Ich mach dich fertig!

„Mach es zu deinem Projekt!“ ruft uns die Werbung einer großen Baumarkt-Kette entgegen, doch was hat es wirklich auf sich mit dem „Do it yourself“-Kult? Das wollten die Herren von Zweiaufeins wissen und luden mich dementsprechend ins radioeins-Studio zum Gespräch:

Ich bin nun handwrklich eher unbegabt, koche dafür aber sehr gerne. Grundsätzlich gibt es für alles Fertigprodukte, wieso machen wir überhaupt noch etwas mit unseren eigenen Händen? Weil wir selbst gebauten, gekochten, gemachten Produkten mehr Wertschätzung entgegenbringen und emotional stärker an sie gebunden sind – selbst, wenn wir sie nur zuende gemacht haben. Im Marketing heißt dieses Phänomen „IKEA-Effekt“, denn die Wertschätzung eines individuell zusammengebauten Möbelstückes aus Massenproduktion ist fast genauso hoch wie die für ein vom Handwerker gefertigtes Einzelstück.

Dies wurde in den Vereinigten Staaten schon in den 50er Jahren bei Kuchenbackmischungen festgestellt. Der Verkauf von Fertigbackmischungen blieb damals hinter den Erwartungen zurück, denn die Hausfrauen empfanden es als zu einfach und zu unbefriedigend, wenn sich der Kuchen quasi von selbst machte. Erst als die Werbung betonte, dass der Backmischung doch noch frische Eier, Milch und anderes hinzugefügt werden müsse, stellte sich der Erfolg ein, denn nun gab es den eigengestalteten Eingriff. Und das ist bis heute noch so:

Und wenn dann noch der Handwerker selbst zu den kleinen Helfern greift, dann kann man auch als Amateur nichts mehr falsch machen…

Dass DIY heute im Marketing einen so hohen Stellenwert hat, zeigt wieder einmal, dass der Kapitalismus als Wirtschaftssystem es bestens versteht, sich jede gegenkulturelle Strömung einzuverleiben: Ursprünglich hatte das „Do it yourself“-Konzept einen politischen Hintergrund, der sich in den 60ern und 70ern ganz klar gegen passiven Konsum, industrielle Massenproduktion und die wachsende Macht der Medien wandte. Improvisieren, selbst organisieren, selber machen waren Methoden der Abgrenzung. Und so strickten die Abgeordenten der AL (Alternative Liste) und der Grünen auch in den Landtagen und im Bundestag als ausdrückliches Zeichen des Anders-Seins (hier der heutige Europa-Abgeordnete der Grünen, Michael Cramer):

Nach zwei Generationen Konsumkultur richten sich auch heute wieder reichlich Angebote gegen Massenproduktion und zeigen den Weg zurück zum Selbermachen, denn viele dieser kulturellen Fertigkeiten wie Kochen, Nähen, Reparieren, Handwerken sind fast verloren gegangen in den vier Jahrzehnten, in denen einfach immer alles wieder neu gekauft wurde. Doch mittlerweile haben die Anbieter erkannt, dass man damit sehr gut Geld verdienen kann, und dementsprechend reagiert, in dem sie uns mit einer Vielzahl von Magazinen, Anleitungen, Zubehör, Maschinen und Fernsehsendungen (in deren Werbeblöcke uns dann die genannten Produkte angepriesen werden) tatkräftig unterstützen. Und spätestens, wenn wir unsere selbstgebastelten Machwerke dann bei Dawanda oder Etsy zu Verkauf anbieten, dann schließt sich der kapitalistische Kreislauf wieder….. Man könnte es zum Kotzen finden:

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s