Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist grün…

Wie werden wir wohl in Zukunft reisen? Diese nicht nur für die Tourismus-Industrie spannende Frage stellten sich viele Reise-Planende angesichts der Corona-Epidemie. Verschärft wird die Krise des Tourismus nun noch durch den Krieg gegen die Ukraine und die damit verbundenen Preissteigerungen im Energiesektor. Nicht zu vergessen ist dabei jedoch die Klimakrise, denn die Reisenden fragen sich immer öfter, welche ökologischen und sozialen Folgen ihr Konsumverhalten hat.

Bei Interview mit den Herren von „radioeins“ sprachen wir daher diesmal über die TUI und ihr Nachhaltigkeitskonzept. Nachzuhören ist das „Zweiaufeins„-Interview hier:

Schnell im Raum steht ja immer der Begriff „Greenwashing“, daher kurz vorab die Klärung der Frage, was das eigentlich ist:

Einfach gesagt ist der Versuch eines Unternehmens, sich nachhaltiger zu geben als man wirklich ist, Greenwashing. Die Art und Weise des „Flunkerns“ hat dabei verschiedene Ausdrucksmöglichkeiten, beginnend bei der Irrelevanz, wenn z.B. ein Produkt mit einer Eigenschaft beworben wird, die aussagelos oder eigentlich selbstverständlich ist.

Auch Unschärfe und fehlende Nachweise zählen bereits zum Greenwashing, also wenn Begriffe genutzt werden wie „klimafreundlich“, ohne diese zu erläutern, oder wenn behauptet wird, etwas wurde aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt, ohne dass eine unabhängige dritte Stelle dies bestätigt. Auch Phantasie-Label, die gut klingen, aber frei erfunden sind, führen direkt in die Hölle des Greenwashings,

Ebenso dazu gehört die dreiste Lüge, wenn beispielsweise etwas als „zertifiziert“ beworben wird, aber nie zertifiziert wurde, und auch jede Form von Verknüpfung nachhaltiger Taten mit dem Kauf eines Produktes („Du kaufst unser Bier, wir retten dann den Regenwald“).

Naom Chomsky, berühmter Professor für Linguistik, brachte es einmal wie folgt auf den Punkt:

„Man muss erkennen, dass die Angebote gut sein können. Zum Beispiel ist es gut, auf Plastiktüten zu verzichten, weil die Ozeane voll damit sind. Aber wenn das Angebot von einer mächtigen Institution kommt mit der Absicht, zu zeigen, wie gütig und wohlmeinend sie ist, dann lehnen Sie es ab. Akzeptieren Sie den Vorschlag, aber nicht die Propaganda.“

aus: Kathrin Hartmann: „Die Grüne Lüge

Wenn man sich jetzt die Nachhaltigkeitsbestrebungen großer Konzerne ansieht, dann kommt jedoch meistens ein anderer Aspekt des Greenwashings zum Tragen, nämlich der der versteckten Kompromisse: Hier werden die umweltverträglichen Merkmale scheinbar grüner Produkte und Bestrebungen in den Vordergrund gestellt, damit andere, weniger nachhaltige Aspekte in Vergessenheit geraten.

Ohne Frage, die TUI engagiert sich für die Umwelt und hat auch einige Programme ins Leben gerufen:

Aber oftmals werden hier eben mit schönen Bildern die Dinge in den Vordergrund geschoben, die einfach umzusetzen sind. Die wirklich schwerwiegenden Probleme fallen dabei unter den Tisch.

Beispiel TUI Cruises: Die TUI spricht auf ihrer Website viel von Nachhaltigkeit, zufriedenen Mitarbeiter*innen, sozialer Balance und intakter Umwelt. Auf den Kreuzfahrtschiffen gibt es Umweltoffiziere, die sich darum kümmern, Plastikflaschen und Müll an Bord zu vermeiden sowie Energiesparlampen zu verwenden. Gleichzeitig fahren die „Mein Schiff“ Kreuzfahrtschiffe jedoch unter maltesischer Flagge, was bedeutet, das weniger Umweltauflagen eingehalten werden müssen und auch geringere arbeitsrechtliche Standards gelten. Von den geringeren Steuern, die sie zahlen müssen, ganz zu schweigen… (so viel zum Thema: soziale Balance…)

„Umweltfreundlichst“ ist nicht gleich „umweltfreundlch“…

Zudem setzt die TUI da, wo es geht, nach wie vor Schweröl als Treibstoff ein, gut 80% beträgt der Anteil an den Antriebsstoffen. Die dadurch verursachte Luftverschmutzung könnte durch Rußpartikelfilter verringert werden, diese sind jedoch bislang in den wenigstens Kreuzfahrtschiffen eingebaut.

Kurz zur Veranschaulichung: Laut NaBu stößt ein Kreuzfahrtschiff pro Tag so viel CO2 aus wie fast 84.000 Autos, so viel Stickoxide wie etwa 421.00 Autos, so viel Feinstaub wie etwa über 1 Million Autos und so viel Schwefeldioxid wie gut 376 Millionen Autos.

Eine denkbare Lösung wäre der Einsatz von synthetischen Treibstoffen, doch dafür müssten man heute (eigentlich hätte man gestern…) anfangen, diese Treibstoffe in ausreichender Menge zu produzieren. Im Schiffsfahrtbereich sind momentan gerade einmal 0,1 Prozent des kompletten Treibstoffs CO₂-neutral.

Wie will man da das ehrgeizige Ziel der Klimaneutralität bis 2050 einhalten? Fragt sich auch der NaBu, denn so müsste ein realistischer Plan für die Umsetzung aussehen:

Und natürlich kostet die Umstellung auf synthetische Treibstoffe Geld – das direkt an den Reisenden weitergegeben würde. Experten schätzen, dass Reiseveranstalter ihre Preise für Kreuzfahrten um etwa 35 bis 40 Prozent erhöhen müssten. Die wenigsten Kunden dürften diese Preissteigerungen akzeptieren….

Viele Kreuzfahrt-Linien, die TUI ist davon ausgenommen, setzen auf „Carbon Offsetting“ wenn es um das Erreichen von Klimaneutralität geht, d.h. sie spenden Geld an Klimaschutzprojekte um ihren CO₂-Fußabdruck zu kompensieren. Super Idee: Man muss das eigentliche Problem nie lösen, solange man nur ordentlich spendet….

Und dann wäre da noch die Sache mit der ISO-Zertifizierung, die gerne erwähnt wird:

Dennoch ist TUIs Mein Schiff – Flotte mit dem Umweltstandard ISO-14001 zertifiziert. Klingt erst mal gut, tatsächlich jedoch stellt die Norm keinerlei Anforderungen an ein Unternehmen, es müssen lediglich Selbstverpflichtungen für die eigene Umweltpolitik bestimmt werden und sich darum bemüht werden, rechtliche Verpflichtungen einzuhalten. Was das heißt zeigen die Firmen, die ebenfalls nach dem Umweltstandard zertifiziert sind – das Atomkraftwerk in Fessenheim für seine Bemühungen beim Orchideenschtz, der Stromkonzern EnBW und die Urananreicherungsanlage in Gronau.

Initiative gegen Kreuzfahrtschiffe in Kiel und anderswo

Zusammengefasst: Die TUI ist sehr engagiert, was Umweltschutz und Nachhaltigkeit angeht, mehr als viele ihrer Wettbewerber, keine Frage. Sie muss sich allerdings die Frage gefallen lassen, wie sie die vollmundig versprochenen Ziele der Klimaneutralität bis 2050 erreichen will. Die Grenze zum Greenwashing ist nicht weit…

Grünes Lego? Na Logo!

„Wandel“ lautet das heutige Thema der „Zweiaufeins„-Sendung und ich habe mich in Richtung Babelsberg zum radioeins-Studio aufgemacht, um über den Wandel in Sachen Nachhaltigkeit zu sprechen:

Unsere Ausgangsfrage lautet: Lego produziert jetzt nachhaltige Bauklötzchen – ist das wirklich ein Wandel oder doch nur Green Washing?

Bislang werden Lego-Steine aus sogenannten ABS („Acrylnitril-Butadien-Styrol“) – Kunststoffen hergestellt, die nur aus Erdöl produziert werden können. Die Lego-Büsche, -Blätter und -Bäume werden nun auf Basis von pflanzlichen Polyethylen aus Zuckerrohr fabriziert, ein Material, das einerseits besonders fest und stabil, zum anderen aber biegsamer sein wird. Dafür verwendet Lego nachhaltig erzeugtes Zuckerrohr von zertifizierten Produzenten. Durch diesen Materialumstieg können nach eigener Angabe die CO2-Emissionen für die Produktion zukünftig um 70 Prozent reduziert werden.

Ist das jetzt gut oder nur grüne Augenwischerei? Grundsätzlich gilt:

Jedes Unternehmen, das sich ernsthaft, glaubwürdig und nachweisbar darum bemüht, seine Produkte nachhaltiger herzustellen, beispielsweise durch die Verwendung klimaneutraler Rohstoffe, durch die Vermeidung von Müll während der Produktion und nach dem Gebrauch, aber auch durch soziale Verbesserung im Bereich der gesamten Wertschöpfungskette, leitet einen dringend notwendigen Wandel ein und verdient unsere Anerkennung.

Von Green Washing reden wir, wenn Unternehmen diese Maßnahmen umsetzen, um damit ihren Profit zu steigern, indem sie beispielsweise das Thema absatzfördernd einsetzen, also wenn erst mit jedem verkauften Kasten Bier ein Stück Natur gerettet wird. Über dieses Thema sprachen wir vor zwei Jahren schon einmal, hier kann es nachgelesen und  -gehört werden:

Green Washing bertreibt Lego meiner Meinung nach (noch) nicht: Außer einigen Pressemitteilungen, die natürlich auf öffentliche Aufmerksamkeit gestoßen sind, was aber auch völlig normal und konform ist, findet noch kein „Ausschlachten“ des Themas statt.

Seit 2015 investiert Lego in einen eigenen “ LEGO Sustainable Materials Centre“ über 100 Millionen € in die Forschung, Entwicklung und Umsetzung von neuen, nachhaltigen Rohstoffen. Dazu gehört auch die Maßnahme, bis 2030 Produktionsabfälle komplett vermeiden zu wollen. Und doch sollte leise, konstruktive Kritik angebracht sein:

Lego verwendet nach eigenen Angaben nachhaltig angebautes Zuckerrohr aus Brasilien, das den Richtlinien der Bioplastic Feedstock Alliance (BFA) entspricht, aber es stellt sich die Frage, ob für den erhöhten Zuckerrohr-Bedarf nicht andere Nutzflächen, z.B. für den Nahrungsanbau, verdrängt werden oder gar Waldflächen gerodet werden müssen. Gerade bei der Verwendung von essbaren Pflanzen als Rohmaterial konkurriert der Anbieter daher mit der Nahrungsmittelproduktion. Das gilt auch für die anderen Rohstoffvarianten, die Lego nach eigenen Angaben testet: Getreide, Mais und Zucker.

Auch sind die Bauteile nicht komplett biologisch abbaubar und damit nicht kompostierfähig. Es ist und bleibt ein Kunststoff und so besteht nach wie vor die Gefahr, dass  wenn dieser in die Umwelt gelangt, er zum Problem für viele Lebewesen werden könnte. Zwar können die neuen Bausteine theoretisch auch genauso recycelt werden wie die bisherigen, interessanter wäre es jedoch, wenn man Materialien aus Recycling zur Herstellung neuer Klötzchen gewinnen könnte.

Grundsätzlich problematisch ist zudem, dass es keine klare Definition von Biokunststoff oder Bioplastik gibt: Biobasierter Kunststoff ist nicht automatisch biologisch abbaubar, während erdölbasierter es sein kann. Zudem gibt es zahlreiche Plastikprodukte, die aus Mischungen von konventionellem mit Bioplastik bestehen.

Die neue Kollektion macht bislang gerade einmal 1 bis 2 Prozent der gesamten Lego-Bauteile aus und zwar nur die „botanischen Elemente“ wie Blätter, Büsche und Bäume. Allerdings will Lego bis 2030  seine gesamte Produktion umstellen und nur noch Bausteine aus nachhaltigen Materialien herstellen.

Bei rund 55 Milliarden jährlich produzierten Bausteine ist dies also erst ein Anfang,  aber ein wichtiger Schritt im Wandel hin zu nachhaltiger Produktion ist gemacht!