Let’s get physical!

„Der Weltraum, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2200. Dies sind die Abenteuer….“, ach nein, es ging ja diesen Sonntag bei „Zwei auf eins“ um das Thema „Raum“, nicht „Weltraum“. Ich war in#s „radioeins„-Studio geladen, um ein wenig den Marketingaspekt von Räumen, insbesondere vom POS (point of sale) zu beleuchten, also dem Ort, an dem Dienstleistungen erbracht werden.

„Physical evidence“, der Sachbeweis, ist der englische Ausdruck für das, was in der deutschen Theorie „Ausstattungspolitik“ genannt wird, oder kurz gesagt: eine C&A-Filiale sieht anders aus als ein Prada-Shop.

Wer sich heute zum einen von den Wettbewerbern abgrenzen und zum anderen den Kunden zum Verweilen bringen möchte, der sollte heutzutage ein großes Augenmerk auf die Gestaltung jener Räume legen, in denen der Kontakt zum Endkunden stattfindet. Kein anderer Laden darf beispielsweise so aussehen wie ein Apple-Store:

Das besondere Design der Apple-Stores hat Erfolg: In den USA macht kein Unternehmen mehr Umsatz pro Quadratmeter Ladenfläche als Apple, Juweliere inklusive. Naheliegend, dass sich Apple die Gestaltung seiner Shops markenrechtlich schützen ließ. Kein anderer Shop darf nun so aussehen wie Apple.

Auch Banken sehen heute ganz anders aus als früher: Statt Tristesse grau in grau samt vor sich hinsterbenden Hydrokultur-Pflanzen und Kassierer hinter Glas sind moderne Banken nun hell, farbig und freundlich:

Denn der Kunde soll nun nicht mehr wie früher seinem Fluchtinstinkt Folge leisten, sondern verweilen, entspannen, sich wohlfühlen – ist er dann doch wesentlich offener für Beratung sowie die Angebote von Versicherungen, Fonds und anderen lieblichen Produkten.

Ja, auch dieses Bild zeigt eine Bankfiliale (der Deutschen Bank in der Berliner Friedrichstraße) – es handelt sich hierbei jedoch noch nur um eine Test-Filiale des Konzerns. Umgesetzt wird hier, was eine Studie der Unternehmensberatung Roland Berger und der Kreditkarten-Firma Visa Europe ergeben hatte: Demnach wünschen sich 56 Prozent der Befragten die Bankfiliale der Zukunft wie einen Laden des US-Technologieunternehmens Apple, eben hell, luftig und modern. 46 Prozent nannten die US-Kaffeehauskette Starbucks als Vorbild.

Wiedererkennung (auch global), Image, Sympathie, Markenbild, Corporate Design, Verweildauer, das alles sind natürlich klassische Marketing-Werte, so dass es kein Wunder ist, dass sich die Marketing-Abteilungen immer mehr und stärker in die innenarchitektonische Gestaltung einmischen – bis hin zu den Licht-, Musik- und Geruchskonzepten.

Gewiss nicht meine Lieblingsmarke, aber die Abercrombie & Fitch – Stores ( und gleiches gilt für die Schwestermarke Hollister), kann man schon Meilen gegen Wind riechen. Der Beat peitscht ohrenbetäubend, das gesamte Ambiente ist im Halbdunklen gehalten – perfekte Inszenierung für alle, die nach 1995 auf die Welt gekommen sind, abschreckend genug für alle zuvor Geborenen.

Was uns bei Shops, Hotels und Restaurants noch halbwegs nachvollziehbar erscheint, gilt jedoch zunehmend auch für andere Dienstleister; seit Ärzte beispielsweise nicht mehr besucht werden, um gesund zu werden, sondern um gesund zu bleiben (von Kranken kann ja kein Arzt mehr überleben, die kostenpflichtigen Vorsorgeuntersuchungen bringen heute das Geld), müssen sie konsequenterweise sich auch dem Look der Wellness-Tempel öffnen: helle, freundliche Farben, Räucherstäbchen, in der einen Ecke ein Zier-Buddha und in der anderen plätschert ein Zimmerspringbrunnen.

Nein, das hier ist weder ein Club noch eine Bar, sondern es handelt sich um die Räumlichkeiten der Zahnarztpraxis KU64, entwickeltt von den CRAFT-Designern. Und damit sind wir dann doch wieder bei „Weltraum“, „Space“ und „Enterprise“ angekommen…

Marken wollen erfahren, erlebt werden – und gerade für den Handel kann hier eine rettende Lösung liegen, um sich von Online-Anbietern abzusetzen. Laden-Design als Wettbewerbsvorteil: Let’s get physical!

 

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