Ist das Leben nicht wonderbra?

Lieber alles anhören statt alles lesen? Bitteschön:

Oh Wunder, oh Wunder, kaum sprach ich in der letzten Woche bei den Herren von „Zweiaufeins“ über den Kraftheinz, wurde ich nun in die Sendung geladen, um über ein mirakulöses Produkt zu sprechen: den Wonderbra!

Drei alte weiße Männer reden über Brüste und BHs – das ich das noch erleben darf…. Tatsächlich soll es dabei aber weniger um den BH an sich gehen, sondern um den unglaublichen Erfolg, den eine clever gemachte Werbekampagne vor bald 30 Jahren ausgelöst hat.

Die Marke „Wonderbra“, eingeführt von dem Unternehmen „Canadian Lady Corset Company“, gab es in Kanada bereits seit 1940, in den USA seit 1955. Unter den vielen Lingerie-Entwicklungen gehörten auch schon früh „Push-Up“-Modelle, doch in der Tat war Wonderbra nur ein Anbieter unter vielen.

„Canadian Lady“ ging in Sachen Vermarktung schon früh ungewöhnliche Wege: So machten sie bereits in den 60ern Fernsehwerbung und verlagerten den Schwerpunkt vom Produkt auf die Marke. Anzeigen versuchten, das Bewusstsein der Verbraucherinnen für den Markennamen zu stärken: Wonderbra. Denn Marktforschungen hatten gezeigt, dass Frauen keine im Fernsehen beworbenen Hüftgürtel wollten – diese wurden als Rüstung gegen Sex empfunden, während BHs ein Mittel zur Anziehung darstellten.

Anstatt versteckte „Man spricht nicht darüber“ zu sein, wurden Wonderbras zu sichtbaren Ikonen des weiblichen Sexappeals. Das Unternehmen nutzte auch die Preisgestaltung, um den Wonderbra als Luxusprodukt mit dem höchsten Preis zu positionieren. Diese Strategie führte zu höheren Gewinnen in einer sehr wettbewerbsintensiven Branche. Das Ziel war es, Frauen davon zu überzeugen, ihre Wonderbras als Kosmetik – als Schönheitsverstärker – und nicht als funktionelles Kleidungsstück zu sehen. Playtex, die damals führende Marke, warb hingegen für die Pflegeleichtigkeit und Langlebigkeit ihrer BHs.

In den 90er übernahm dann der amerikanische Großkonzern „Sara Lee“ die Lizenz – und erkannte schnell das Potenzial des Wonderbra – denn die Zeiten hatten sich geändert: Es war ein neues Frauenbild entstanden.

In den 60er und 70er Jahren hatten kleine Brüste im Trend gelegen, etwa bei Yves Saint Laurents Transparent-Mode. Das knabenhafte Model Twiggy prägte ein androgynes Schönheitsideal und Vorkämpferinnen der Emanzipation verbrannten öffentlich ihre von ihnen als einengend empfundenen Büstenhalter. Die 90er Jahren brachten uns dann die Supermodels wie Cindy Crawford und Claudia Schiffer – mit ihren deutlichen Rundungen werteten sie die traditionellen weiblichen Attribute auf. Die britische Vogue schrieb über die Rückkehr des gepolsterten BHs, eine von Vivienne Westwood inspirierte Modekollektion für Miederwaren erregte Aufmerksamkeit und Jean Paul Gaultier machte aus Unterwäsche Oberbekleidung.

Der Wonderbra wurde etwas neugestaltet und 1994 mit einer großen Kampagne relauncht. Man engagierte die großartige Fotografin Ellen von Unwerth sowie das damals unbekannte, 21jährige tschechische Model Eva Herzigova, und investierte in Großbritannien und den USA 16 Millionen Pfund – hauptsächlich in Außenwerbung, also auf großen Plakatflächen.

Da stand sie nun, die Eva, und bekleidet nur in Dessous rief zu uns ein freundliches „Hello Boys“ zu. Ein Hingucker, der so manchen Verkehrsunfall verursacht haben soll, bei denen einige Unfallverursacher das riesige Plakat am Straßenrand für ihre mangelnde Konzentration verantwortlich machten, wie gerne kolportiert wird.

Neben der Wahl der Medien, der Plakatierung von Großflächen, war die zweite Besonderheit der Kampagne, dass sie sich an Männer wandte und diese gezielt ansprach. Nicht Frauen, die das Produkt ja eigentlich kaufen und tragen sollten, waren die offensichtliche Zielgruppe, sondern Kerle. Demonstriert werden sollte so die Begehrlichkeit, die ein mit einem Wonderbra verzierter Körper erweckte.

Und es funktionierte!

Die Frauen rissen sich in den Kaufhäusern die BHs aus den Händen. 20 Millionen Stück wurden nach Beginn der Kampagne allein in Europa verkauft, weltweit ging alle 15 Sekunden ein Wonderbra über den Ladentisch – für den empfohlenen Verkaufspreis von immerhin 26 Dollar. Bald darauf wurde das Wort „Wonderbra“ sogar in englische Wörterbücher aufgenommen.

Der BH wurde als die schönste Mogelpackung der Welt angepriesen, „Sie werden Ihre Füße nicht mehr sehen“, wurde versprochen, die Medien bejubelten den „Hollywood-Effekt“, und selbst das sehr dünne Model Kate Moss beteuerte, mit dem Wonderbra ein Dekollete vorweisen zu können. Natürlich wurde der Verkauf auch durch den wütenden Protest von Feministinnen befeuert, die sowohl den Wonderbra als auch die Kampagne als „erniedrigend“ bezeichneten. Nichtsdestotrotz wurde die Kampagne 2011 als aufmerksamkeitsstärkste Kampagne der letzten 20 Jahre ausgezeichnet.

Doch das passierte alles 1994, vor laaanger Zeit. Und heute? Heute ist der Push-up ein Basisteil in den Kleiderschränken vieler Frauen. Die Marke Wonderbra gehört mittlerweile zum Hanes-Konzern, dem weltweit größten Vermarkter von „basic wear“, zu dem Marken wie „nur die“,“nur der“ oder „Elbeo“ gehören.

Und ich ? Ich frage mich immer noch, ob diese Röntgenbrillen wohl wirklich funktionieren….

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