Inbound Marketing – willkommen in der Venusfalle

**NEU** Den ganzen Blogbeitrag lieber hören als lesen? Bitte schön! **NEU**

„Sprung“ war diesmal das Thema bei „Zweiaufeins“ und ich konnte leider erkältungsbedingt nicht direkt ins Studio springen, sondern musste am Telefon die Frage beantworten, ob „Inbound Marketing“ nun der große Quantensprung im Marketing sei. Das radioeins Interview könnt ihr hier nachhören:

Vermeintlich vorbei sind also die Zeiten, in denen uns Werbung anschreit, jetzt geht es darum, uns nach und nach immer tiefer in den Sales Funnel zu ziehen – bis diese Falle zuschnappt und wir gar nicht mehr anders können, als Kunde zu werden.

Natürlich ist es gut gemeint, denn im Mittelpunkt stehen die Kunden und das Ziel, eine Vertrauensbasis zu ihnen aufzubauen und ihnen fortlaufend einen Mehrwert zu bieten. Anstatt sich Kunden aufzudrängen, geht es hier darum, ihr Interesse zu wecken, mit ihnen zu interagieren und sie zu begeistern.

Doch wie funktioniert Inbound Marketing nun genau? Durch guten, suchmaschinenoptimierten Content gelangen beispielsweise möglichst viele Menschen auf die Website und lesen deren Inhalte (z.B. Blogbeiträge). In den Inhalten geht es allerdings nicht darum, eine reine Verkaufsshow abzuliefern, sondern darum, sich und sein Unternehmen als Experten in der Branche zu positionieren. 

Nehmen wir an, jemand tippt in seine Suchmaschine „Kündigung Arbeitsvertrag“ und wir sind die tolle Anwaltskanzlei. Dann könnte jetzt zum Beispiel in den Suchergebnisse ein kluger Blog-Artikel zum Thema „Arbeitsrecht“ erscheinen, der die suchende Person auf unsere Website bringt.

Abgesehen von frei zugänglichen Blogbeiträgen gibt es auf der Website auch Premium Content, wie z.B. eine Checkliste – „Die 10 wichtigsten Punkte, auf die Sie bei einer Kündigung achten müssen“. In den Blogbeiträgen werden die Lesenden dazu aufgefordert, ihr Wissen zu vertiefen. Doch dieser Content ist besonders wertvoll, weswegen die Leser ihn nicht kostenlos bekommen. Sie bezahlen jedoch nicht mit Geld für den Download, sondern durch die Angabe ihrer Kontaktdaten.

Nun kann ich also per Email nachfragen, ob es vielleicht noch mehr Bedarf gibt, bzw. ob alle Fragen geklärt sind. Falls nicht, so können wir den nächsten Premium Content anbieten, z.B. ein Webinar oder ein Whitepaper zum Thema. Wiederum zahlt der Interessent mit Daten, diesmal etwas mehr als nur mit der Email-Adresse. Für uns könnte es jetzt wichtig sein, wie lange die betreffende Person schon beim Unternehmen arbeitet, was sie ungefähr verdient, oder auch, ob es sich um eine Privatperson handelt, die kündigen will, oder vielleicht einen Personalverantwortlichen, der Fragen zu diesem Thema hat. Ich kann dadurch nun den Kontakt bewerten und ganz gezielt weiteres Material anbieten.

Und so geht die Reise in den Verkaufstrichter immer tiefer. Wir bauen Vertrauen auf, zeigen unsere Expertise und ganz am Ende bieten wir das Beratungsgespräch an, um den neuen Mandanten endgültig zu gewinnen.

Wir bekommen also gut gemachten Content, Inhalte, geschenkt, die nützlich und hilfreich für uns sind – und merken über all die Whitepaper, Infografiken, Podcasts und Webinare dabei gar nicht, wie wir langsam kleben bleiben….

Ein Quantensprung? Das sollen andere entscheiden – auf jeden Fall aber ein deutlich effizienterer Weg, Kunden zu gewinnen, als mit klassischer Werbung.

Es geht also darum, den Kunden anzuziehen, mit ihm zu interagieren und – ganz wichtig – ihn zu begeistern. Denn die ganze Arbeit auf dem Weg durch den Verkaufstrichter ist vergeblich, wenn der Kunde dann letztendlich unzufrieden ist – und seine Unzufriedenheit womöglich noch in den sozialen Netzwerken teilt.

Begeistern wir unsere Kunden mit der Qualität unseres Produktes oder unserer Dienstleistung, dann wird er vielleicht zum Promoter, zum Empfehlenden, zum „Gute-Bewertung-Schreiber“ und bringt uns quasi automatisch wieder neue Interessenten, die die Reise durch unseren Sales Funnel antreten… in der Theorie ein traumhaftes System, das in der Praxis doch leider oft an diesem letzten Punkt der Begeisterung scheitert.

7 Gründe, warum Listen immer noch funktionieren (mit gifs!)

Manchmal habe ich das Gefühl, dass meine Feeds nur noch aus „Listicles“ (einer Kombinationen aus Liste (engl. „list“) und Artikel (engl. „article“) ) bestehen. „Die 15 wichtigsten Tralalas“, die „6 Insider Tipps für erfolgreiches Was-weiß-ich“ und so weiter. Alles, was so in den Content-Marketing-Abteilungen herumspringt, scheint ausschließlich auf Listicles fokussiert zu sein: einfach zu machen, schnell zu konsumieren, noch schneller wieder verdaut und vergessen. Listicles sind der Big Mac des Content Marketing, Fast Food. Doch warum funktionieren sie immer noch?

  • 1. Wir sind mit Listen vertraut – seit Kindheitstagen

Der Wunschzettel zu Weihnachten? Eine Liste. Welche Kinder können zum Geburtstag eingeladen werden? Eine Liste. Sternchen sammeln für Haushaltsarbeiten? Eine Liste. Das Hausaufgabenheft? Eine Liste. Und womit fixt man die lieben Kleinen richtig an? Genau: mit dem „Lotta-Leben Listenbuch“.

Doch auch sonst werden wir in unserer Vergangenheit schnell fündig: die zehn Gebote, die sieben Todsünden, die zwölf Heldentaten des Herkules, die sieben Weltwunder (würden heute wahrscheinlich eher mit “ die sieben coolsten places to see – mit Instagram-Selfie-Spot-Tipp“ heissen).

Wir werden zudem tagtäglich von Input überflutet: „Diesen Tsunami an Informationen versucht unser Gehirn automatisch zu sortieren und ihren Sinn zu erkennen. Deshalb werden wir von Listicles angezogen.“, so beschrieb schon der Autor Steve Denning deren Magnetismus.

Wir haben also das Listendenken quasi bereits in unseren Genen angelegt („die fünf wichtigsten Sequenzen unserer DNA“).

  • 2. „Ich hab doch keine Zeit! Zum Lesen!“

Online-Leser lesen anders: Das Lesen eines Online-Textes dauert rund 25% länger als das Lesen eines Print-Textes, was daran liegt, dass am Bildschirm die Augen schneller ermüden und wir uns schlechter konzentrieren können. Wir lesen im Internet zudem meist nicht Zeile für Zeile, sondern scannen die Inhalte von oben nach unten und dabei nehmen wir zunächst die Überschriften wahr. Listicles bestehen ja fast nur aus Überschriften…. Sie sind also der perfekte kleine Ablenkungssnack für Zwischendurch, wenn man es denn schafft, sich wieder loszureissen.

  • 3. Ich hab doch keine Zeit! Zum Schreiben!“

Braucht man ja auch nicht. Der Druck in den Social Media Abteilungen ist ohnehin riesig groß, jeden Tag muss mehrmals irgendetwas abgesondert werden, was man den Netzwerken in den Rachen werfen kann. Schneller kann Content jedoch nicht erstellt werden – und da es weder so etwas wie Wissen noch einen roten Faden benötigt (die Reihenfolge ist ja beliebig), kann auch der Praktikant den lieben langen Tag Listen schreiben. Schnell noch ein paar lustige gifs hinzugefügt und schon ist die Aufmerksamkeit gesichert! Wer mir das nicht glaubt, der klicke einfach auf „listverse„, dem Universum aller Listicles…

Wenn mir also eines Tages nichts mehr einfällt, dann kommen die „5 wichtigsten Marketing-Bücher, die ihr gelesen haben müsst“, die „8 wichtigsten Marketing-Dokus, die ihr gesehen haben müsst“, der „1 wichtigste Marketing-Podcast, den ihr gehört haben müsst.“ – und: „Die 5 Haltungen, in denen ich bei 36 Grad am wenigsten schwitze, wenn ich mich nicht bewege.“ Das ist eine Drohung, kein Versprechen.

  • 4. Die Millenials lieben Listicles!

Ja, aber die lieben auch Club Mate, Matcha Eis und TikTok. Nächster Punkt, bitte.

  • 5. Die Hoffnung stirbt zuletzt

Zugegeben, auch ich klicke auf Listicles, manchmal. Hat wohl was mit Sadomasochismus zu tun. Denn auch, wenn ich weiß, dass von den „10 Geheimtipps an deinem Urlaubsort“ mindestens 7 in jedem Reiseführer (print wie online) stehen und 2 schon wieder geschlossen sind, so ist doch insgeheim die Hoffnung da, dass einer, ja wenigstens nur einer der Tipps wirklich etwas neues ist. Nur spätestens nach dem Listicle ist der dann auch nicht mehr geheim, sondern überlaufen.

  • 6. Keine Fragen mehr, Euer Ehren!

Listen sind aufgrund ihrer Struktur nicht nur leicht zu konsumieren, sondern sie bringen uns auch eine ersehnte Eindeutigkeit. So – und nicht anders ist die Welt und das Leben. Das Prinzip „Bestseller-Liste“: Auf der Liste zu erscheinen, ist bereits ein Erfolg. Wer sie anführt, ist ein Siegertyp. Und so stillen Listicles das ewig-menschliche Bedürfnis nach Wettbewerb, Vergleichbarkeit und Eindeutigkeit. Was viele lesen, muss auch gut sein. Und für die Non-Konformisten gibt es ja noch die Liste mit den Geheimtipps… Wenn auch die Inhalte keinen Mehrwert bieten, so doch die Struktur: Alles wird einfach, eindeutig und klar.

Die Mehrdeutigkeit der Welt und unseres Lebens überfordert ja viele von uns. Wie schön, dass Listen unsere Lebensbereiche strukturieren… Und natürlich empfinden wir so etwas wie tiefe Dankbarkeit dem Schöpfer dieser Listen – und vielleicht binden wir uns ja sogar dauerhaft an diesen Contentlieferer.

7. Mach mit, mach’s nach, mach’s besser!

Listen sind nie vollendet. So willkürlich die Anzahl der Items sind (und angeblich sollen ja Listen mit 29 Bestandteilen besonders erfolgreich sein), so unvollständig bleiben sie jedoch. Und das kann nun zum „Call to action“ genutzt werden, in dem man die Lesenden dazu aufruft, die Liste doch um ihre Ideen und Vorschläge zu erweitern. Jetzt betreten wir endgültig die heilige Halle der Interaktion im Tempel des Content-Marketing.

Achtet doch selbst einmal darauf, wie viele Liste euch täglich begegnen – nicht nur online, sondern auch in Printmedien oder im Fernsehen lauern Listicles auf uns. Und mein Haus- und Hofsender „radioeins“ beschert uns jeden Sommersonntag die 100 besten Songs. Es gibt also kein Entkommen. Wollen wir überhaupt entkommen? Wenn nein, welches sind denn eure Lieblingslisten? Was gefällt euch am Listicle-Wahn und was nervt euch? Nutzt die Kommentarfunktion und diskutiert doch einfach mit…. 😉