ganz neue Bedeutung! Es liegt an der grundsätzlichen Philosophie hinter dem Produkt, denn die Ausgangsfrage der Gründer lautete: „Wie fühlst du dich, wenn du Kaffee trinkst?“. Das führt zu ganz unterschiedlichen Aspekten, denn der eine Kaffee morgens soll uns wach (und ansprechbar) machen, der Kaffee am Nachmittag uns entspannen und der Espresso nach dem Essen soll das Völlegefühl nehmen.

James Hoffmann, einer der Investoren, nennt diesen Ansatz: „Coffee as a destination“

Ok, um ehrlich zu sein, der Kundenwert funktioniert natürlich auch bei Taika (folgt ihnen auf Instagram!) noch im ganz klassischen Sinne, denn eine Dose kostet 5 – 6 $….

Als ich diesen Preis das ersten Mal las, brauchte mein schwaches Herz erst einmal einen frisch gebrühten Kaffee – ganz ohne Adaptogene.

Abschließend für alle diejenigen, die sich an den tollen, titelgebenden Song von Phil Collins aus dem Jahre 1985 nicht erinnern können, hier noch zum Abschluß – vielleicht als Begleitung zum Heißgetränk –  das *räusper* epische Musik-Video:

Noch fix die Familie unter Drogen setzen…

„Mami, Mami, ich habe schon wieder mein Spritzbesteck beim Dealer vergessen!“

„Aber mein Schatz, das macht doch nix, wir können doch noch familienfixen….!“

Ja, das geht jetzt, Familienfixen ist der neue Trend von Maggi:

Schafft Aufmerksamkeit. Denn wenn man nicht genau hinguckt bei der lästigen Fernsehwerbung, so schreckt man doch auf und glaubt, nicht richtig gehört zu haben.

Clever. Das schärfste Granulat hält der Maggi-Dealer dir parat.

Erinnert mich an die sehr lustige Mockumentary“Twinfruit„, bei der aus Dosenobst „Dobst“ wurde. Hat man dann verworfen, weil es zu dicht an „Dope“ war… vielleicht hätten die Kreativen von Maggi sich das einmal anschauen sollen….

Aber immerhin: Erstmals gibt einer der Großen zu, dass diese Aromastoffe durchaus süchtig machen können/sollen und die lieben Kleinen schon frühestmöglich angefixt werden müssen. Und Mama ist die beste….Dealerin. Eine so ehrliche Werbung hatte ich von Maggi dann doch nicht erwartet 🙂

 

Immer noch: Saufen für den Regenwald, den Artenschutz, den Weltfrieden

Na, wer kann sich daran noch erinnern?

Saufen für den Regenwald! Mit jedem Kasten Bier, den man kaufte, rettete man 2002 einen Quadratmeter bedrohter Natur. Toll! Und Anlaß genug für die Herren von „Zweiaufeins„, mich zum Thema „Kasten“ in das radioeins-Studio einzuladen, um über Sinn und Unsinn solcher Aktionen zu sprechen.

Zunächst einmal: Die Aktion war für Krombacher ein voller Erfolg:

„Wir sind gegen den Trend im Markt gewachsen“, sagt Weihrauch. „Und unsere Werte bei Authentizität, Sympathie und Glaubwürdigkeit sind deutlich gestiegen.“

zitert die „taz“ den Krombacher-Pressesprecher Franz-Josef Weihrauch. Und so setzt die Biermarke diese Aktion seit nun mehr 14 Jahren fort. Mittlerweile geht es nicht mehr um den weit entfernten Regenwald, sondern um den Artenschutz quasi vor unserer Haustür:

Krombacher hat tatsächlich Geld in Regenwaldprojekte gesteckt, was grundsätzlich löblich ist. Und doch sahen sie sich schnell einer wachsenden Zahl von Anfragen ausgesetzt, die genau wissen wollten, wie Krombacher den Umweltschutz über die Werbeaktion hinaus lebt. Wie sozial sie sich als Arbeitgeber verhalten, wo ihre Zutaten herkommen usw. usf. Und – ebenso löblich – es setzte ein Umdenken im Unternehmen ein, das 2011 in dem ersten Nachhaltigkeitsbericht gipfelte. Viele positive Effekte – ist das also eine gelungene „grüne“ Aktion?

Mitnichten, denn es handelt sich hier immer noch um eine Werbeaktion, bei der unter dem Vorwand, das grüne Gewissen zu beruhigen, vor allen Dingen eines erzielt werden soll: mehr Absatz. Und dieser Mißbrauch grüner Themen ist stets eine Form von Green Washing. Es steht jedem Unternehmen, jeder Unternehmerin und jedem Unternehmer frei, sich sozial, fair und grün zu engagieren und Teile der erwirtschafteten Gewinne über soziale und ökologische Projekte wieder an die Gesellschaft zurückzugeben – und natürlich kann dies auch gerne im Rahmen der Website und anderer PR-Aktivitäten kommuniziert werden (Tue Gutes und sprich darüber!), aber wenn dieses Engagement in den Vordergrund geschoben wird, um damit Dinge zu verkaufen und Wachstum zu generieren, dann handelt es sich hier nicht mehr um ein öko-soziales Engagement, sondern eben um ödeschnödeblöde Werbung.

Und das Schlimme ist, dass man sich als Unternehmen damit tatsächlich auch seinen guten Ruf ruinieren kann: Beispiel Porta. Auch dieses Möbelhaus engagiert sich vorbildlich und unterstützt viele Projekte, wie man online nachlesen kann, aber auch hier wird dann u.a. eine große Funkspot-Werbekampagne gefahren, um die Kunden zum Möbelkauf am 7. Mai zu bewegen, denn:

 

Wirtschaftliche Unternehmen sind keine moralischen Instanzen und dürfen sich auch nicht dazu aufspielen. Sie können mich informieren, sie können mir ihre Partner vorstellen, mich dazu animieren, diese zu unterstützen. Aber wenn sie ihre Wohltaten von meinem Kaufverhalten abhängig machen (und das auch noch ziemlich unverhohlen im Rahmen von Werbeaktionen), dann verspielen sie ihre Glaubwürdigkeit.

Auch H&M ist großartig darin, Green Washing zu betreiben, wie ich jüngst in einem Beitrag für meinen „Schwester-Blog“ greenmarketing aufgezeigt habe. Der Textilhändler lenkt mit einer großen, grünen Recycling-Kampagne vom eigentlichen Thema, den Produktionsbedingungen, ab.

Es handelt sich auch hier ziemlich unverhohlen um Abverkaufswerbung, der Kunde kommt beim Zurückbringen der Klamotten wieder in die Filiale zurück und kann mit den erhaltenen Gutschein gleich wieder neue Bekleidung kaufen. Das diese aber unter billigsten Bedingungen produziert wird, darüber schweigt sich H&M aus und seine Bemühungen, diese zu verbessern, sind eher marginal. Wie auch, plant doch das Unternehmen weiterhin jährlich 400 Filialen zu eröffnen, die alle mit billiger „fast fashion“ bestückt werden wollen.

Wenn Unternehmen damit weitermachen, uns unter grünen Aspekten ihre Produkte verkaufen zu wollen, dann wird Nachhaltigkeit nur noch zu einem beliebigen Zusatznutzen, dann hat es unser Wirtschaftssystem wieder einmal geschafft, sich einen Gegenansatz einzuverleiben und daraus Profit zu schlagen. Das dürfen wir als Konsumenten nicht zu lassen.

 

Ich mach dich fertig!

„Mach es zu deinem Projekt!“ ruft uns die Werbung einer großen Baumarkt-Kette entgegen, doch was hat es wirklich auf sich mit dem „Do it yourself“-Kult? Das wollten die Herren von Zweiaufeins wissen und luden mich dementsprechend ins radioeins-Studio zum Gespräch:

Ich bin nun handwrklich eher unbegabt, koche dafür aber sehr gerne. Grundsätzlich gibt es für alles Fertigprodukte, wieso machen wir überhaupt noch etwas mit unseren eigenen Händen? Weil wir selbst gebauten, gekochten, gemachten Produkten mehr Wertschätzung entgegenbringen und emotional stärker an sie gebunden sind – selbst, wenn wir sie nur zuende gemacht haben. Im Marketing heißt dieses Phänomen „IKEA-Effekt“, denn die Wertschätzung eines individuell zusammengebauten Möbelstückes aus Massenproduktion ist fast genauso hoch wie die für ein vom Handwerker gefertigtes Einzelstück.

Dies wurde in den Vereinigten Staaten schon in den 50er Jahren bei Kuchenbackmischungen festgestellt. Der Verkauf von Fertigbackmischungen blieb damals hinter den Erwartungen zurück, denn die Hausfrauen empfanden es als zu einfach und zu unbefriedigend, wenn sich der Kuchen quasi von selbst machte. Erst als die Werbung betonte, dass der Backmischung doch noch frische Eier, Milch und anderes hinzugefügt werden müsse, stellte sich der Erfolg ein, denn nun gab es den eigengestalteten Eingriff. Und das ist bis heute noch so:

Und wenn dann noch der Handwerker selbst zu den kleinen Helfern greift, dann kann man auch als Amateur nichts mehr falsch machen…

Dass DIY heute im Marketing einen so hohen Stellenwert hat, zeigt wieder einmal, dass der Kapitalismus als Wirtschaftssystem es bestens versteht, sich jede gegenkulturelle Strömung einzuverleiben: Ursprünglich hatte das „Do it yourself“-Konzept einen politischen Hintergrund, der sich in den 60ern und 70ern ganz klar gegen passiven Konsum, industrielle Massenproduktion und die wachsende Macht der Medien wandte. Improvisieren, selbst organisieren, selber machen waren Methoden der Abgrenzung. Und so strickten die Abgeordenten der AL (Alternative Liste) und der Grünen auch in den Landtagen und im Bundestag als ausdrückliches Zeichen des Anders-Seins (hier der heutige Europa-Abgeordnete der Grünen, Michael Cramer):

Nach zwei Generationen Konsumkultur richten sich auch heute wieder reichlich Angebote gegen Massenproduktion und zeigen den Weg zurück zum Selbermachen, denn viele dieser kulturellen Fertigkeiten wie Kochen, Nähen, Reparieren, Handwerken sind fast verloren gegangen in den vier Jahrzehnten, in denen einfach immer alles wieder neu gekauft wurde. Doch mittlerweile haben die Anbieter erkannt, dass man damit sehr gut Geld verdienen kann, und dementsprechend reagiert, in dem sie uns mit einer Vielzahl von Magazinen, Anleitungen, Zubehör, Maschinen und Fernsehsendungen (in deren Werbeblöcke uns dann die genannten Produkte angepriesen werden) tatkräftig unterstützen. Und spätestens, wenn wir unsere selbstgebastelten Machwerke dann bei Dawanda oder Etsy zu Verkauf anbieten, dann schließt sich der kapitalistische Kreislauf wieder….. Man könnte es zum Kotzen finden:

Rollin‘ rollin‘ rollin‘

…though the streams are swollen, keep them doggies rollin‘, Rawhide!!!!!

Wer jetzt an Jake und Elwood Blues denkt, ist zwar popkulturell mit mir auf einer Wellenlänge, aber leider noch nicht im Thema, denn es geht um das Fahrrad. Mobil, be- und geliebt, von wachsender Bedeutung für den städtischen Verkehr, aber ein kaum benutzter Werbeträger – bis jetzt!

Bislang waren Sattelbezüge und bunte Fähnchen das höchste der Werbegefühle, doch nun wagt Kino-Mo mit seinen Video-Bikes den Sprung in die Zukunft:

Fahrräder fahren langsam genug, so dass die Botschaft von Fußgängern wie Autofahrern bestens wahrgenommen werden können – in der dunklen Jahreszeit ebenso wie in der hellen. Es stellt sich nur die Frage: Will man das?

Was für den einzelnen Biker ein schöner kleiner Nebenverdienst sein kein, ist für normalsterbliche Passanten nur noch eine weitere Werbebelästigung im öffentlichen Raum. Weggucken ist kaum möglich, wenn man nicht Gefahr laufen möchte, unter die Räder zu geraten.

Wo ist aber das Ende? Laufbänder mit Werbebotschaften rund um Kinderwägen? Laufräder, die bei der Betätigung Werbesongs für Barbie absondern? Gibt es denn wirklich nirgends mehr Ruhe??

Wenn schon kommerzielle Botschaften, dann doch bitte mit Sinn und Understatement, wie es zum Beispiel Volvo mit seinem „Life Paint“ praktiziert:

Wasserbasiert, abwaschbar, ohne Rückstände auf der besprühten Fläche und der Erlös geht zudem noch an die Stiftung „Wings for Life“. Leider nur limitiert.

Und so kommen wir auf das stets gleiche Fazit: Kontakte schinden und um Aufmerksamkeit buhlen ist heute nicht mehr der Schlüssel in die Köpfe und Herzen der Konsumenten. Gutes Engagement schon.

 

 

Marketinggeschwurbel Folge 3.861

Anspruch:

„Entlang sämtlicher Touchpoints – sei es mobil, direkt am PoS, via Beacons oder Kundenkarten – wird in Zukunft auf die individuellen Bedürfnisse und Wünsche der Kunden eingegangen werden können. In der Praxis bedeutet das, dass dem Kunden zur richtigen Zeit am richtigen Ort über den richtigen Kanal die richtigen Angebote zugespielt werden können.“

Dr. Johannes Steegmann, Managing Director Rewe Digital

Wirklichkeit:

2015-09-28 17.03.36

 

Nimm die rote Kapsel!! Aber bloß nicht runterschlucken!!

Rote Kapsel, blaue Kapsel? Da war doch was? Richtig:

Ein altes Thema, das auf dem Höhlengleichnis von Platon beruht (*klugscheiß*), doch neulich wurde auch mir die rote Kapsel angeboten:

DSC03040Sollte ich mich wirklich in den Kaninchenbau hinabwagen?? Wieso hat mir eigentlich niemand die blaue Kapsel angeboten? Das nenne ich mal Entscheidungsfreiheit…. Als ich sie mit zitternder Hand gerade zum Munde führen wollte, da fiel mir jemand in den Arm:

„Do not swallow!! Open it!“

Scheinbar hatte ich den Film falsch verstanden. Doch dann offenbarte mir die Kapsel ihr Innenleben:

DSC03044eine Visitenkarte (nun ja, „kind of“…) des miba, des „museu d‘ idees i invents de barcelona“. Ein kleines, feines, privates Museum der sinnigsten und unsinnigsten Erfindungen, in dem das Fotografieren nicht verboten, sondern ausdrücklich erlaubt ist:

2015-07-28 16.47.40 Im Museum gibt es dann nicht nur aufregend interaktive Toiletten, sondern auch lauter Erfindungen, die uns das Leben deutlich leichter machen könnten – wie z.B die Treppenstufen-Verkürzer für Rentner oder.den FdH-Teller, der ab sofort jede Diät-Bemühung begleiten sollte: 2015-07-28 17.10.02 Auch Hygiene-Paranoiker mit ausdrücklicher Türgriff-Phobie können tief durch ihren Mundschutz durchatmen, denn diese einfach Idee löst jegliches Sauberkeitsproblem auf der Toilette:

DSC02863

 

Irgendwie fragte ich mich bei jedem 2. Exponat, warum ich denn nicht auf diese simple Idee gekommen bin – doch kein Grund zum Verzweifeln, denn es ist:DSC02861Nun war es grundsätzlich zu heiß im Urlaub (und nach dem Besuch des Rum-Museums „Casa del Bacardi“ inkl. ausgiebiger Verkostung auch zu schwer, noch klare Gedanken zu fassen – doch dazu an anderer Stelle mehr), aber aufgeschoben ist ja nicht aufgehoben!

Kreativität, frische Ideen, ungewöhnliche Visitenkarten, davon können wir im Marketing nie genug bekommen – doch:

DSC02862

Der Werbehobel von Grenoble

…heißt Eric Piolle und ist Bürgermeister des französischen Alpenortes. Sein Wahlversprechen lautete: die werbefreie Stadt – denn auch Werbung kann eine Form von Verschmutzung sein, insbesondere wenn sie den öffentlichen Raum besetzt. Und so nutzte er den auslaufenden Vertrag mit dem Vermarkter JCDecaux, um weit über 300 Werbeträger abmontieren zu lassen und dafür Bäume zu pflanzen. Einen Teil der Flächen dürfen kulturelle und soziale Einrichtungen nutzen, aber nicht, um vorbeifahrende Autofahrer mit Botschaften zu versorgen, sondern um mit kleineren Werbeflächen die Fußgänger zu informieren.

Immerhin bedeutet dies auch den Verlust von gut 150.000 Euro jährlich an Einnahmen, die der Bürgermeister der französischen Grünen jedoch durch die Abschaffung seinen Dienstwagens und die Kürzung aller Bezüge der Stadtratsmitglieder um 25% wieder ausgleicht.

Dreiviertel der Bewohner von Grenoble hätten die Werbeschilder einer Umfrage zufolge als störend empfunden. Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes, wie ihn in Deutschland auch das Amt für Werbefreiheit und Gutes Leben fordert, fand nun erstmalig in Europa statt, nachdem 2010 schon Sao Paolo diesen Schritt gegangen ist.

Bei den Grenoblern kommt die Aktion zumindest sehr gut an, denn Werbung gehöre ins Fernsehen oder ins Internet, aber nicht auf die Strasse.

Im Sinne von Green Marketing zeigt dieses Beispiel sehr schön auf, dass auch die Marketing-Kommunikation neu gedacht werden muss – und es ein „geht nicht“ nicht gibt…

Es grünt so grün….

Blauer Himmel, Sonnenschein – und schon ergrünt und erblüht die Natur. Auch die Macher von „Zweiaufeins“ sind aus ihrem Winterschlaf erwacht und luden mich zum Thema „grün“ ins radioeins-Studio:

Wir sprachen über „Green Marketing“, ein Thema zum dem ich gerade eine erste kleine Einführung in das Thema veröffentlicht habe – als Ebook und Book-on-demand. Reinlesen kann man hier.

Die Grundfrage bei „Green Marketing“ lautet: Wie können wir die bewährten Marketing-Instrumente dazu einsetzen und nutzen, um gute „grüne“ Ideen, Konzepte, Projekte und Produkte erfolgreich im Markt zu platzieren. Viele Start-Ups, die ich auch im Schwesterblog greenmakketing vorstelle, haben nachhaltige Werte von Anfang an quasi in der DNA ihres Unternehmens verinnerlicht. Schwer tut sich hier eher der Mittelstand, der jedoch nach wie vor die eigentliche Stütze unserer Wirtschaft ist. Dabei sind es gerade die Familienunternehmen, die, ohnehin stark werteorientiert, am ehesten dazu in der Lage wären, umzudenken und sich umzustellen.

Als Beispiel sei wie im Buch die Firma Patagonia genannt, die durchaus hochpreisige Outdoor-Kleidung anbietet: Patagonia liegt immer noch in den Händen der Gründerfamilie und ist daher keiner Gewinn-Maximierung und keinem Zwang zur Aktionärsbefriedigung unterworfen. Es leistet sich daher den Luxus, mit teuren Materialien wie Biobaumwolle oder recyceltem Nylon oder Polyester zu arbeiten und aufwändige Produktionsprozesse beizubehalten. So kontrollieren sie ihre Zulieferbetriebe in China, Vietnam und Bangladesch selbst und stellen besonders hohe soziale Anforderungen an die Fabrikanten, bevor sie Aufträge erteilen. Sie geben Geld für Forschung und Entwicklung aus, zum Beispiel um Bio-Gummi herzustellen, und spenden 1 % ihres Gesamtumsatzes an Umweltschutzgruppen.

Patagonia hat sich zum Ziel gesetzt, hochqualitative, langlebige Produkte herzustellen – und bietet seinen Kunden sowohl einen Reparatur-Service an als auch die Möglichkeit, die alten Produkte zurückzusenden und sie direkt dem Recycling zuzuführen, sodass aus den alten Kleidungsstücken wieder neue entstehen können. Aber auch noch tragbare Ware möchte Patagonia so lange wie möglich in diesem Kreislauf behalten und hat deshalb das „Worn Wear“-Programm ins Leben gerufen, bei dem sie die Besitzer auffordern, ihre alten Sachen doch weiterzugeben und weiterzuverkaufen.

Es geht um den Wert der Dinge, den wir ihnen beimessen. Patagonia-Kunden kaufen laut Unternehmensaussage weniger, aber dafür nachhaltig produzierte und länger haltende Dinge. Gerade in der Wirtschaftskrise entwickelte sich der Umsatz von Patagonia rasant: Seit 2008 stieg der Umsatz Jahr für Jahr um 25 %, denn gerade in der Krise achten die Menschen auf Qualität.

Qualität im Produkt, Verantwortung für die Zulieferer, Recycling der Produkte, klare, transparente Kommunikation, gesellschaftliches Engagement… Patagonia zeigt auf, wie man erfolgreich mit „Green Marketing“ auch in umkämpften Märkten bestehen kann.

Regelmäßig mehr zum Thema findet sich im greenmakketing-Blog. Wer nun zu faul zum Lesen ist, der kann sich auch die Einführung in die „Green Marketing“-Video-Vorlesung ansehen:

Und als besonderes Schmankerl hier noch das Interview mit dem Soulbottles-Gründer Georg Tarne:

I love advertising because I love lying

„We know the product is going to stink. We know that because we live in the world, and we know that everything stinks. We all believe, ‚Hey, maybe this one won’t stink.‘ We are a hopeful species. Stupid but hopeful. But we’re happy in that moment between the commercial and the purchase. And I think spending your life trying to dupe innocent people out of hard-won earnings to buy useless, low-quality, misrepresented items and services is an excellent use of your energy.“

Gut gebrüllt, Löwe, möchte man Jerry Seinfield zurufen, der seine Dankesrede bei den Clio-Awards dazu nutzte, kurz und knapp mit der Marketing-Industrie abzurechnen. Der Hofnarr hat seine Schuldigkeit getan…. Ob jemand davon aufgewacht ist? Ich fürchte nicht, denn noch heute würden wie 1991 (was Seinfield in seiner Rede erwähnt) gierige Marketeers auf die Bühne springen, um sich einen Clio zu schnappen. Solange nervige Werbung mit Preisen ausgezeichnet wird, wird es noch lange bei nerviger Werbung bleiben.

Es ist daher an der Zeit, Marketing endlich neu zu denken.