Universal Tellerwäscher

Vom Tellerwäscher zum Millionär – wer träumt nicht davon? Zumindest Herr Finger und Herr Oswald von „Zwei auf Eins“ versuchen  noch, mit ehrlicher Moderationsarbeit reich zu werden, und luden mich zur Unterstützung ins radioeins-Studio, um mit Ihnen über den Mythos des Tellerwäschers zu reden:

Woher kommt dieser Grundglaube des „American Dream“, dass jeder es schaffen kann, wenn er sich nur genug anstrengt? Als Einwanderungsland zogen die Vereinigten Staaten all jene an, die einen neuen Start wagen wollten. Die Immigranten kamen oftmals mittellos mit kaum mehr als ein paar armseligen Besitztümer an und arbeiteten hart für den Neuanfang. Einige schafften es, sich erfolgreich zu etablieren, andere scheiterten hingegen und einige wenige wurden durch Fleiß, Leistung und natürlich durch Glück sehr vermögend. Der Glaube an die Möglichkeit des sozialen Aufstieges in eine höhere Klasse macht daher einen entscheidenden Teil des amerikanischen Nationalsbewußtseins aus, inklusive mythischer Verklärung:

 

Fast 80% der US-Amerikaner glauben nach der Hertz-Studie fest an diesen Grundsatz, obwohl nur 1% es tatsächlich aus armen Verhältnissen in die obersten 5% der vermögenden US-Bevölkerung schaffen. Der Haken an der Sache ist eben, dass Fleiß, Leistung und Anstrengung alleine nicht ausreichend sind – sonst wären mit Sicherheit schon die meisten von uns mehrfache Millionäre. Neben Bildung ist Glück nach wie vor der entscheidende Faktor: Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Natürlich unterschlagen die vielen Erfolgsratgeber diesen Umstand gerne, wirkt er doch wie ein Verkaufsgift.

Wenn wir uns nicht vor Augen halten, dass Glück der Erfolgsfaktor ist, dann finden wir uns schnell in einer Falle wieder, denn dann bedeutet ja der Umkehrschluss, dass wir uns eben noch nicht genug angestrengt haben und noch nicht genug Leistung erbracht haben – da wir noch erfolglos sind. Das ist natürlich Humbug, treibt aber viele Menschen in die (Selbst)Optimierungsfalle: Immer noch mehr geben, noch mehr leisten, damit sich endlich der Erfolg einstellt.

Man geht hier dem sogenannten „Survivorship Bias“ auf den Leim: Die wenigen erfolgreichen Menschen bekommen mehr Aufmerksamkeit als die vielen Gescheiterten. Im zweiten Weltkrieg untersuchten britische Flugzeugingenieure die Einschusslöcher der Flugzeuge, die nach einem Kampfeinsatz zurückkehrten. Es wurde festgestellt, dass die Einschusslöcher dabei nicht gleichmäßig verteilt waren. Manche Stellen wurden deutlich häufiger getroffen als andere. Man kam nun auf die Idee, diese häufig getroffenen Stellen besonders zu verstärken. Der Mathematiker Abraham Wald riet davon ab, denn die Flugzeuge waren ja trotz der Einschüsse sicher zurückgekommen und gelandet.Die Flugzeuge, die jedoch abgeschossen wurden, wurden wahrscheinlich genau an den Stellen getroffen, an denen man bei den zurückgekehrten Flugzeugen keine Löcher fand. Wald empfahl daher, die Flugzeuge an den Stellen zu verstärken, an denen keine Einschüsse gefunden wurden – und hatte damit Recht.

Bildquelle: McGeddon

Wir ziehen also die falschen Schlüsse, wenn wir uns nur auf Selfmade-Menschen konzentrieren und deren angeblichen Erfolgsrezepte. Lieber sollten wir die Gescheiterten im Blick behalten und von deren Fehlern lernen.

Ob Jamie Oliver, der als Küchenhilfe anfing, oder Jürgen Gosch, der als Kind mit Krabbenpulen sein erstes Geld verdiente und dann als Aalverkäufer am Sylter Strand seine Karriere startete, ob Starbucks-Gründer Howard Schultz, der sich sein Studium durch Blutspenden finanzierte, oder Guy Laliberté, der vom kleinen Straßenkünstler zum großen „Cirque du Soleil“-Macher wurde, sie haben es alle nicht geschafft, weil sie härter arbeiteten als die anderen, sondern weil im richtigen Moment sich für sie die richtigen Türen geöffnet haben und sie ihre Chancen ergriffen.

 

 

Ein Gedanke zu „Universal Tellerwäscher

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