Von wegen: Red Bull verleiht gar keine Flügel!

Wir haben es doch alle schon geahnt: Red Bull verleiht gar nix – und schon gar nicht Flügel. Alles Lüge! Und lügen darf man nicht, das haben uns unsere Eltern beigebracht. Das muss sich auch ein US-Amerikaner gedacht haben, der Red Bull kurzerhand verklagte. Anlass genug, mich in das radioeins-Studio einzuladen, um über diesen Fall und andere Werbelügen zu sprechen. Das Zweiaufeins-Interview lässt sich wie immer hier nachzuhören:

Um eine langwierige und teure Massenklage zu vermeiden, hat sich Red Bull 2014 mit dem Kläger auf einen Vergleich in Höhe von 13 Millionen US-Dollar geeinigt. Diese wurden nun nicht an eine Person ausgezahlt, sondern jeder Konsument, der zwischen 2002 und 2014 eine Dose Red Bull gekauft hatte, konnte eine Entschädigung in Höhe von 10 Dollar in bar beantragen – oder alternativ Red Bull-Produkte im Wert von 15 Dollar erhalten.

Red Bull ist dabei nicht das erste Unternehmen, das es in Sachen „Werbelüge“ getroffen hat: 2012 musste Ferrero 4 Dollar pro Glas zurückerstatten (gesamt 3 Millionen Dollar), nachdem eine Mutter entsetzt festgestellt hatte, dass Nutella nicht wirklich so gesund ist, wie die Werbung behauptet, sondern eigentlich die gleichen Zutaten enthält wie ein Schokoriegel .

Wer davon angespornt jetzt auf die Suche nach vollmundigen Werbeversprechungen geht („Doping für die Haare“, „weißer als weiß gewaschen“), den muss ich leider enttäuschen: Die „erkennbare reklamehafte Übertreibung“ ist laut deutschem Wettbewerbsrecht zulässig und dem hiesigen Konsumenten kann durchaus zugetraut werden, Metaphern, Analogien und andere Stilmittel als leicht aussageverzerrend hinzunehmen. Zudem kennt das deutsche Recht keine Sammelklagen, die in den USA schnell zu diesen hohen Schadenssummen führen; es gibt bei uns keine Gruppen-, sondern nur die individuelle Betroffenheit, d.h. jeder Kläger muss seinen individuellen Schaden und die Kausalität darstellen können.

Ausgenommen sind davon jedoch alle Wirkungsversprechen, insbesondere bei Lebensmitteln. Seit 2005 überprüft die europäische Lebensmittelagentur EFSA im italienischen Parma nicht nur die Lebensmittelsicherheit, sondern auch die Werbeaussagen. Sollten diese („stärkt die Abwehrkräfte“) nicht nachweisbar sein, wird die Verwendung untersagt.

In den USA ist das also anders und so gibt es keine Klageidee, die ungewöhnlich genug wäre, um nicht den entsprechenden Anwalt zu finden, der sie vor Gericht bringt. Einige Jahre lang wurde der „True Stella Award“ für die dreistesten Versuche, Schadensersatz und Schmerzensgeld zu erstreiten, vergeben, benannt nach Stella Liebeck, die 1992 McDonalds verklagte, weil diese den Kaffee deutlich heißer brühten als die Wettbewerber und auf den Bechern davor nicht warnten. Neben dem Schmerzensgeld für Liebeck setzte die Jury 2,7 Millionen US-Dollar Strafzahlung fest, orientiert an der Summe, die McDonalds an zwei Tagen nur mit dem Verkauf von Kaffee einnimmt.

Für Red Bull waren die 13 Millionen eher eine Zahlung aus der Portokasse, denn abgesehen von der weltweiten Bericherstattung, die aufgrund der Aufmerksamkeit durchaus einen Werbewert hat, gibt das Brauseunternehmen ohnehin gut ein Drittel seines Umsatzes für Werbung aus, geschätzt sind das 1,4 Milliarden Euro im Jahr. Da muss man das mit dem Flügelverleih nicht so genau nehmen…

Also: Red Bull verleiht keine Flügel.Oder vielleicht doch?

Immer noch: Saufen für den Regenwald, den Artenschutz, den Weltfrieden

Na, wer kann sich daran noch erinnern?

Saufen für den Regenwald! Mit jedem Kasten Bier, den man kaufte, rettete man 2002 einen Quadratmeter bedrohter Natur. Toll! Und Anlaß genug für die Herren von „Zweiaufeins„, mich zum Thema „Kasten“ in das radioeins-Studio einzuladen, um über Sinn und Unsinn solcher Aktionen zu sprechen.

Zunächst einmal: Die Aktion war für Krombacher ein voller Erfolg:

„Wir sind gegen den Trend im Markt gewachsen“, sagt Weihrauch. „Und unsere Werte bei Authentizität, Sympathie und Glaubwürdigkeit sind deutlich gestiegen.“

zitert die „taz“ den Krombacher-Pressesprecher Franz-Josef Weihrauch. Und so setzt die Biermarke diese Aktion seit nun mehr 14 Jahren fort. Mittlerweile geht es nicht mehr um den weit entfernten Regenwald, sondern um den Artenschutz quasi vor unserer Haustür:

Krombacher hat tatsächlich Geld in Regenwaldprojekte gesteckt, was grundsätzlich löblich ist. Und doch sahen sie sich schnell einer wachsenden Zahl von Anfragen ausgesetzt, die genau wissen wollten, wie Krombacher den Umweltschutz über die Werbeaktion hinaus lebt. Wie sozial sie sich als Arbeitgeber verhalten, wo ihre Zutaten herkommen usw. usf. Und – ebenso löblich – es setzte ein Umdenken im Unternehmen ein, das 2011 in dem ersten Nachhaltigkeitsbericht gipfelte. Viele positive Effekte – ist das also eine gelungene „grüne“ Aktion?

Mitnichten, denn es handelt sich hier immer noch um eine Werbeaktion, bei der unter dem Vorwand, das grüne Gewissen zu beruhigen, vor allen Dingen eines erzielt werden soll: mehr Absatz. Und dieser Mißbrauch grüner Themen ist stets eine Form von Green Washing. Es steht jedem Unternehmen, jeder Unternehmerin und jedem Unternehmer frei, sich sozial, fair und grün zu engagieren und Teile der erwirtschafteten Gewinne über soziale und ökologische Projekte wieder an die Gesellschaft zurückzugeben – und natürlich kann dies auch gerne im Rahmen der Website und anderer PR-Aktivitäten kommuniziert werden (Tue Gutes und sprich darüber!), aber wenn dieses Engagement in den Vordergrund geschoben wird, um damit Dinge zu verkaufen und Wachstum zu generieren, dann handelt es sich hier nicht mehr um ein öko-soziales Engagement, sondern eben um ödeschnödeblöde Werbung.

Und das Schlimme ist, dass man sich als Unternehmen damit tatsächlich auch seinen guten Ruf ruinieren kann: Beispiel Porta. Auch dieses Möbelhaus engagiert sich vorbildlich und unterstützt viele Projekte, wie man online nachlesen kann, aber auch hier wird dann u.a. eine große Funkspot-Werbekampagne gefahren, um die Kunden zum Möbelkauf am 7. Mai zu bewegen, denn:

 

Wirtschaftliche Unternehmen sind keine moralischen Instanzen und dürfen sich auch nicht dazu aufspielen. Sie können mich informieren, sie können mir ihre Partner vorstellen, mich dazu animieren, diese zu unterstützen. Aber wenn sie ihre Wohltaten von meinem Kaufverhalten abhängig machen (und das auch noch ziemlich unverhohlen im Rahmen von Werbeaktionen), dann verspielen sie ihre Glaubwürdigkeit.

Auch H&M ist großartig darin, Green Washing zu betreiben, wie ich jüngst in einem Beitrag für meinen „Schwester-Blog“ greenmarketing aufgezeigt habe. Der Textilhändler lenkt mit einer großen, grünen Recycling-Kampagne vom eigentlichen Thema, den Produktionsbedingungen, ab.

Es handelt sich auch hier ziemlich unverhohlen um Abverkaufswerbung, der Kunde kommt beim Zurückbringen der Klamotten wieder in die Filiale zurück und kann mit den erhaltenen Gutschein gleich wieder neue Bekleidung kaufen. Das diese aber unter billigsten Bedingungen produziert wird, darüber schweigt sich H&M aus und seine Bemühungen, diese zu verbessern, sind eher marginal. Wie auch, plant doch das Unternehmen weiterhin jährlich 400 Filialen zu eröffnen, die alle mit billiger „fast fashion“ bestückt werden wollen.

Wenn Unternehmen damit weitermachen, uns unter grünen Aspekten ihre Produkte verkaufen zu wollen, dann wird Nachhaltigkeit nur noch zu einem beliebigen Zusatznutzen, dann hat es unser Wirtschaftssystem wieder einmal geschafft, sich einen Gegenansatz einzuverleiben und daraus Profit zu schlagen. Das dürfen wir als Konsumenten nicht zu lassen.