Pappplakate klebt der Kaplan

Es war ein merkwürdiges Bild in diesem Frühjahr: Die Litfaßsäulen in Berlin trugen keine Werbung mehr, sondern war vollständig einfarbig eingehüllt. Eine Kunstaktion? Mitnichten, sondern nur die Vorbereitung der Demontage. Läutet dies nun das Ende der Plakat-Werbung ein? Verschwinden Papierplakate gänzlich? Diese Frage stellten mir die Herren von „Zweiaufeins“ diesmal am Telefon, da ich es aus Zeitgründen nicht ins radioeins-Studio schaffte:

2.500 Litfaßsäulen müssen von der Wall AG bis Ende Juni abgebaut und entsorgt werden, knapp 50 bleiben stehen – aus Denkmalschutzgründen. Der Anlass für die Entfernung: Der Senat hat die Aussenwerbung neu ausgeschrieben und den Zuschlag bekam die Stuttgarter Ilg, die nun wiederum knapp 1.500 neue, moderne Säulen aufstellen wird, etwas dicker und teilweise mit Beleuchtung, so dass man die Werbung auch nachts betrachten kann. Alle Standorte wollte die Ilg nicht haben, denn in Aussenbezirken beispielsweise werden keine ausreichenden Kontaktzahlen erzielt, zu wenige Menschen laufen, radeln oder fahren dort an den Plakaten vorbei. Belebte Innenstadt-Regionen sind daher deutlich beliebter, schon jetzt standen gut 1.000 Säulen allein in Charlottenburg, Mitte, Friederichshain und Kreuzberg.

Für das Land Berlin ist das jedoch immer noch ein gutes Geschäft: 350 Millionen Euro soll es in den kommenden 15 Jahren für seine Flächen kassieren.

„Erfunden“ hat die Litfaßsäule der Berliner Druckereibesitzer Ernst Litfaß, der 1854 die erste staatliche Genehmigung für die Aufstellung seiner Säulen bekam. Auflage: In 30 der Säulen sollten öffentliche Pissors eingebaut werden – jedoch wurde dies nie umgesetzt.

Das Sterben der Säulen ist ein schleichender Prozess, der schon in den 70er Jahren einsetzte, damals hatte allein Westberlin weit über 2.000 Säulen im Stadtgebiet. Sie dienten vornehmlich der Information: Ob das Programm der Berliner Kinos, der Urania und der Bühnen, als das fand man plakatiert auf der Säule „next door“. Doch unsere Mediengewohnheiten haben sich verändert: Kino- und Bühnenprogramm fand man nun ebenso wie Werbung für Konzerte in der „zitty“ oder im „tip“, so dass damals schon die ersten unrentablen Säulen verschwanden – und die anderen immer häufiger großflächig für Werbung eingesetzt wurden.

Doch die Aussenwerbung (abgekürzt o-o-h, nicht wegen der schönen Motive, sondern für „out-of-home“) wird zunehmend digitaler. Bunt, leuchtend, beweglich, flexibel und kurzfristig einsetzbar und zumindest dahingehend günstiger, dass keine Papierplakate mehr gedruckt werden müssen, sondern das Hochladen einer Datei auf den Server des Anbieters ausreicht. Doch Kritiker bemängeln, dass damit die Lichtverschmutzung zunähme und die Verkehrsteilnehmer abgelenkt werden. Ganz abgesehen davon, dass wir in den Städten in einem Meer von Werbebotschaften ertrinken und den Blick für die eigentliche Schönheit verlieren. Städte wie Sao Paulo und Grenoble haben es bereits vorgemacht, wie man Aussenwerbung abschafft (wie im Blog-Beitrag „Der Werbehobel von Grenoble“ bereits berichtet)

So fordert die Initative „Berlin werbefrei“ eine deutliche Einschränkung der Aussenwerbung, auch im wirtschaftlichen Hinblick. Kleine Geschäfte und Betriebe können sich die großen o-o-h-Kampagnen finanziell oftmals nicht leisten, gleichzeitig versperren Plakatflächen den Blick auf ihre Geschäfte. Mit der Einschränkung der Werbeflächen sollen lokale Anbieter und Geschäfte wieder sichtbarer und gestärkt werden. Über 40.000 Unterschriften hat die Initiative in Berlin gesammelt und somit den ersten Schritt in Richtung Volksbegehren genommen. Und wer weiß, wenn in 15 Jahren der jetzige Vertrag ausläuft, vielleicht wird es dann keine neuen Säulen mehr geben…