23 Thesen zur Zukunft der Medien – and beyond!

Zeit- und ortsgleich zur diesjährigen re:publica findet die Media Convention statt und ist eine erfrischende Ergänzung, wenn man das allgegenwärtige Thema „Datensicherheit“ nicht mehr hören kann.

Dort wohnte ich nun dem auch sehr nachlesenswerten Vortrag „23 Thesen zur Zukunft der Medien“ der Journalisten Jessica Binsch, Ole Reißmann und Hakan Tanriverdi bei. So visionär wie erhofft ist der Blick in die Zukunft dabei gar nicht, sondern eher eine Beschreibung der Gegenwart – und das zeigt meiner Meinung nach genau die Grundproblematik auf: Leicht kopflos und panisch guckt man in der Medienwelt zu, was da alles passiert, aber keiner gibt einen Kurs vor.

Ergänzend zu den 23 Thesen möchte ich daher noch folgende Überlegungen in den Ring werfen:

Formate ändern sich – müssen Inhalte mitziehen?

Dass Inhalte sich vom Träger gelöst haben, ist nun nichts Neues mehr: Musik braucht als Träger weder die Vinyl-Schallplatte noch die CD, ja wir müssen sie nicht einmal mehr physisch auf dem Rechner „besitzen“. Gleiches gilt für Filme oder Serien, die wir heute ebenso streamen können. Aber muss denn der Trägerwandel zwangsläufig auch einen Inhaltewandel bedingen? Wird jetzt andere Musik komponiert, weil es Spotify gibt, andere Filme produziert, weil wir maxdome nutzen? Niemand käme auf die Idee, seine Fernsehserie ab sofort in kleinen 3-Minuten-Häppchen abzudrehen oder auf Totale zu verzichten, nur um damit dem Smartphone-Zuschauer und seinem Mini-Screen gerecht zu werden.

Als Nutzer sind wir jedoch autonom geworden – wir entscheiden selbst, ob wir eine Zeitung noch als Papierprodukt lesen wollen (aus Gewohnheitsgründen – und weil wir die Zeit dazu haben) oder uns den schnellen Nachrichtenüberblick via Smartphone verschaffen möchten. Ob das jedoch das erste ist, was wir morgens tun, wie in These 2 formuliert, wage ich zu bezweifeln, denn das morgendliche Begleitermedium ist immer noch das Radio.

Masse macht’s nicht

Auf den Community-Barcamps höre ich die Verantwortlichen jammern, dass jedes beliebige Katzenbild mehr Klicks bekommt als der mit Mühe verfasste Beitrag. Wenn ich nach Masse schiele, dann sollte ich nur noch Katzenbilder posten. Es geht aber nicht um Quantität, sondern – immer noch – um Qualität. Die Fixierung auf die Klicks (These 10) führt zwangsläufig dazu, dass die Qualität leidet, denn alles muss massentauglich sein und somit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner runtergebrochen werden, um quantitativen Erfolg zu haben. Wenn das tatsächlich das angestrebte Ziel sein soll, dann: „Gute Nacht, lieber Journalimus“.  Das eigentliche Problem, das hier dahinter steht, liegt immer noch darin, dass keine qualitativen Geschäftsmodelle entwickelt wurden, sondern dem Werbekunden nach wie vor Reichweite verkauft wird – obwohl die Werbekunden schon längst erkannt haben, dass Kontaktzahlen allein nur noch den Controller interessieren.

Dass Qualität funktioniert – und vom Nutzer wie auch vom Werbekunden geschätzt wird – , zeigen gerade die Nischenprodukte: Zeitschriften wie „mare“, „enorm“ oder „Reportagen“, das wachsende Interesse an Dokumentationen oder das Wiedererstarken der wortlastigen Radiosender.

Qualität erreicht nicht immer die Masse, schon gar nicht, wenn man mutlos ist oder auf ausgetrampelten Pfaden bleibt. Die ermüdende Diskussion um die amerikanischen Qualitätsserien wie „Breaking Bad“ oder „Homeland“, die wir alle lieben, die aber in Deutschland ja nur ach so wenige Zuschauer erreichen im Vergleich zu jeder „Let’s Dance“-Folge, ist müßig. Wenn ich die Masse erreichen will, muss ich Volkstheater machen, wenn ich meinen eigenen Anspruch habe, Qualitätsprogramme – und dafür mein Geschäftsmodell entwickeln (ist zugegebenermaßen schwieriger).

„Vergesst die Nische!“ (These 11) kann daher nicht die richtige Losung sein, sondern es müßte heissen: „Lebt die Nische!“. Ich bin bereit, für Qualität zu zahlen und nicht für Beliebigkeit. Wie sagte Oma immer so schön: „Was nichts kostet, ist nichts wert; was viel kostet, ist viel wert.“

Medien müssen Marketing machen

„Wenn wir es nicht machen, machen es die anderen.“ (These 7). Richtig. Und warum? Weil die, die etwas von Marketing verstehen, begriffen haben, dass und wie sie Content anbieten müssen und können. Viele Medien haben aber meiner Meinung nach bis heute keine Ahnung davon, wie sie Marketing machen sollen.

E-Plus, Coca Cola, Red Bull, um nur einige zu nennen, bieten mittlerweile auf allen (eigenen!) Medien-Kanälen Inhalte an. Red Bull beispielsweise betreibt ein Medien- und Verlagshaus und bringt – sehr erfolgreich – Zeitschriften heraus und betreibt mit „Servus TV“ seinen eigenen Fernsehsender. Und warum? Weil sie es können. Weil es Marketingprofis sind, die ganz dicht an ihren Zielgruppen arbeiten. Die etwas von Profilierung und Positionierung verstehen – und wissen, dass man etwas einzigartiges anbieten muss, wenn man Erfolg haben möchte.

Immer nur mehr vom ewig gleichen führt in die Belang- und Bedeutungslosigkeit. These 6 ist reines Gift aus Marketingsicht. Es gibt unendlich viele Wissensmagazine (selbst von Hörzu) im Print- wie auch im TV-& Hörfunk-Bereich. Ich möchte nicht mehr von jedem alles immer wieder faktenreich erklärt bekommen. Ich möchte wissen, was die Menschen denken und fühlen, denn nichts interessiert Menschen mehr als andere Menschen. Der Erfolg von „brandeins“ liegt beispielsweise nicht darin, dass man mich wie ein kleines Kind an die Hand nimmt und mir die große Welt der Wirtschaft zeigt, sondern mir Menschen bekannt macht und erklärt, was sie umtreibt.

Ein Medium, das es nicht schafft, sich ein klares, wiedererkennbares Profil zu geben, das es nicht schafft, sich am Markt zu positionieren, in dem es Dinge anders macht als die anderen,das es nicht schafft, relevant zu sein für seine Zielgruppe (und das geht ausschließlich über Qualität), hat auf lange Sicht keine Überlebensberechtigung.

Mehr dazu findet ihr auch bei diesen beiden älteren Posts:

Quo vadis, Zeitung

Wieso Barack Obama Werbung für Dosensuppe macht… also indirekt

Und wer jetzt solange durchgehalten hat, der wird – wie gewohnt – mit Bewegtbild belohnt:

 

 

 

 

 

 

Wieso Barack Obama Werbung für Dosensuppe macht… also indirekt…

Den klassischen Medien geht es schlecht und schlechter, denn nicht nur bleibt das Käuferpublikum weg, sondern auch die Anzeigenkunden orientieren sich immer stärker an den Medien „below the line“.  Höchste Zeit also für ein wenig Gattungsmarketing – und wenn es schon nicht der Werbeträger ist, der verkauft, dann doch wenigstens die Politprominenz:

„Was auf der Welt passiert, passiert für Ihre Werbung,“

Schon an den mageren Klickraten merkt man, dass das Thema nicht wirklich interessiert, obwohl der Spot ja durchaus sehenswert gemacht ist. Bezeichnend ist jedoch, dass die „alten“ Medien sich immer noch über Aufmerksamkeit verkaufen, über Kontaktzahlen, die sie sich zudem sehr teuer bezahlen lassen. Dass es heute Werbetreibenden wie auch den Konsumenten vielmehr um Relevanz, Nutzen und qualitative Auseinandersetzung mit der Botschaft geht als um eine rein quantitative Reichweite, ist in den Köpfen vieler Verlags-Sales-Abteilungen anscheinend noch nicht angekommen.

Aber toll immerhin, dass man hier die Idee hatte, die Zeitung NICHT in Zeitungen zu bewerben (bringt wahrscheinlich zu wenig Aufmerksamkeit und auch die Zielgruppe ist wohl anders unterwegs,,,), sondern viral im Internet – „below the line“ lässt grüßen!

Braucht Media Marketing? Braucht Marketing heute noch die klassischen Medien? Genau dieses Thema werden wir beim ersten makketing-Talk am 10. Oktober behandeln. Zusammen mit dem Medien-Experten Carsten Sterzenbach werden wir uns darüber unterhalten, ob die klassischen Medien noch eine Zukunft haben – und wenn ja, welche. Der Eintritt ist frei, der Platz begrenzt, mehr Informationen sind hier zu finden.

 

 

Quo vadis, Zeitung?

Die Hiobsbotschaften reissen nicht ab: Nach dem Ende der „Frankfurter Rundschau“ und der „Financial Times Deutschland“ sehen sich auch andere Titel wie das „Handelsblatt“ zu weiterem Stellenabbau gezwungen. Wohin geht es nun mit unserer Presselandschaft? Brauchen wir noch Tageszeitungen? Menschen, die heute in der Redaktionskonferenz besprechen, was ich morgen lesen werde? Was ist Qualitätsjournalismus, was darf er kosten und findet er überhaupt noch seine Leser? Es sind trübe Aussichten….

Dabei brauchen wir Tageszeitungen, mehr denn je! Und es wird Zeit, für die Zeitung endlich eine Lanze zu brechen – mit ehrlicher Werbung!

Wem jetzt noch Argumente pro Zeitung fehlen, der sollte daran erinnert werden, dass es ja auch die Inhalte sein können, die unsere Aufmerksamkeit erregen und uns an die Zeitung fesseln, so wie in diesem Beispiel hier:

 

Und ja, es gibt ihn noch, den Qualitätsjournalismus, und eine wachsende Zahl von Lesern ist bereit, dafür auch gutes Geld zu bezahlen: Das Schweizer Magazin „Reportagen“ beispielsweise kostet 15,- Euro und liefert lange Lesestücke von höchster journalistischer Güte:

Das Ende des Journalismus ist also noch nicht gekommen, aber er wird sein Gesicht verändern…

radioeins – und in Zukunft?

Die Diskussionen über den Format-Facelift von radioeins wurde  auch gestern off- wie online heftig weitergeführt – mein Blogeintrag wurde  von 250 Menschen gelesen, was dann doch ein wenig mehr ist als sonst (danke an dieser Stelle an alle, die ihn weiterverbreitet haben!).

Der Frust ist immer noch hoch und ich möchte heute hier einfach ein paar der Gedanken, die in den Diskussionen auftauchten, allen Interessierten zugänglich machen.

Neben der Willkür und dem Umstand, dass diejenigen mit denen ich gesprochen/gemailt habe, nicht nachvollziehen können, warum etwas Gutes, Bewährtes ohne Not verändert wurde, stellt sich bei einigen auch die Frage, was bei radioeins unter Zukunft verstanden wird.

Zukunft heißt anscheinend „Kochen im Radio“, denn freitags sollen die Sterneköche Marco Müller und Stefan Hartmann auftischen (laut „World Wide Wagner„): Nun ist Kochen und Essen im Radio ja noch unsinniger als im Fernsehen, denn alle Sinnlichkeit entfällt – man kann höchstens noch das Schmatzen hören. Im Fernsehen hat sich der Kochtrend mittlerweile überlebt – ist das der Grund, warum man bei radioeins meint, dass dieser nun eine Zukunft im Radio hat?

Auch bei der neuen Show, die den sanft entschlafenen Sonntagnachmittag endlich mal wieder wachrütteln soll, stellt sich die Frage, welche Zielgruppe radioeins in Zukunft ansprechen möchte: Klaas Heufer-Umlauf, einer der beiden Moderatoren, wurde bekannt bei MTV, bevor er dann bei ProSieben mit so spektakulären Formaten wie „Ahnungslos“ und „17 Meter“ glänzte.

Dies sind nur zwei Beispiele, bei denen sich die Hörer fragen, ob sie noch den selben Begriff von Zukunft teilen wie die Programmmacher von radioeins…

Die anhaltende Diskussion zeigt, dass es sich nicht nur um einen „Sturm im Wasserglas“ handelt – und gerade der Umstand, dass die Entscheider sich in seiner öffentlich-rechtlichen Trutzburg verschanzt anstatt vielleicht wenigstens zu signalisieren, dass man den kritischen Stimmen zuhört und die Unzufriedenheit wahrnimmt, verstärkt die Frustration. Denn: Radio sollte für die Hörer gemacht werden, nicht für die Macher.

Dabei zeigt die Geschichte, dass Protest erfolgreich sein kann. So sah sich ProSieben vor Jahren dazu gezwungen, Christian Ulmens „Mein neuer Freund“ wieder in das Programm zu nehmen. Mit welcher Folge? Christian Ulmen hat die 2. Staffel dann eben nicht mehr für ProSieben produziert, sondern sie über seine eigene Website „ulmen.tv“ erfolgreich gesendet.

Für alle Medien gilt, dass die erweiterte Medienauswahl auch dazu führt, dass die Hörer/Leser/Zuschauer/User anspruchsvoller, selbstbewusster und vor allen Dingen autonomer geworden sind. Ich brauche heute keine Redaktion mehr, die sich vormittags zusammensetzt, um zu entscheiden, was ich morgen in der Zeitung lesen soll. Denn ich kann mir die Inhalte, die mich wirklich interessieren, leicht im Netz selbst zusammenstellen (und dennoch gibt es Tageszeitungen, aber die sollten sich auch mal fragen, warum. Wir verbinden nämlich viel mehr mit „unserer“ Zeitung als nur die Meldungen – gilt eben auch für’s Radio!). Ich brauche keine Programmmacher, die mir vorsetzen, wie ihr Radio zu klingen hat, denn ich habe im Internet die Auswahl von unzähligen Stationen weltweit – mit oder ohne Werbung – die genau das spielen, was ich hören will. Und auch das Fernsehen kann mir nicht mehr vorschreiben, wann ich was sehen soll. Gab es früher nur den Videorekorder (heute Festplatte), so kann ich mir nun die Sendungen in der Mediathek online angucken oder für kleines Geld bei iTunes oder Maxdome runterladen – und zwar wann ich will und egal ob ich es auf dem Rechner ansehe, dem Smartphone oder dem Tablet.

Wir sind unabhängiger geworden, aber auch ungeduldiger. Wer uns nicht ernst nimmt und uns nicht zuhört, verspielt unsere Gunst. Und – zurück zum Radiomarkt – wird sind uns auch bewusst, dass wir die Währung ausmachen, dass unser Einschalten die Quote bringt, die die Werbepreise festsetzt. Oder eben unser Wegschalten….

Meiner Meinung nach kann es sich heute niemand mehr leisten, Programm am Hörer vorbei zu machen. Das soll nicht heißen, dass der Hörer das Programm bestimmt (bitte nicht!), sondern eher wie es @medienmagazin gestern auf Twitter formulierte: „Das beste ist vermutlich, Angebote zu machen unter Berücksichtigung der Akzeptanz. Inspirierend + dienend.“

Die Diskussion geht weiter…