Copycats – wenn Imitation böse ist

Wir leben in komischen Zeiten: Zum einen wird das Urheberrecht immer und immer wieder als veraltet und den neuen Medien nicht gerecht werdend in Frage gestellt – zum anderen werden Imitatoren von Geschäftsideen, sogenannte „Copycats“, als Übel dargestellt (besonders, wenn sie Samwer heissen).

Meike Laaff hat in der „taz“ die Diskussionen auf den neuesten Stand gebracht: Copycats von Internetfirmen sind kein Einzelfall. Besonders Deutschland, so höhnen Start-up-Spezialisten von San Francisco bis New York, klont man besonders gern US-Erfolgsrezepte. Machte aus Facebook StudiVZ und eben aus Airbnb jetzt Wimdu.

Nun sind Copycats nicht wirklich etwas neues: Die Imitation von erfolgreichen Geschäftsmodellen, auch in der Anpassung an nationale Märkte, sind in den alten, nicht-globalen Märkten Normalzustand gewesen. Die Globalisierung und Gleichzeitigkeit unseres Marktgeschehens hat lediglich den Druck erhöht, nicht mehr nur regional oder national, sondern gleich global zu denken.

Innovation Summit 2011 – CopyCats from speakout on Vimeo.

Geht es hier also darum, Wettbewerber auf Distanz zu halten? Apple hat 2011 gleich ganz als „Year of the Copycats“ ausgerufen:

Oder sind Copycats nur dann böse, wenn sie so aggressiv vorgehen wie die Samwer-Brüder (Alando, Jamba und Co). Laaff dazu: Ein Geschäftsmodell, zu dem Oliver Samwer steht. So riet er jungen Gründern in einem seiner seltenen Interviews 2009: „Sich viel anschauen, was sicherlich in anderen Märkten der Welt funktioniert. Sich selbst überlegen, was könnte hier funktionieren. Auch nicht Angst haben, wenn es mal Modelle gibt, die schon besetzt sind. Wenn ich da besser exekutiere, kann ich da genauso gewinnen.“ Und auch darüber hinaus mischen die Samwer-Brüder bei vielen Internetfirmen mit, die durch die deutsche Fernsehwerbelandschaft tingeln: bei Zalando, eDarling, Trivago, MyHammer und so weiter.

Ein bißchen klauen und kopieren ist okay, aber viel nachmachen ist böse? Eine Sichtweise, die sich mir nicht ganz erschließt.

Viel angenehmer finde ich hingegen, was das Berliner Startup „6Wunderkinder“ ausgerufen hat: die Anti-Copycat-Revolution!

Es gibt genug kreatives Potential, gerade in Berlin – um eigene, neue Ideen zu entwickeln und nicht nur um Erfolgsmodelle abzukupfern. Also: Erfindet Neues! Doof halt nur, wenn dann auch diese Idee wieder imitiert werden…

H&M als „Verfechter des Gleichheitsgedankens“ – Design von der Stange

Wieder einmal war ich zu Gast bei „radioeins„, denn „Stange“ war das Thema der „2aufeins„-Sendung – und es ging um die Frage, wieso Star-Designer Kollektionen bei H&M auf die Stange hängen. Nachzuhören ist das Interview wie immer hier im talketing-Blog.

Und der alten Tradition folgend nutze ich den makketing-Blog, um noch ein bißchen mehr Material auszubreiten, denn die Zeit verfliegt im Studio ja immer….

2004 ging es los: Karl Lagerfeld war der erste Mode-Designer, der das Unerhörte tat – er entwarf einige Modestücke für H&M! Diese galten mit ihren heute 2.200 Filialen in 35 Ländern eigentlich eher als „Feind“ der Haute-Couture-Stars, denn schließlich wurden die Ideen ihrer Kollektionen von H&M schnellstens kopiert und landeten dann günstig als neuester Trend in den Laden-Regalen. Lagerfeld adelte das schwedische Modehaus mit seiner Kollektion: „In meinen Augen ist H&M ein Verfechter des Gleichheitsgedankens im positiven Sinne.“ sprach Karl, der Große, und fügte noch hinzu: „Design ist extrem wichtig, aber Design ist nicht nur eine Frage des Preises„. H&M bezeichnete die Kollektion als Geschenk für unsere Kunden. Eine Einladung in eine andere Dimension des Mode-Business at it’s best. (Quelle jeweils: Nachtagenten)

Es wurde also schon im Vorfeld mächtig getrommelt und der Hype nahm mit dem Ankündigungsspot seinen weiteren Lauf:

 

Der Erfolg war – beim ersten Mal zumindest – riesig, auch vom Umsatz her betrachtet – das Plus von 24% wurde allerdings nie wieder mit einem anderen Designer so erreicht. Und auch, wenn Karl Lagerfeld nach der Aktion ein wenig indigniert war (er monierte, dass zu geringe Stückzahlen produziert wurden, so dass nicht alle Kunden einen „Lagerfeld“ erwerben konnten, und verurteilte dies als „Snobismus im Antisnobismus“ (Quelle: SZ) ), so folgten jedes Jahr neue DesignerInnen: 2005 Stella McCartney, 2006 Viktor & Rolf, 2007 Roberto Cavalli, dann Sonia Rykiel, Lanvin, Jimmy Choo und und und…

H&M geht es dabei nicht um den wirtschaftlichen Erfolg, sondern in erster Linie um die Aufmerksamkeit. Denn schon Stella McCartneys Textilien brachten nur noch ein Umsatzplus von 11%, einiges von ihr landete sogar auf den Grabbeltischen. Nein, der Hype ist, was zählte und zählt. Dazu wurde die Anzahl der belieferten Filialen nach und nach verringert: Bekamen noch 800 Filialen die Lagerfeld-Waren, so wurden nur noch 400 mit den McCartney-Teilen beliefert, bei Viktor&Rolf waren es noch 250, bei Roberto Cavalli 200… Begründung: Derartige Kollektionen ließen sich am besten in den Zentren der Metropolen verkaufen – und auch nur dort. Pech für die Landbevölkerung….  (Quelle: stern) Diese künstliche Verknappung sorgte dafür, dass es zu regelrechten „Kampfszenen“ in den Geschäften kam…

Noch 3 Beispiele für den „Wahnsinn“ 🙂

 

H&M zeigt in diesen Spot deutlich, dass es Richtung „Luxus“ geht: kleine Auflage, exklusiv – aber bezahlbar. Zumal es bei H&M und Co keine klassischen Kollektionen mehr gibt, sondern die neue Ware stets nach und nach in die Filialen geliefert wird. Da sind solche „Highlights“ dann ganz recht.

Was haben die Designer davon? Sie können einmal junge Mode im Gegensatz zur Haute Couture entwerfen, erreichen dank H&M eine hohe Aufmerksamkeit in einer großen Zielgruppe – und fixen potentielle zukünftige Kundinnen mit diesen kleinen „Einstiegsdrogen“ an.

H&M sind dabei schon lange nicht mehr die einzigen; auch Desigual lassen sich von Christian Lacroix ihre „Dream“-Kollektion entwerfen und Tchibo punktet mit dem deutschen Design-Star Michael Michalsky, der dort exklusiv seine Linie „Mitch & Co“ verkauft – hat leider nur nicht so gut funktioniert.

Was kommt als nächstes? Versace. Ab Herbst 2011 bei H&M, diesmal auch mit Accessoires wie Kissen und Decken:

 

Denn H&M hat in der Zwischenzeit gelernt, dass sich diejenigen Artikel am besten verkaufen, bei denen auf Anhieb erkannt wird, welcher Designer dahinter steckt: also auffällige Muster oder besondere Schnitte. Versace kommt bunt und mit viel Leder – wir dürfen also gespannt sein!

 

 

Echte Männer… spielen mit Lego

Bis heute sagt mein Vater – mit 100%iger Voraussagbarkeit – bei jedem Dessous-Geschäft, an dem wir vorbeilaufen: „Guck mal, ein Spielzeugladen für Männer…. hehe“.

Das könnte er nun demnächst auch sagen, wenn wir an einem Spielzeuggeschäft vorbeigehen – und damit recht haben, denn die Marketingabteilung der kleinen Klötzchenbauer hat eine neue Zielgruppe ausgemacht: Männer.

Was früher noch „Technic“ hieß, wird nun als „for men“ gebrandet, inklusiver eigener Website.  Also Kiddies, macht Platz, Papa spielt jetzt mit den Lego-Steinen… und baut Raupenbagger oder – ganz neu – einen Unimog. Aber erst, wenn er für Mutti die IKEA-Küche aufgebaut hat 😉

Und ich freue mich schon auf: Legoland for men!

 

Die Zukunft des Marketing – Teil 3: Die Kunden von morgen

Gerade heute habe ich wieder die Diskussion geführt, wie wohl das Marketing von morgen aussehen wird. Die vielen Möglichkeiten faszinieren, aber erschrecken auch. Will man diese individualisierten Botschaften wirklich ständig, überall, non-stop erhalten? Was ist, wenn ich nach wie vor Bücher lesen möchte, aber die Verlage in 5 Jahren nur noch einfache, für sie billigere E-Books anbieten werden? Amazon US verkauft schon seit längerer Zeit mehr E-Books als gebundene Bücher…

Es ist eigentlich egal, wie unsere Befindlichkeiten sein werden, denn es geht in 10 Jahren nicht mehr um uns, sondern um diese hier:

Das sind die Kunden von morgen – und die wachsen heute schon mit all den technischen Möglichkeiten auf, gehen spielerisch damit um und erwarten, dass wir uns ihren Welten anpassen (und nicht umgekehrt). Wir, wir sind dann nur noch Auslaufmodelle, denen man vielleicht ein paar olle Seiten bedrucktes Papier zuwirft….

Ganz so schwarz sehe ich das natürlich nicht, aber es muss uns klar sein, dass – auch wenn wir nicht jede Entwicklung gut heißen – wir diese nicht aufhalten werden können.

Einen weiteren Schritt in Sachen individualisierte, mobile Werbung geht auch Google mit seinem neuesten Angebot, niedlich in Szene gesetzt:

Gemerkt? Da sitzt niemand mehr an seinem Rechner zuhause, sondern guckt in sein Handy oder seinen Laptop… Es kommt alles noch viel schneller!