„Ein Boss will doch jeder gerne sein“

Ja, auch ich würde das gerne werden, aber an meinen beiden Oberbossen von „2auf1„, Daniel Finger und Sven Oswald, komme ich natürlich noch lange nicht ran. Ich bleibe eben ein kleiner Stift – und das ist just auch das Thema (also eigentlich Filz, aber das passt mir jetzt nicht so gut in den Kontext…), über das wir uns neulich bei radioeins unterhalten haben:

Der Filzstift, ein Stift, bei dem eine Flüssigkeit die Stiftspitze tränkt, wurde in den 50ern in den USA zunächst auf den Markt gebracht, in den 60ern dann aber von den Japanern als Faserschreiber weiterentwickelt. Heute wird übrigens kein Filz mehr verwendet, sondern Spitzen aus Kunststoff mit vordefinierten Kapillaren.

1960 wurde in Hamburg die Firma „edding“ gegründet, die sich zunächst auf den Import von japanischen Filzschreibern beschränkte. Doch bald kam die Idee auf, dass es doch günstiger und vor allen Dingen profitabler wäre, einen eigenen Stift zu produzieren – und so erblickte der „edding No. 1“ das Licht der Welt. Zum Einsatz kam er nicht nur in den Büros, sondern auch in den Lagern und Werkstätten, denn die Tinte der edding-Stifte haftete auch an fettigen, feuchten und heißen Oberflächen. Produziert werden die Stifte erst seit 1993 in Deutschland, zuvor war edding ein reines Vertriebsunternehmen. Das Sortiment ist auf knapp 200 verschiedene Produkte angewachsen, darunter auch Lackstifte und Nagellack unter dem Namen L.A.Q.U.E..

Neben dem edding liegen aber noch die Stifte einer weiteren Marke auf (nicht nur) Deutschlands Schreibtischen: Schwan Stabilo. Ursprünglich war Schwan zunächst eine Bleistift-Fabrik, gegründet 1855 in Nürnberg, doch 1970 gelang dem damaligen Chef, Günter Schwanhäußer, ein großer Coup: Auf einer Geschäftsreise durch die USA beobachtete er in Chicago wie Studenten ein Stück Holz mit Schaumstoff umwickelten und es in eine braune Flüssigkeit dippten, um damit Textstellen markieren zu können. Inspiriert von dem Gedanken, dass das doch einfacher gehen müßte, entwickelte Schwanhäußer den Textmarker, der schon ein Jahr später auf den Markt kam.

Der „Stabilo Boss“ war zunächst sehr teuer – und richtete sich daher an die Zielgruppe der im Namen erwähnten Bosse. „Wir verkaufen keine gelben Linien, sondern Zeitersparnis“, soll Schwanhäußer geäußert haben und das war insbesondere für Menschen ideal, die wenig Zeit und viel Post hatten – Manager eben. Und so verschickte er als Marketingaktion seine Marker an 800 ausgewählte Manager und Minister, um sie von seinem Produkt zu überzeugen. Kurze Zeit später wurde das Produkt zum Verkaufsschlager, was Schwanhäußer nicht verwunderte, denn: „Ein Boss will doch jeder gern sein.“

Schwan Stabilo war jedoch stets sehr umtriebig und innovativ: 1925 wurde der „Dünnkernstift mit bruchfester Mine“ auf den Markt gebracht, der bis heute in vielen Federtaschen zu finden ist. Es wurden aber auch Dermatographen für medizinische Zwecke hergestellt und basierend auf den Erfolg der Dermatographen bei den Frauen der Ärzte, die sich damit gerne schminkten, weil er lang haftend und nicht verlaufend war, engagierte sich Schwan Stabilo dann im Bereich der Kosmetik und produzierte Augenbrauenstifte. Bis heute macht Schwan Stabilo als Weltmarktführer für Kosmetikstifte gut die Hälfte seines Umsatzes mit kosmetischen Produkten, die sie für nahezu alle bekannten Kosmetikmarken herstellen.

Und sie haben noch weiter diversifiziert und sind zwischenzeitlich in das Outdoor-Geschäft eingestiegen: Wer zum Beispiel einen Deuter-Rucksack sein eigen nennt, trägt ein Stück Schwan Stabilo auf seinem Rücken.

Manchmal ist es halt nur ein kurzer Weg vom Filzstift zum Rucksack….

 

 

„In the factory we make cosmetics in the drugstore we sell hope“

Dieses Zitat stammt von Charles Revson, Gründer des „Revlon“-Konzerns und quasi Vater des ersten Nagellacks. Und schon sehen wir, dass selbst ein Thema wie Nagellack unter Marketingaspekten besprochen werden kann – und hören kann man das auch, nämlich hier.

Wie üblich an dieser Stelle  ein bißchen Hintergrundmaterial zum Radio-Interview: Charles Revson war ursprünglich Verkäufer für ein Kosmetikunternehmen, das sich jedoch weigerte, ihn zum nationalen Vertriebsbeauftragten aufsteigen zu lassen. Wie bei vielen guten Gründungen war dies die Initial-Zündung, etwas eigenes zu schaffen. Charles nahm seinen Bruder Joseph und den Chemiker Charles Lachman mit dazu und gemeinsam gründeten sie 1932 „Revlon“ (Lachman steuerte das „l“ bei, der ursprünglich angedachte Name „Revlac“ wurde verworfen). Revson hatte nämlich beobachtet, dass in der boomenden Autoindustrie immer bessere Lacke zum Einsatz kamen. Die Verwendung von Pigmenten ermöglichte eine Vielzahl von Farbmischungen und der Autolack war auch haltbarer als die Varianten, die bislang im Umlauf waren (u.a. aus aufgelöstem Celluoid, also gebrauchtem und ausgemustertem Filmmaterial).  Der erste „richtige“ Nagellack war geschaffen – und startete seinen Siegeszug.

Allerdings galt es noch eine Zeitlang als anrüchig und nicht einer feinen Dame angemessen, Nagellack zu benutzen; es schickte sich nicht, zumal es eher die Damen aus dem horizontalen Gewerbe waren, die sich damit schmückten – und Schauspielerinnen. Letzteren ist es zu verdanken, dass der Nagellack sich dann doch durchsetzen konnte…

Revson entwickelte unermüdlich neue Ideen: So stellte er eines Tages fest, dass seine Frau eine andere Lippenfarbe benutzen musste, da es noch keine einheitlichen Nagellack-Lippenstift-Varianten gab – und auch das erfand er dann flugs: „matching lips and fingertips“.

Revson soll übrigens alle seine Lacke „eigenhändig“ ausprobiert haben….

Zurück zu den Schauspielerinnen – und zu einer anderen Marke: „Chanel“.

1994 wurde nämlich ein unglaublicher Run auf die Farbe „Rouge Noir“ ausgelöst, der Chanel nicht nur sehr überraschte, sondern auch dazu führte, dass der Nagellack blitzschnell ausverkauft war – und zu immensen Schwarzmarktpreisen gehandelt wurde.

Auslöser für diesen Hype war die Schauspielerin Uma Thurman, die in dem Film „Pulp Fiction“ diesen schwarzroten Nagellack trug – zu Zeiten, in denen diese Farbe bislang Grufties und Punkerinnen vorbehalten war:

Auf einmal waren die langweilen Rot- und Pinktöne out – und der Nagellack wurde zum wichtigen Mode-Acessoire.

Legendär: Uma, Travolta und \\“Rouge noir\\“

Ursprünglich hatte Chanel diese Nagellacke lediglich für den Laufsteg und die Modeschauen produzieren lassen – seitdem wird aber jedes Jahr der passende Nagellack in kleiner Stückzahl auf den Markt gebracht – Hype inklusive!

Und heute?

Heute bietet die amerikanische Firma OPI in Kooperation mit Dell die passende Laptop-Farbe zum Nagellack an (nicht etwa umgekehrt):

Und – so schließt sich dann der Kreis – Volvo verkauft die passenden Nagellacke zu seinen Autolacken:

Der Markt für Nagellacke ist dabei nach wie vor wachsend: Allein eine normale Rossmann-Filiale führt bis zu 800 verschiedenen Lacken von 15 Herstellermarken. Die Herren mögen jetzt den Kopf schütteln, die Damen werden das verstehen…