Heute schon gequencht?

„Mensch, schmeckt das stark!“ – so gehen gute Slogans! Ihr ahnt schon, dass etwas „stark“ schmeckte, ist lange, lange her und hat etwas mit Kindheit in den 70ern zu tun. Auch die Herren Finger und Oswald sind nicht mehr die Jüngsten und so luden sie mich zum Gespräch (corona-bedingt nicht ins radioeins-Studio), denn diesmal ging es um „Pulver“ – und hier um ganz besondere „Zaubermittel“…

Wer in den späten siebziger und achtziger Jahren seine Kindheit im Westen verbracht hat, der kann eigentlich an „Quench“ nicht vorbei gekommen sein, denn viele Sommer lang war es das angesagte Erfrischungsgetränk. Beutel aufreissen, das Pulver in eine Karaffe Wasser geschüttet, umgerührt, am besten noch Eiswürfel rein und schon war der Durstlöscher fertig! Den Geschmack von Quench haben wahrscheinlich noch viele von uns auf der Zunge….

Das große Rühren war damals durchaus normal, denn es gab noch viele andere Getränke wie Cefrisch, Lipton Ice Tea und und und. Für die Muttis und Vatis war es zum einen leichter, 20 Beutel aus dem Supermarkt mitzubringen als eine Kiste Glasflaschen (PET gab es damals noch nicht) – und es war auch billiger. Und natürlich machte man sich damals weder große Gedanken über den Zuckergehalt noch über die Künstlichkeit – Hauptsache, die Kinder waren nicht mehr durstig!

Für den großen Quench-Verbrauch gab es nicht nur die Beutel, sondern auch Quench in der Dose, mit praktischem Portionierer – ich habe heute noch den Geruch in der Nase, der einem entgegenströmte, wenn man die Dose öffnete. Und natürlich machte auch die Werbung unmissverständlich klar, dass die angesagten Muttis selbstverständlich Quench anrührten:

Mit dem Aufkommen von Gesundheitsbewußtsein, leichteren Flaschen und besserer Ernährung, aber auch mit dem Beginn des Mineralwasser-Booms in den 80ern verschwanden diese Produkte aus den Regalen, obwohl sie von vielen Konsumenten schmerzlich vermisst werden, wie man in vielen Foren nachlesen kann (Quench eignete sich auch perfekt als Guss für die „Quenchtorte“…). 2006 gab es den Versuch eines Remakes mit 22 verschiedenen Geschmacksrichtungen, der aber scheiterte.

Das Pulver-Prinzip hat sich in andere Bereiche verlagert, ob es Folgemilchprodukte, Diätpülverchen oder Sportshakes zum Anrühren sind. Doch in unserer Kindheit gab es ja nicht nur Pulver zum Trinken, sondern auch zum Fingerreinstecken… die Rede ist natürlich von Ahoj-Brause!

Der Kaufmann Theodor Beltle entdeckte beim Experimentieren mit Natron und Weinsäure, dass Wasser diese beiden Elemente zum Leben erweckt, denn die Zugabe von Flüssigkeit lässt Kohlensäure entstehen. Fasziniert von seiner eigenen praktischen Erkenntnis, kommt ihm die Produktidee: „Brauselimonaden-Pulver für alle Bevölkerungsschichten“. Denn tatsächlich war das Brausepulver zunächst als praktische und günstige Alternative zu den teuren Limonaden ein „Arme-Leute-Produkt“. In den Zwanzigerjahren war Limonade noch kein allgegenwärtiger und verpönter Dickmacher, sondern ein Luxusartikel, den sich nur Besserverdiener leisten konnten.

Zusammen mit seinem Schwager Robert Friedel gründet Theodor Beltle daraufhin in Stuttgart die Robert Friedel GmbH – kurz: Frigeo – und beginnt mit der Herstellung der Frigeo-Trinktabletten, zunächst in den Geschmacksrichtungen Zitrone und Orange.

In den 30ern werden die Trinktabletten dann durch die Pulverform als „Friedel-Brause“ abgelöst und zu Orange und Zitrone kommen die beiden neuen Geschmacksrichtungen Waldmeister und Himbeere hinzu. Das klassische Brause-Pulver Quartett im kultigen Tütchen ist geboren. Und auch der Matrose, der heute nicht mehr von dem Produkt zu trennen ist, lächelt von nun an von den Tütchen – und begrüßt seine Konsumenten mit „Ahoj“. Das Wort stammt in dieser Schreibweise aus dem Tschechischen und bedeutet so viel wie „hallo“ – klingt aber im deutschen Ohr auch nach „Ahoi“ und erinnert damit an den klassischen Seemannsgruß.

Doch Frigeo überdehnte die Marke, es gab auf einmal so exotische Sorten wie Pina Colada und Caipirinha und 2002 musste Insolvenz angemeldet werden. Für „Ahoj“ war das vielleicht das große Glück, denn Katjes übernahm und pumpte nicht nur Geld, sondern auch deren langjähriges Knowhow in die Marke hinein. Zunächst wurde das Portfolio bereinigt und alles flog raus bis auf die vier klassischen Grundgeschmäcker. Der Markenkern wurde also gestärkt und danach dann diversifiziert: 2007 wurden Ahoj-Bonbons mit Brausefüllung auf den Markt gebracht, zwei Jahre später Fruchtgummis mit Brausepulver – natürlich jeweils in den klassischen Geschmäckern Waldmeister, Zitrone, Orange und Himbeere. Bei McDonalds gab es 2009 dann McFlurry mit Ahoj-Brause und 2013 folgte der Müller-Joghurt, der mit Ahoj-Brausekügelchen garniert wurde.

2017 erfolgte der bislang größte Schritt für die Marke, als Katjes eine fertige Limonade in der Dose launchte. Eine Million Dosen wollten sie im ersten Jahr verkaufen, am Ende waren es drei Millionen.

 

Auch wenn heute die meisten Ahoj-Nutzer wohl nach wie vor eher den Finger in die Tüte stecken, um ihn dann genüßlich abzuschlecken, statt eine Trinkbrause daraus zu machen, erfreut sich Ahoj nach wie vor einer ungebrochenen Beliebtheit. Der Bekanntheitsgrad soll bei 97% liegen.

Vielleicht liegt das ja auch an dem erotischen Kribbeln, wenn das Pulver aus einem Bauchnabel geschleckt wird, so wie es Oskar Matzerath in der „Blechtrommel“ tut. Harald Schmidt sah sich einst veranlasst, dies zum 50. Geburtstag des Buches nachzuspielen – und einen besseren Schluss kann ich mir für diesen Blogbeitrag gar nicht wünschen… 🙂