Volksmakketing für alle!

Wir sind ein schwitzendes Volk, zumindest im Moment. Doch uns eint noch mehr, z.B. seit 2002 die vielen Volksprodukte, die mithilfe der BILD-Zeitung unter das selbige gebracht werden. Was es damit auf sich hat, durfte ich heute bei den coolen Mderatoren von „Zweiaufeins“ im wohlklimatisierten radioeins-Studio zu erzählen:

Bei Volksprodukten werden die meisten zunächst an Volksempfänger und die Nazis denken.

Mit diesen und weiteren Produkten, wie z.B. dem Volkskühlschrank, sollte die soziale Nähe der Partei betont werden, wenn gleich auch die meisten Produkte ökonomisch nicht funktionierten: Die Ressourcen und Fertigungskapazitäten waren nicht vorhanden bzw. wurden dann von der Rüstungsindustrie beansprucht, so dass selbst die Volksgasmaske dann kein Massenprodukt wurde, wie der Name es vielleicht vermuten lassen konnte. Einzig der Volksempfänger hatte wirklich Erfolg, allerdings nutzen viele Haushalte lieber andere Radiomodelle, da die Senderauswahl des Volksempfänger voreingestellt (und ein wenig einseitig) war. „Der Volksempfänger spielt „Deutschland über alles“, mit den anderen Radios hört man alles über Deutschland.“, wurde damals gespottet.

Die Volksprodukte sind dabei keine Erfindung der Nazis, sondern bereits in der Weimarer Republik wurden so Waren beworben, mit denen die vorherrschenden sozialen Unterschiede quasi wegkonsumiert werden sollten – und die breite Arbeiterklasse zum Bürgertum aufschließen konnte, so wie diese zuvor versuchten, zum Adel aufzuschließen.

Hier setzt nun auch die BILD-Zeitung (die sich ja seither für den „kleinen Mann“ stark macht) mit ihren Volksprodukten an, denn seit 2002 sollen mehr oder minder begehrenswerte Produkte wie z.B. ein E-Bike günstig der breiten Masse zugänglich gemacht werden.

Begonnen hatte es damals mit dem Volks-PC in Zusammenarbeit mit T-Online – ein Riesenerfolg, denn die 120.000 Geräte waren binnen Stunden ausverkauft.Seitdem gab es das Volks-Tshirt, die -Zahnbürste, den -Milchreis, oder auch das Volks-Vitamin, insgesamt weit über 150 Produkte. In den ersten 7 Jahren wurden mehr als 12 Millionen Produkte verkauft und ein Umsatz von über einer Milliarde Euro erzielt.

BILD bietet seinen Kooperationspartnern die geballte Werbekraft, denn „Volks-“ ist mittlerweile eine gut eingeführte Marke einerseits und andererseits bietet allein die BILD-Zeitung mit einer verkauften Auflage von 2,2 Mio. Zeitungen Kontakte ohne Ende.

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Anzeigen, Beileger, Banner bei BILD.de usw. erreichen eine Vielzahl von Menschen und verkaufen so gut wie jedes Produkt von selbst. Oder, wie die BILD es selbst vermarktet: Abverkauf ist buchbar!

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In Zeiten, in denen die klassischen Werbeeinnahmen nachlassen, ist dies ein durchaus akzeptables Modell für alle Beteiligten, wenn da nicht die kritischen Stimmen wären, die darauf hinweisen, dass die angebotenen Produkten zum vermeintlichen kleinen Preis oftmals auch nur abgespeckte Varianten der eigentlichen Ware seien, was jedoch aus den Werbetexten nicht immer deutich hervorgeht. Seit 2014, so berichtet die „W&V„, hat Springer jedoch die Kriterien verschärft:

Das Vorhaben muss zur Marke „Bild.de Volks-Produkt“ passen. Das Angebot muss in ganz Deutschland erhältlich und massenkompatibel sein. Ein besonderer Mehrwert muss gegeben sein – eine „Volks-Aktion“ sollte mehr für den denselben Preis eines vergleichbaren Produktes bieten.

Ärger gab es mit Volkswagen, die sich gegen die Verwendung von Begriffen wie „Volks-Inspektion“, „Volks-Reifen“ und auch „Volks-Werkstatt“ in Zusammenahng mit einer Werbeaktion für ATU wehrten. Der Bundesgerichtshof befand, dass bei dem weiten Schutzbereich bekannter Marken bereits eine Verletzung vorliegt, wenn das Publikum durch den Anklang an den Markennamen von einer wirtschaftlichen und organisatorischen Verbindung zum Unternehmen ausgehen könnte (Az.: I ZR 214/11).

Und zu guter Letzt gab es natürlich bereits die BILD-Volksbibel, auch wenn sie leider niicht so konsequent gestaltet war wie in diesem Clip