Die Sendung mit dem Wurm

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Heute bin ich ja raus aus solchen Themen, aber früher, ja früher, da haben wir auch mal den einen oder anderen Tequila getrunken. Und ich erinnere mich gut daran, dass es ganz besondere Flaschen gab, in denen ein Wurm schwamm – und wer das letzte Glas aus der Flasche erhielt, musste diesen dann auch trinken, als Mutbeweis.

Wie mutig die Herren von „Zweiaufeins“ sind – oder waren – das werde ich diesmal versuchen, in unserem Gespräch über diese hochprozentigen Würmer herauszufinden. Nachzuhören ist das radioeins-Interview hier:

Gleich zu Beginn müssen wir zwei Dinge richtig stellen: Der Wurm ist gar kein Wurm, sondern eine Raupe, und diese Schmetterlingsraupen werden auf spanisch „Gusano“ genannt. Sie schwimmen auch nicht in Tequila, sondern in ausgewählten Mezcals. Mezcal ist ein Oberbegriff für in Mexiko aus Agaven gebrannte Spirituosen, zu denen auch der Tequila gehört. So ist jeder Tequila automatisch ein Mezcal, aber nicht jeder Mezcal ein Tequila.

Wie kam nun der Wurm in die Flasche? Als Marketingmensch sollte man sofort hellhörig werden, wenn sich viele verschiedene Mythen um ein Produkt ranken – so wie hier. Er sei eine dringend benötigte Proteinquelle, soll natürlich die Potenz fördern (reines Wunschdenken), er mache besonders betrunken (wie Früchte in einer Bowle), er löse Halluzinationen aus, ein „intakter“ Wurm bestätige die Qualität des Destillats, denn ein zu hoher Methanolgehalt würde diesen auflösen, die aus Agaven, die von dieser Raupe befallen sind, hergestellten Destillate sollen einen besseren Geschmack haben – um nur einige zu nennen.

Wer schon einmal Tequila getrunken hat, weiß um das Ritual dieses Getränkes: Je nach Farbe befeuchtet man den Handrücken, streut Salz bzw. Zimt auf die Stelle, leckt dies ab, kippt den Tequila nach und beißt dann herzhaft in ein Stück Zitrone oder Orange.

In manchen Gegenden in Mexiko wird nun zum Mezcal-Trinken „Sal de Gusano“ gereicht, eine kleine Schale mit Gewürzen, die aussehen wie Paprikapulver. Dieses Pulver besteht aus einer Mischung von Chili, Salz und gemahlenen Raupen.

Das alleine brachte aber die Raupe noch nicht in die Flasche: Während des 2. Weltkrieges wurde aufgrund von Schnapsmangel viel Tequila in die USA exportiert und erfreut sich seit dieser Zeit großer Beliebtheit. Nur: Die Produzenten rund um das kleine Örtchen Tequila konnten keine ausreichenden Mengen davon produzieren.

Schon damals gab es in Mexiko sehr viele Mezcal-Destillerien, deren Produkte dann ebenfalls in die USA exportiert wurden. Die Strukturen waren jedoch nicht sehr professionell und teils sehr lokal. Auch die Qualitäten der Mezcal-Lieferungen fielen oftmals sehr unterschiedlich aus. Es gab noch keine ausgereiften Marken mit bunten Labels oder Geschichten, die man gut vermarkten konnte.

Zu guter Letzt war Mexiko damals – und ist es heute noch – ein beliebtes Reiseziel der Amerikaner, zunächst harter Abenteurer, heute eher trinkfester Partytouristen.

Nun kommt der Mezcal-Produzent Jacobo Lozano Páez ins Spiel, der in den 50ern tatsächlich die Raupe in die Flasche brachte: Zum einen war das ein gut sichtbares Unterscheidungs-merkmal, ein USP, mit dem sich sein Mezcal deutlich von dem anderer Produzenten abhob. Zum anderen war es eine aufregende Geschichte, er prägte nämlich die Legende von dem besseren Geschmack. Drittens war es perfekt als Männlichkeitsritual feierwütiger Burschen und zu guter Letzt war es das perfekte Souvenir aus dem Mexiko-Urlaub.

Die Raupe im Mezcal kurbelte jedenfalls mächtig die Verkäufe an. Eine Zeitlang wurde sogar Mezcal mit einem Wurm pro Glas ausgeschenkt, weil die Nachfrage danach so hoch war!

1995 versuchte eine Bewegung zum Schutze der mittlerweile aussterbenden Raupe, den Wurm im Mezcal verbieten zu lassen. Viele Produzenten fürchteten um ihr Geschäft, denn die Käufer könnten einen Mezcal ohne Wurm als unauthentisch empfinden. Der Kampf um den Mezcal mit Raupe breitete sich bis zur mexikanischen Regierung aus und als das mexikanische Gesundheitsministerium dann Anfang der 2000er die Raupe als essbar und ungefährlich einstufte, verebbte der Protest.

Alles also nur Marketing – und das ist nicht gerade ein seltenes Phänomen. So kennen wir alle die berühmte „Piemont“-Kirsche in den kleinen Mon Cheris. Tatsächlich ist der Anbau von Kirschen im Piemont eher selten, Haselnüsse findet man dort eher. Die Kirschen kommen aus Chile, Polen oder Baden-Württemberg, je nachdem, welche gerade den niedrigsten Preis haben. Manchem mag diese zerplatzte Illusion nun das Herz brechen – ich sag nur: Claudia Bertani!

Ferrero ist besonders gut im Erfinden wohlklingender Zutaten aus Marketinggründen: Auch die viel beworbenen „byzantinischen Königsnüsse“, die angeblich in Rocher verarbeitet wurden, hat es nie gegeben.

Beim bärigen Puschkin Black Sun, eigentlich einer Art Fruchtlikör, war es die „sibirische Steppenwurzel“, die dem süßen Getränk die gewünscht männliche Note im Marketing gab. Immerhin gibt es diese Wurzel wirklich.

Und würden sich Fischstäbchen wohl gut verkaufen, wenn man sie mit „aus pazifischem Pollack hergestellt“ anpreisen würde? Da klingt doch „Alaska Seelachs“ gleich viel besser…! Natürlich hat der Pollack auch nichts mit Lachs zu tun, sondern gehört zur Familie der Dorsche.

Die Raupe ist also die Kirsche ist die Königsnuss ist der Pollack – alles reines Marketing!

Der Tag geht, die Werbehelden kommen!

Früher war irgendwie alles mehr…. Lametta, Winter, Werbehelden. Wer hat uns nicht alles durch unsere Kindheit und Jugend begleitet: das HB-Männchen, das Duracell-Häschen, Frau Sommer von Jacobs-Krönung und Herr Kaiser von der Hamburg-Mannheimer, ganz zu schweigen von Onkel Dittmeyer.

Bei radioeins lautete das Thema nun „Meister“ und natürlich kamen die Herren von 2auf1 da auf Meister Proper und andere Werbehelden zu sprechen. Leider konnte ich nicht persönlich im Studio sein, zumal dies mein 50. Radio-Interview mit ihnen war. Aber im November nähert sich das fünfjährige Jubiläum, das wird dann gefeiert. Nachhören kann man das Gespräch wie immer hier:

Schon früh wurde mit Gestalten aus Märchen, Erzählungen und Legenden geworben, doch dass eine Werbefigur extra erfunden wurde, das geschah wohl erstmals 1820. Beim schottischen Wein-, Spirituosen- und Stoffhändler John Walker & Sons entwickelte sich der Special Blend Whiskey zum Verkaufsschlager und so wurde ein Grafiker beauftragt, eine passende Figur dazu zu entwickeln. Inspiriert von einem Kneipenschlager entstand so der berühmte Johnnie Walker:

Im Deutschen wurde aus dem Claim „Still going strong“ dann „Der Tag geht, Johnnie Walker kommt.“ Heute heißt es jedoch: „Keep Walking“ und vor einigen Jahren wurde einer meiner absoluten Spot-Favoriten präsentiert:

Schnittlos gedreht mit einer einzigen Einstellung… Doch auch in Sachen Storytelling beweist Johnnie Walker ein gutes Händchen – und daher möchte ich dieses kleinen Spot den geneigten Blog-Lesern nicht vorenthalten:

Eine der frühesten Werbefigur in Deutschland entstand 1892: Der „Bärenmarke“-Bär.

Zwei Fragen: Wieso der Bär in Verbindung mit Milch? Und was macht der Bär auf der Verpackung eigentlich?

1892 wurde die Berner-Alpen Milchgesellschaft gegründet und im Stadtwappen von Bern ist ein Bär zu sehen. So kam der Bär also zur Milch; 1905 eröffneten die Schweizer ein Milchwerk im Allgäu und seit 1912 gab es dann erstmal die Bärenmarke Kondensmilch, die zunächst in Apotheken verkauft wurde. Denn aufgrund des hohen Fettgehaltes von 10% galt sie als Stärkungsmittel und nicht als Kaffeeweißer.

Fragt man nun, was abgebildet ist auf der Verpackung, dann antworten viele: „Ein Bärchen, das Milch aus einem Eimer in eine Kanne schüttet“. So sehr kann Werbung unsere Erinnerung prägen…. denn zu sehen ist bis heute ein Bär, der sein Junges mit Milch füttert – wie schon vor 120 Jahren:

Die meisten von uns kennen jedoch eher das hier:

Die Liste der Werbefiguren lässt sich unbegrenzt fortsetzen: Vom Michelin-Männchen „Bibendum“ (1893) über den Erdal-Frosch (1903), das Camel-Dromedar (1913), den Sarotti-Mohr (1918) bis hin zu Lurchi, den Freimaurer-Salamander (1936) und heutigen Werbefiguren wie Dr. Best, der übrigens ein echter Professor für Zahnmedizin an der University von Chicago war. 1987 wurde Dr. James Best dort entdeckt und begann eine beachtliche Werbekarriere:

Kommen wir abschließend zu Meister Proper: Geschaffen 1958 als Mr.Clean bewarb er das gleichnamige Waschmittel von Procter & Gamble seit 1967 auch in Deutschland mit großem Erfolg. Schon 4 Jahre später wies er alle anderen Haushaltsreiniger in die Schranken und war lange Zeit Marktführer:

In den 90ern erlebte er eine Art ganz besonderer Renaissance – er wurde zur Kultfigur, der nicht nur mit den Fanta4 auf der Bühne stand, sondern der zudem 3 Technosongs unter „Meistermusik“ veröffentlichte und bei RTL Wigald Boning Rede und Antwort stand. Eine ganze Textilkollektion mit Meister-Proper-Motiven wurde auf den Markt geworfen; 10.000 Teile wurden verkauft, darunter allein 6.000 Paar Socken. Aber auch Duschvorhänge, Snowboards und vieles mehr.

Heute hingegen haben wir kaum noch richtige Werbefiguren und -helden. Vielleicht noch der Tech-Nick und der kleine Hunger, aber im Allgemeinen setzt die werbetreibende Branche lieber auf prominente Testimonials, die schnell funktionieren. Denn anders als früher, wo es nur zwei werbende TV-Kanäle gab und damit auch unsere Aufmerksamkeit viel leichter und ungeteilter zu erreichen war, müssen heute so viele Medienkanäle bespielt werden, dass der zeitintensive Aufbau eines Werbehelden kaum noch umsetzbar ist.

Unsere alten Helden jedoch bleiben unvergessen… wie Claudia Bertani!