I’ve seen the future….

Viel wurde geschrieben, viel wurde geklagt über die diesjährige re:publica XI: Das WLAN gab unerwartet schnell seinen Geist auf (ganz schlecht bei einem „Blogger-Kongress“) und in der Folge dann auch das eine oder andere Mobilfunknetz (O2 can’t do). Die Räumlichkeiten waren für den Ansturm der Massen nicht groß genug und und und.

Dennoch: Ich habe eine Menge toller neuer Gedankenfunken erhalten. Ob es nun so herausragende Vorträge von Gunter Dueck (den ihr euch hier anschauen könnt) oder von Sebastian Deterding (hier die Folien seines Vortrages über „Gamefication – Spiel das Leben!“; ich hoffe, der Mitschnitt wird demnächst veröffentlicht) waren – die trösteten dann übrigens darüber hinweg, was für eine unglaublich schlechte Präsentationskultur deutsche Vortragende im Gegensatz zu den angloamerikanischen Redner haben – oder die vielen kleinen Workshops, die Aspekte wie „Gaming“, „Design“, „digitales Lernen“ oder „Crowd-Funding“ vertieften, es wurde immer wieder klar gemacht, dass die digitale Gesellschaft keine elitäre kleine Gruppe ist. Die Veränderungen können wir in unserem eigenen Alltag natürlich schon wiederfinden, aber in kurzer Zeit werden sämtliche Bereiche unseres Leben von „Digitalität“ durchzogen sein. In manchen Fällen wird es revolutionäre Auswirkungen haben, in anderen werden wir diese Veränderungen begrüßen und in wiederum einigen Fällen werden sie uns verängstigen, nur: Rückgängig werden sie sich nicht mehr machen lassen.

Die Besucherzahl ist auf 3.000 angestiegen, zunehmend sind die „Nerds“ nicht mehr nur männlich, sondern auch weiblich. Aber: Sind das denn noch die Nerds? Oder sind es eher die, die sich diesen Entwicklungen verschliessen?

Einiges von dem, was ich gehört habe, klang visionär, einiges banal; doch ich bin mir sicher, in den Menschen dort vor Ort, in denVorträgen, in den Köpfen der Besucher: Ich habe die Zukunft gesehen!

Der Blog ist wieder hergestellt!

So, nun findet ihr auch hier wieder allen alten Blogbeiträge… puuh!

Nach dem Crash am Sonntag möchte ich an dieser Stelle schnell zwei Leuten danken:

Britta Bartelt für die moralische Unterstützung

und

Sebastian Weinert für die technische Hilfe: Daaaaanke!!!!

Prost und auf Wiederröhren!

Anläßlich meines letzten Radio-Besuches bei „2 auf eins“, der hier nachgehört werden kann, beschäftigte ich mich natürlich vorbereitend ein wenig mehr mit Jägermeister. Nein, nicht trinkender Weise….

Der jüngst verstorbene Günter Mast, der lange Zeit die Geschicke der Mast AG leitete, gehörte zu den Urgesteinen, die Marketing noch aus dem Bauch betreiben – sprich: nach eigenem Gefallen.

So wählte er selbst immer die Sprüche und Motive der genialen „Jägermeister“-Kampagne: „Ich trinke Jägermeister, weil….“ aus – sein wichtigstes Kriterium dabei war, ob er darüber lachen konnte.

klassisches „witziges“ Motiv….

Lachen konnte er über: „weil ich am liebsten im Wald und auf der Heide meine Freude habe.“ (erster Spruch aller Zeiten) und „…,weil ich zwar den Numerus Clausus nicht geschafft habe, dafür aber die Nummer mit Claus.“ Das fand dann der deutsche Werberat nicht komisch sondern sittenlos, und rügte die Anzeige. Woraufhin Mast versuchte, den deutschen Werberat abzuschaffen…

Ohnehin war Mast sehr streitfreudig: Er überzog jeden, der mit der Satzkonstruktion „weil…“ warb, mit einem Plagiatsvorwurf, wollte sich dieses „weil“ sogar schützen lassen (der Prozess zog sich über mehrere Instanzen) und verklagte zu guter Letzt die eigene Agentur, weil sie einem anderen Kunden angeblich ein zu ähnliches Konzept verkauft hätten.

Auch die Satire-Zeitschrift „pardon“ wurde auf 1 Million D-Mark Schadensersatz verklagt – und zwar für folgendes Motiv:

nicht "komisch"....

nicht „komisch“….

Aber auch hier konnte sich Jägermeister nicht durchsetzen…. Insgesamt kam die Kampagne jedoch auf über 3.000 Motive!

1973 startet Mast den nächsten Coup. Der vorangegangene Bundesliga-Skandal führt zu einem massiven Zuschauerrückgang in den Stadien und damit auch zu finanziellen Problemen bei manchen Vereinen. Mast sah seine Stunde, packte den Geldkoffer und „kaufte“ sich bei Eintracht Braunschweig ein. Erste Amtshandlung: Per Satzungsänderung wurde das Logo des Vereines vom Löwen zum Hirschen verändert – die erste Trikotwerbung in Deutschland!

Der DFB sah das nämlich gar nicht gerne und hatte dies schon 1967 Wormatia Worms verboten – die sich fügten. Mast focht diesen Kampf aus. Er wurde Präsident („aber nur, um zu gucken, wo mein Geld bleibt“) und versuchte dann noch die Namensänderung in „Jägermeister Braunschweig“ durchzuboxen, womit er jedoch scheiterte. Der Sport war ihm egal: „Ich will nur Werbung, der Fußball interessiert mich nicht.“ Und so zog er sich dann auch aus diesem Geschäft wieder zurück.

Lustige Werbung sah bei Jägermeister in den 80ern noch so aus:

doch schon zuvor versuchte sich die Marke  zu verjüngen*räusper*: Ältere Semester kennen vielleicht noch diesen – zu damaliger Zeit – kultigen Partyspaß:

Richtig cool wurde Jägermeister dann erst ab dem Jahre 2000. Seit den 90ern fungierte nämlich die Sidney Frank Importing Company als Exklusiv-Importeur für die Vereinigten Staaten. Da das Getränk dort noch nicht als verstaubtes Opa&Oma-Gesöff galt, brachte es Frank direkt in die Clubs – und kühlte es dort. Nur: Kalte Getränke stehen im Kühlschrank – und was dort versteckt steht, wird nicht getrunken! Also erfand Frank eine exklusive Zapfanlage – Jägermeister wurde „sichtbar“ – und dank der „Jägerettes“, miniberockten, orange-farbenen Promomädels,

entwickelten die jungen Amis eine unheimliche Vorliebe für den deutschen Kräuterschnaps. Anhaltend. Fast 50% des weltweiten Umsatzes wird nach wie vor in den Vereinigten Staaten generiert.

Dieser Erfolg wurde nun nach Deutschland zurück importiert und verjüngte die Marke ungemein. Heute sehen die hippen Jägermeister-Spots so aus:

obwohl es auch mmer noch sehr bedenkliche Ausreisser gibt, wie dieser Versuch, irgendwie was „youtube-mäßig virales“ zu machen:

Jägermeister bleibt aber die meistgetrunkene deutsche Spirituose rund um den Erdball – und kann es sich sogar erlauben, Werbung für „Kein Jägermeister“ zu machen… 🙂

Klebt Blut an den iPads?

wired 3/2011

In Vorträgen und im Unterricht erzähle ich gerne am Beispiel von Foxconn, die nicht nur für Apple iPhones und iPads herstellen, sondern auch für Sony und Nokia arbeiten und demnächst Hersteller der MediaMarkt/Saturn-Eigenmarken sein werden, wie problematisch es werden könnte, wenn die Arbeitsbedingungen beim Hersteller die Marke beeinträchtigen.

„Fair“ in der Herstellung wird für den Konsumenten ein immer wichtigeres Kaufkritertium – und deshalb wurde es von Apple auch nicht gerne gesehen, dass sich zunehmend Arbeiter von Foxconn in den Tod gestürzt haben. Der Druck vom Abnehmer wirkte: Foxconn spannte Fallnetze auf und lässt sich in den Arbeitsverträgen zusichern und unterschreiben, dass der Arbeiter keinen Selbstmord begehen werde; ansonsten drohe den Hinterbliebenen eine Vertragsstrafe….

Lief die Berichterstattung bislang eher unauffällig, so hat die amerikanische Wired das Thema nun zum Aufmacher der aktuellen Ausgabe gemacht. Hier könnt ihr den Artikel nachlesen.

Das dürfte insbesondere Apple nicht wirklich in den Kram passen, denn gerade für Apple-Kunden spielen ethische Aspekte durchaus eine größere Rolle….

Ich bin auf die offiziellen Reaktionen schon sehr gespannt….

Nachtrag: Ein Artikel dazu aus der „taz“. Apple bedauert zwar die Todesfällt, lässt aber verlautbaren, dass „Foxconns Maßnahmen (…) definitiv Menschleben gerettet“ haben.

Jubel-Chinesen

„In the factory we make cosmetics in the drugstore we sell hope“

Dieses Zitat stammt von Charles Revson, Gründer des „Revlon“-Konzerns und quasi Vater des ersten Nagellacks. Und schon sehen wir, dass selbst ein Thema wie Nagellack unter Marketingaspekten besprochen werden kann – und hören kann man das auch, nämlich hier.

Wie üblich an dieser Stelle  ein bißchen Hintergrundmaterial zum Radio-Interview: Charles Revson war ursprünglich Verkäufer für ein Kosmetikunternehmen, das sich jedoch weigerte, ihn zum nationalen Vertriebsbeauftragten aufsteigen zu lassen. Wie bei vielen guten Gründungen war dies die Initial-Zündung, etwas eigenes zu schaffen. Charles nahm seinen Bruder Joseph und den Chemiker Charles Lachman mit dazu und gemeinsam gründeten sie 1932 „Revlon“ (Lachman steuerte das „l“ bei, der ursprünglich angedachte Name „Revlac“ wurde verworfen). Revson hatte nämlich beobachtet, dass in der boomenden Autoindustrie immer bessere Lacke zum Einsatz kamen. Die Verwendung von Pigmenten ermöglichte eine Vielzahl von Farbmischungen und der Autolack war auch haltbarer als die Varianten, die bislang im Umlauf waren (u.a. aus aufgelöstem Celluoid, also gebrauchtem und ausgemustertem Filmmaterial).  Der erste „richtige“ Nagellack war geschaffen – und startete seinen Siegeszug.

Allerdings galt es noch eine Zeitlang als anrüchig und nicht einer feinen Dame angemessen, Nagellack zu benutzen; es schickte sich nicht, zumal es eher die Damen aus dem horizontalen Gewerbe waren, die sich damit schmückten – und Schauspielerinnen. Letzteren ist es zu verdanken, dass der Nagellack sich dann doch durchsetzen konnte…

Revson entwickelte unermüdlich neue Ideen: So stellte er eines Tages fest, dass seine Frau eine andere Lippenfarbe benutzen musste, da es noch keine einheitlichen Nagellack-Lippenstift-Varianten gab – und auch das erfand er dann flugs: „matching lips and fingertips“.

Revson soll übrigens alle seine Lacke „eigenhändig“ ausprobiert haben….

Zurück zu den Schauspielerinnen – und zu einer anderen Marke: „Chanel“.

1994 wurde nämlich ein unglaublicher Run auf die Farbe „Rouge Noir“ ausgelöst, der Chanel nicht nur sehr überraschte, sondern auch dazu führte, dass der Nagellack blitzschnell ausverkauft war – und zu immensen Schwarzmarktpreisen gehandelt wurde.

Auslöser für diesen Hype war die Schauspielerin Uma Thurman, die in dem Film „Pulp Fiction“ diesen schwarzroten Nagellack trug – zu Zeiten, in denen diese Farbe bislang Grufties und Punkerinnen vorbehalten war:

Auf einmal waren die langweilen Rot- und Pinktöne out – und der Nagellack wurde zum wichtigen Mode-Acessoire.

Legendär: Uma, Travolta und \\“Rouge noir\\“

Ursprünglich hatte Chanel diese Nagellacke lediglich für den Laufsteg und die Modeschauen produzieren lassen – seitdem wird aber jedes Jahr der passende Nagellack in kleiner Stückzahl auf den Markt gebracht – Hype inklusive!

Und heute?

Heute bietet die amerikanische Firma OPI in Kooperation mit Dell die passende Laptop-Farbe zum Nagellack an (nicht etwa umgekehrt):

Und – so schließt sich dann der Kreis – Volvo verkauft die passenden Nagellacke zu seinen Autolacken:

Der Markt für Nagellacke ist dabei nach wie vor wachsend: Allein eine normale Rossmann-Filiale führt bis zu 800 verschiedenen Lacken von 15 Herstellermarken. Die Herren mögen jetzt den Kopf schütteln, die Damen werden das verstehen…

Werbung – Manipulation oder Verführung?

Als Nachtrag zu dem kleinen Vortrag, den ich am 22. Februar gehalten habe, hier nun noch ein paar Ausführungen…

Haben wir heute schon jemanden verführt? Und jemanden manipuliert? Wurden wir vielleicht verführt oder haben wir uns manipuliert gefühlt? Und worin liegt da eigentlich der Unterschied? Letztendlich bezeichnen beide Begriffe eigentlich das gleiche: Wir möchten erreichen, dass eine Person das tut, was sie ursprünglich gar nicht wollte. Den Unterschied macht die Betrachtungsweise des Adressaten: Will er sich verführen lassen? Oder muss man mit mehr Tricks arbeiten, um ihn dahin zu bewegen, wo man ihn gerne hätte?

Der Autor Robert Greene beschrieb diesen Vorgang einmal wie folgt: „Verführung ist die ultimative Form von Machtausübung. Wer sich verführen lässt, tut das freiwillig und ist dabei glücklich.“

Um gekonnt zu verführen brauchen wir Sinnlichkeit:

da fließt einem doch das Wasser im Munde zusammen...

da fließt einem doch das Wasser im Munde zusammen…

Botschaften, die möglichst alle unsere Sinne ansprechen.

Und wir benötigen Aufmerksamkeit – und das wird heutzutage immer schwieriger. Sich deutlich von den vielen Eindrücken und Informationen, die zu jedem Zeitpunkt auf uns einprasseln, abzuheben, ist gar nicht so einfach. Wir können noch so sehr verführen wollen; auf einer großen Single-Party wird uns das wesentlich schlechter gelingen als bei einem romantischen Abendessen. Die Chancen steigen jedoch – auch auf der Party – wenn wir auffallen. Und das gilt in der Konsumwelt ebenso:

Wir lassen uns also gerne verfhren und ungern manipulieren – und doch bieten wir den Manipulatoren leichtes Spiel. Das hängt u.a. damit zusammen, dass wir im alltäglichen Umgang miteinander darauf angewiesen sind, schnelle Urteile und Entscheidungen zu fällen und uns dabei an Oberflächlichkeiten orientieren. Wir vertrauen daher leichter auf manche Signale wie zum Beispiel

– Autorität (transportiert durch Titel, Kleidung/Uniformen, Statussymbolen)

– Ehrlichkeit (ein guter Ruf ist schwer zu erwerben, aber leicht wieder zu verlieren; ein schlechter Ruf entsteht leicht und ist schwer wieder loszuwerden)

– Sympathie (Menschen, die wir mögen, vertrauen wir mehr. Wer gemocht wird, dem verzeiht man Fehler)

er bricht die Herzen der Frauen...

er bricht die Herzen der Frauen…

Diese Sympathie-Falle spiegelt sich im Gesetz der Reziprozität (Gegenseitigkeit) wider: In jeder Kultur finden wir Beispiele dafür, dass Menschen, die etwas geschenkt bekommen (und das kann auch Zeit oder Aufmerksamkeit sein) versuchen, sich für das Erhaltene erkenntlich zu zeigen. Und das öffnet der Manipulation Tor und Türe…. Ein klassisches Beispiel der Reziprozität finden wir – bei der Mafia (wer hätte das gedacht):

Man bekommt einen Dienst erwiesen und schuldet einen Gefallen – dieses einfache, aber nachhaltige Prinzip der Reziprozität eröffnet die Trilogie des „Paten“, denn es erklärt uns so bereits den ganzen Film.

Ein anderes wichtiges Gesetz ist das der sozialen Bewährtheit: Wir orientieren uns gerne an dem, was andere tun, besonders, wenn wir unsicher sind. Ob es die eingespielten Lacher in den Sitcoms sind oder der Umstand, dass wir uns nie in ein leeres Restaurant setzen würden, sondern lieber weiterlaufen, bis ein volleres kommt – all diese Verhalten beruhen auf diesem Gesetz.

Schon der Zirkuspionier P.T. Barnum wußte: „Nichts zieht eine Menge so sehr an wie eine Menge.“ Und so finden wir auch diese Methode häufig in der Werbung:

100.000 zufriedene Kunden haben dieses Buch gekauft...

100.000 zufriedene Kunden haben dieses Buch gekauft…

Weder bei der sozialen Bewährtheit noch bei der Reziprozität hinterfragen wir großartig unser Tun und Handeln, sondern wir lassen uns einfach leiten. Und genau das kann ausgenutzt werden….

Wir können nicht viel machen, denn würden wir allem und jedem mißtrauen, würden wir zu paranoiden Einzelgängern werden. Vielleicht reicht ja ein bißchen mehr Aufmerksamkeit aus – und die Vorsicht bei Geschenken!

Don’t believe the Hype!

Anläßlich meines Radio-Interviews in der Sendung „2auf1“ bei radio eins, das ihr hier nachhören könnt, möchte ich hier noch das ein oder andere zum Thema nachreichen.

Ein Hype, insbesondere ein Medienhype, entsteht, wenn eine Botschaft bei den Empfängern eine größere Resonanz auslöst als erwartet. Wenn sich auf einmal mehr Menschen für Julian Assange und Wikileaks interessieren, dann werden eben auch immer mehr Medien auf dieses Thema einsteigen, was wiederum dazu führt, dass sich immer mehr Leute dafür interessieren („wenn ja nun alle Medien darüber berichten, muss es wohl etwas wichtiges sein….“). Irgendwann ebbt das Interesse dann ab, entweder, weil es zu dem Thema nichts mehr zu sagen gibt, man es als langweilige Mogelpackung entlarvt hat oder andere, neue Hypes das alte Thema überlagern. Unter diesem Aspekt wird auch verständlich, warum es in diesem Winter so überhaupt gar keine Grippe-Warnung bzw. Impfungsaufforderung gab….

Selbstverständlich können Hypes auch künstlich erzeugt werden: Ich muss nur in erster Linie darauf achten, dass möglichst viele Multiplikatoren und Medien über mich berichten – ich benötige also die höchstmögliche Aufmerksamkeit. Das gelingt am besten, wenn es nicht um das Produkt an sich geht, sondern um Skandale, Wunder, Unglaubliches und Unerhörtes (bei Apple handelt es sich fast ständig um „Revolutionen“, wenn neue Produkte präsentiert werden…) drum herum. Dazu können sowohl die klassschen Medien benutzt werden, die sich ja auf jede noch so abstruse Nachricht stürzen, wenn sie nur Leser/Hörer/Zuschauer bringt, aber auch die Social Media Welt, die gerne bereit ist, gut gemachte und wohl inszenierte Botschaften weiter zu verbreiten.

Der Hype löst aber auch unglaubliche Erwartungen aus – und ich laufe als Produzent große Gefahr, dass mein Produkt diese Erwartungen nicht erfüllen kann und ich dementsprechend meine Kunden enttäusche: Vom Gipfel der überzogenen Erwartungen stürze ich in das tiefe Tal der Entäuschungen…

Dies sind in der Tat  Begriffe des „Hype-Zyklus“, den die Beraterin Jackie Fenn entwickelt und geprägt hat:

Spannend dabei ist, dass eine Produkt-Idee nach dem Tal der Enttäuschung nicht zwangsläufig vom Markt verschwinden muss, sondern es nach einer weiteren Phase besser, neu oder anders genutzt werden und sich auf einem „normalen“ Niveau weiterentwickeln kann. Ob das dann immer die Produkte des Hype-Verursachers sind oder eher die der nachziehenden Wettbewerber ist dabei offen.

Somit macht der Hype auch durchaus Sinn für den Markt bzw. den Wettbewerb, denn er kündigt Neues, Innovatives an. Und diese Innovation bekommt zudem gerade noch jede Menge Aufmerksamkeit….

Der Hype kündigt zudem einen kommenden Wandel an, denn natürlich werden von dem Hype auch andere „wachgerüttelt“ und schnellstmöglich beginnen, mit eigenen Produkten auf den Hype-Zug aufzuspringen. Denn den Hype als Hype abzulehnen, ist so ziemlich das Dümmste, was man tun kann. Der Hype kann eine Chance sein, denn er kündigt Veränderung an und so sollte jeder Hype – sofern er mein Business betrifft – von mir überprüft werden, ob und inwieweit ich ihn berücksichtigen muss, ob ich reagieren muss und was ich daraus ablesen und lernen kann.

Don“t believe the hype – but listen to it!

Gillette und das „Freemium“-Modell – eine Marketing-Legende?

Sie hält sich seit Jahren am Leben: Die Legende von King Camp Gillette, der 1895 den Einhandrasierer erfunden hat und nur so wenig davon los wurde, dass er auf die Idee kam, den Rasierer zu verschenken, um dann die teuren Klingen  zu verkaufen.

King Camp Gillette

King Camp Gillette

Dieses „razor & blades“-Modell hat sich auch in anderen Bereichen fortgesetzt, um einen Markt schnell penetrieren zu können: Ob es die sehr günstigen Kombi-Drucker sind, die sich über die Tintenpatronen refinanzieren sollen, Spielekonsolen wie die Xbox oder Dienstleister, die kostenlos Kaffeeautomaten in Büros aufstellen, um damit gekoppelt recht teuren Kaffee zu verkaufen. Allein: Es funktioniert nicht immer, wie wir am Beispiel der Drucker sehen können.

In der Tat verkaufte King Camp Gillette im ersten Jahr lediglich 51 Rasierer und 168 Klingen. Im Jahr darauf waren es dann schon 90.884 Rasier und ein Vielfaches an Klingen. Sein Produkt war dabei jedoch eher hochpreisig: Er bot den Rasierer mit 20 Ersatzklingen für 5 Dollar an – zu damaligen Zeiten entsprach das ungefähr einem halben Wochenlohn. Randal C. Picker zeigt in seinem Aufsatz, dass diese Politik auch nur vernünftig war, denn solange Gillette die Patentrechte auf sein Produkt besaß, konnte kein anderer Anbieter Klingen für seine Rasierer anbieten. Genau hier scheitert das Geschäftsmodell z.B. bei den Druckern: Teure Original-Tintenpatronen sollen die günstig abgegebenen Drucker quersubventionieren – aber dank anderer Anbieter wie Pelikan oder die Refill-Stationen haben die Kunden eine große Ausweichmöglichkeit auf günstigere Patronen.

Gillette hat die Penetration-Strategie also nicht „erfunden“ – dennoch war er ein Marketingfuchs: So sicherte er sich einen Großauftrag des amerikanischen Militärs. Man sorgte sich um das Erscheinungsbild seiner Soldaten und bestellte 3,5 Millionen Rasierer  mit 36 Millionen Klingen für die Armee, die 1917 in den ersten Weltkrieg geschickt wurde. Gillette gab der Army einen hohen Rabatt, vertraute er doch darauf, dass die Soldaten nach ihrer Rückkehr auch weiterhin seinen Rasierer nutzen würden.

Um sich gegen den wachsenden Wettbewerb zu wappnen, verschenkte Gillette später dann in der Tat seine Rasierer und bündelte sie mit Kaffee, Tee und sogar Marshmallows. Er verkaufte sie auch in großen Mengen an Banken, die damit ihre Kunden zur Kontoeröffnung lockten („shave & save“). Gillette-Rasierer galten zu diesem Zeitpunkt jedoch bereits als Qualitätsprodukt – und die Frage ist, welches Produkt in diesen Bundles den größeren Nutzen davon getragen hat.

Als die Patente ausliefen, hatte sich die Gillette Company als Marke bestens etabliert. Mit der ständigen Weiterentwicklung wurde der Status als Premiumprodukt ausgebaut – und ständig sich verändernde Klingensysteme führten dazu, dass andere Klingenanbieter stets hinterher hinkten. Gleichzeitg brachte Gillette einen einfachen, billigen Rasierer auf den Markt, der zwar kompatibel mit anderen Klingen war, aber den Nutzer trotzdem das gute Gefühl gab, wenigstens einen original „Gillette“ zu benutzen.  So sicherte man sich nicht nur das Premiumsegment, sondern war auch im Discountbereich vertreten und überließ diesen Feld nicht den Wettbewerbern.

King Camp Gillette – und damit kehren wir wieder zu den Anfängen der Legende zurück – kam auf die Idee des Einhandrasierers während seiner Tätigkeit als Handelsvertreter für Kronkorken. Er sah dabei, dass es Sinn macht, etwas zu erfinden, das von den Käufern nach der Benutzung weggeworfen und immer wieder neu gekauft wurde (eigentlich müssten die guten alten Rasiermesser doch wieder bei „Manufactum“ angeboten werden…). Im Nachkauf der Klingen liegt nach wie vor der Gewinn in diesem Geschäftsmodell – die Marge liegt bei über 4.000 Prozent:

So kann Gillette sich natürlich große Testimonials wie Tiger Woods, David Beckham (der angeblich ein diamantbesetztes Mach3-Model im Wert von 54.000$ zum Vatertag erhalten haben soll) oder Roger Federer leisten. Gillette, heute zu Procter & Gamble gehörig, ist nach wie vor Marktführer.

Dieser Artikel ist eine kleine Ergänzung zu meinem Interview bei „radioeins“, das hier nachgehört werden kann.

Und solange natürlich Körperbehaarung ih-bäh ist, wird Gillette auch mit solchen tollen Tipps weiterhin punkten können….