Möge die Marketing-Macht mir dir sein!

Endlich läuft der langersehnte neue Star Wars-Teil in den Kinos, begleitet von einem monströsen Marketing-Feuerwerk… schrieb ich „monströs“?? Zufälligerweise lautet an diesem Sonntag das Thema bei Zweiaufeins „Monster“ und ich war in das radioeins-Studio eingeladen, um ein wenig über diese Kampagne zu erzählen:

Es gab und gibt kein Entrinnen und kein Entkommen, Star Wars dominiert die Einkaufsmeilen und ich wußte teilweise gar nicht mehr, ob das nun Weihnachtsgeblinke oder Star Wars-Animation war, was mich dort blendete. Sechs Wochen vor dem weltweiten Filmstart erwachte die Marketing-Macht, die mit geschätzten 225 Millionen US-Dollar mehr kostete als die Produktion des Films (200 Millionen). Kein Wunder, denn der Disney-Konzern, der 2012 Lucasfilm für 4 Milliarden US-Dollar übernahm, hat mehr als 100 Lizenzpartner, die mit Star Wars werben dürfen, darunter (nur eine kleine Auswahl…):

Adidas, Birkenstock, Danone, Duracell, Fiat, Galeries Lafayette, Hasbro, Mattel, Nestlé, Panini, Pez, Primark, Ravensburger, Rewe, Samsonite, Sigg, Subway…. und natürlich: Lego. Es gibt nichts, was es nicht gibt: Todesstern-Eiswürfel-Formen, einen Han-Solo-Kühlschrank, eine Lichtschwert-Grillgabel, aber auch Schmuck, Kalender, Kosmetik und Kaffeetassen. Deutschland gilt dabei gemessen an den Umsätzen im Lizenzbereich als das zweiterfolgreichste Land nach den USA weltweit.

Die Wirtschaftswoche rechnet dem Umsatz an Lizenzen auf schlappe 19,1 Milliarden US-Dollar hoch im Gegensatz zu den zu erwartenden Film-Einnahmen in Höhe von 9,7 Milliarden.

Dabei glaubte wohl niemand außer George Lucas 1977 an den Erfolg dieser „komischen“ Weltraumgeschichte, kein Wunder, sah doch das erste Skript vor, dass der Plot von Mace Wuindu handelt, dem verehrten Jedi-Bendu von Opuchie, der verwandt war mit Usby C. J. Thape, dem padawaanischen Schüler der berühmten Jedi (wie die SZ jüngst berichtete):

Es war einmal vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis. Okay, okay, es war im Juli 1976 in San Diego. Zur Messe Comic-Con im El Cortez Hotel kamen 3000 Nerds – die Bezeichnung war damals ein Schimpfwort. Drinnen wurden Requisiten und Fotos eines Films gezeigt, der zehn Monate später in die Kinos kommen sollte und von Krieg im Weltraum zwischen einem bösen Imperium und noblen Rittern handelte. Draußen boten junge Leute die Poster zum Film feil, einen Dollar wollten sie jeweils dafür haben. Sie hatten 1000 Stück mitgebracht – und wer dabei war wie der Comicbuchhändler Cal Burke, der erzählt heute: „600 davon sind in den Mülleimern gelandet.“ „Star Wars“, das war keine große Sache damals. (Quelle: SZ)

Auch das damalige Studio, 20th Century Fox, war sich sicher, dass der Film ein Flop werden würde und daher überliess man George Lucas die Lizenz- und Merchandisingrechte, der im Gegenzug auf 500.000 Dollar Gehalt verzichtete…. Der Deal seines Lebens! Schon 1978 wurden mehr als 80 Millionen Star Wars Figürchen verkauft, der Umsatz lag damals bereits bei über 100 Millionen US-Dollar. Und angeblich soll selbst in filmfreien Jahren der Umsatz mit Merchandising-Artikeln weltweit bei über 3 Milliarden Euro liegen.

Der Erfolg liegt in der Anlage eines sogenannten „narrativen Großuniversums“, das Star Wars, wie so manch andere, zum Pop-Phänomen werden ließ. „Um Teil der Handlung zu sein, scheuen viele Fans keine Kosten – das nutzen die Hersteller solcher Produkte natürlich zu ihren Gunsten“, sagt Harald Lange vom Institut für Fankultur in Würzburg (zitiert nach wuv.de). Allein durch die Spielzeuge haben Kinder heute bereits die gesamte Star Wars-Saga verinnerlicht, ohne auch nur einen der bislang 7 abendfüllenden Filme gesehen zu haben. Und die Weitergabe des „heiligen Star Wars Wissens“ ist beinahe schon ein Initiationsritus an der Schwelle zum Erwachsenwerden und wird vom Vater zum Sohn weitergereicht:

Fast jedes fünfte Lizenzspielzeug kommt mittlerweile aus dem Star Wars Universum, wobei Lego mit seinen Bausätzen und rund 600 verschiedenen „Star Wars“-Minifiguren eine der wichtigsten Rollen spielt. Seit 1999 ist Lego Lizenznehmer und hat in den vergangenen Jahren weltweit mehr als 190 Millionen der 300 verschiedenen „Star Wars“-Sets verkauft. Viele Spielzeuge zum Film kommen dabei sogar erst Anfang Januar in die Regale der Händler.

Disney überlässt bei diesen Umsätzen (und Gewinnen), die hier erzielt werden, nichts dem Zufall: Die Media- und Marketingpläne aller Lizenzpartner werden von Disney koordiniert, um genau den Werbedruck aufzubauen, der notwendig ist und der nicht zum Overkill führt. Disney ist nicht nur an der kreativen Produktentwicklung seiner Partner beteiligt, sondern überzeugt sich auch bei den Produktionsstätten vor Ort, dass die gewünschte Qualität erzielt wird. Doch auch die Handelspartner werden eng mit einbezogen und mit Promotions versorgt. Dafür werden allerdings die Marketingbudgets vertraglich festgelegt, die der Handelspartner aufzuwenden hat.

Trotz allem gibt es jedoch auch kreative Trittbrettfahrer, wie beispielsweise IKEA:

oder die Berliner Stadtreinigung:

Und zu guter Letzt sei – allem Kommerz zum Trotz – noch auf zwei Künstler hingewiesen, die sich mit dem Phänomen „Star Wars“ auseinandersetzen: Daniel Picard

und Thomas Dagg:

Ein Blick auf ihre Seiten lohnt sich!

 

Pretty in hellblau? Gendermarketing und pink stinks

Anläßlich meines radioeins-Interviews bei Zweiaufeins zum Thema „rosa“ (wie üblich hier im talketing-Blog nachhörbar) möchte ich das Gesagte hier noch ein wenig vertiefen:

„Mädchen lieben rosa und Jungs mögen blau – das war schon immer so!“, heißt es ja gerne. Doch so vehement das auch vorgetragen wird, so falsch ist diese Aussage auch, denn es handelt sich bei dieser Farbzuordnung um ein verhaltnismäßig neues Phänomen. Traditionell trugen Jungs das „kleine Rot“, also rosa, da rot lange als „männliche“ Farbe galt: Blut, Kampf, Leidenschaft – eben „typisch“ männliche Eigenschaften. Mädchen hingegen war das „kleine Blau“ vorbehalten, denn blau war wiederum die Farbe der Jungfrau Maria.

Erst ab 1920 änderte sich diese Einteilung, bedingt durch den Rückgang des kirchlichen Einflusses auf der einen Seite und die Dominanz der Farbe blau in der (männlichen) Arbeitswelt (Blaumann, Jeans usw) und bei Uniformen (Marine).

Die geschlechtsspezifischen Farben sind also gar nicht so geschlechtsspezifisch und gar von einem „pink“ und einem „blue brain“ bei Mädchen und Jungens zu sprechen, ist also weit hergeholt.

Wenn da nicht die Marketingabteilungen wären, die selbstverständlich entdeckt haben, dass Frauen anders einkaufen als Männer – und eigentlich auch viel konsumfreudiger sind. Prompt war das Gender Marketing geboren, das  – wenn es um die Konsumentin geht – sich gerne auf „shrink it and pink it“ runterbrechen lässt.  Pink ist neidlich und welche Frau möchte nicht auf ewig kleines Mädchen bleiben? Es lässt sich eben werbetechnisch am einfachsten in Schubladen denken und so produziert die Industrie pinkes Spielzeug für Mädchen und blaues für Jungs – wie jüngst Ferrero, die der Meinung waren, pinkfarbene Ü-Eier für Mädchen auf den Markt zu werfen:

Man war sehr verwundert, als sich ein shitstorm ungeahnten Ausmaßes über Ferrero ergoß, denn schließlich hat man doch „nur“ Gender Marketing angewendet. Eben. Nicht nur, dass kleine Mädchen kaum noch der pinken Welt entkommen können, zudem sollen sie sich auch noch über kleine, sexy magersüchtige Elfen erfreuen….  Auch Lego bekam den Unmut der sensiblisierten Konsumentinnen zu spüren, denn auch hier muss man sich fragen, warum Mädchen  auf Frisier- und Beautysalons reduziert werden:

Lego rechtfertigt jedoch LEGO Friends, einen Bausatz mit lila Klötzchen, die Mädchen zum Bauen animieren sollen. Mädchen hätten nun mal ein „Puppen-Gen“ und würden sich sonst nicht mit solchen Sachen befassen. Wenn man aber ihre Vorliebe für rosa nutze, um sie dann für etwas zu begeistern, was sie sonst ignorieren würden, sei das doch eine gute Sache. (Quelle: SZ)

Der Widerstand wächst jedoch: „Pink stinks“ heißt die Bewegung, die sich seit zwei Jahren gegen Produkte, Werbeinhalte und Marketingstrategien wendet, die Mädchen eine limitierende Geschlechterrolle zuweisen. Diese „Pinkifizierung“ trifft Mädchen und Jungen gleichermaßen, und Pinkstinks möchte diesem Trend entgegenwirken. Wir werben für ein kritisches Medienbewusstsein, Selbstachtung, ein positives Körperbild und alternative weibliche Rollenbilder für Kinder.

Denn die Welt ist nicht nur pink und nicht nur Barbie. Apropos Barbie: Die würde nämlich als Puppe ganz anders aussehen, wenn sich Mattel an den wirklichen Proportionen von Frauen orientieren würde – so wie es der amerikanische Künstler (und Forscher) Nickolay Lamm auf der Grundlage der Maße einer durchschnittlichen 19jährigen Amerikanerin getan hat:

Pink, blond, blöd, Frau.  Das ist dann das Ergebnis, wenn Gender Marketing verinnerlicht wird:

Extragroße, pinke Frauenparkplätze am Frankfurter Flughafen, schön mit Blümchen….

Es ist also nicht immer die Feminismus-Sexismus-Keule, wenn es darum geht, Klischees zu hinterfragen. Manche Unternehmen reagieren auch richtig auf die heutigen Anforderungen: So weiß Bauknecht nicht mehr, was Frauen wünschen, sondern wirbt nun mit dem Claim: „Bauknecht heute leben“. In Schweden ist man sogar noch einen Schritt weitergegangen, denn da hat die Spielzeugkette „Top Toy“ den ersten genderneutralen Spielzeugkatalog verteilt, in dem Mädchen mit Waffen und Autos spielen und Jungs mit Puppenhäusern und Schminksachen:

Ein erster Schritt in die richtige Richtung, denn die Welt ist nicht nur in pink und hellblau unterteilt….

Just another brain brick in my car…

Lego erfreut seit Generationen die Kinderherzen und ist mit seinen Baumeistern stetig mitgewachsen: Wer mit „duplo“ angefangen hat, kann dann je nach Geschlechterpräferenz in pink weitermachen  oder sich doch lieber auf den LKW-Bausatz für große Jungs stürzen.

Erfolgreiche Marken müssen mit der Zeit gehen und so gehören zur erfolgreichen Diversifikation von Lego auch digitale Produkte wie die beliebten „Star Wars“-Games:

 

Doch nun werden die kleinen Klötzchen auch noch intelligent und erkennen, was da aus ihnen gebaut wird. Und nicht nur das – sie senden diese Informationen an meinen PC, mein Smartphone, meine Spielekonsole, so dass ich mit meiner Eigenkreation nun digital spielen kann:

 

Meine Güte, alles wird intelligenter, selbst Lego-Bausteine… ob ich da in meiner Entwicklung überhaupt mithalten kann? Wie lange es wohl noch dauern wird, bis wir einen Chip in uns haben, der auf jedes Gerät unsere Konfiguration überträgt? Und kann ich mich dann auch via Smartphone pimpen? Hach, schöne neue Welt….